Detailliert und kenntnisreich schreibt Sigrid Undset in diesem Roman, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, vom norwegischen Mittelalter. So kenntnisreich, dass es ihr den Literaturnobelpreis einbrachte. Ihre Protagonistin hingegen findet nur die Sünde, wo sie die Liebe sucht.

Kristin, Tochter von Lavran, wächst im 14. Jahrhundert auf einem großen Landsitz in Norwegen auf. Ihr Vater ist ein geachteter Landadliger, der für seine Schönheit und Güte überall geschätzt wird. Doch privat läuft es für ihn nicht so gut. Alle seine Söhne sind gestorben, geblieben sind ihm nur drei Töchter. Auf ihnen ruht nun alle Hoffnung, vor allem auf Kristin, der ältesten.
Es ist ganz selbstverständlich, dass sie standesgemäß und klug heiraten muss. Für sie kommt nur ein Mann in Frage, der die Stellung der Familie stabilisiert und ihren Reichtum im Idealfall erweitert. Das kann leider nicht Arne vom Nachbarhof sein, der ihr oft genug verzweifelt seine Gefühle gesteht. Die Wahl des Vaters fällt schließlich auf Simon, der leider am wenigsten schöne seiner Brüder, den sie schon irgendwie okay findet. Nicht besonders attraktiv, ein bisschen zu bemüht, immer lustig zu sein, aber dafür grundsolide und bei ihrer Familie hoch im Kurs.
Als gottesfürchtiges Mädchen verbringt Kristin vor ihrer Hochzeit noch ein Jahr als Laienschwester in einem Kloster in Oslo. Dort allerdings findet sie alles außer Gott. Die Sünde tritt in ihr Leben in Form des deutlich älteren und verwegenen Erlend Nikulaussøn, der sie und eine Freundin aus einer gefährlichen Lage rettet. Kaum hat sie seine starken Arme berührt, ist es um Kristin geschehen. Dabei ist Erlend alles andere als eine gute Partie. Geld hat er zwar leidlich, dafür war er aber auch schon des Landes verwiesen und ist exkommuniziert aufgrund einer Affäre mit einer verheirateten Frau, aus der zwei Kinder hervorgegangen sind. Die leben zwar auch alle noch auf seinem Hof, aber Erlend sagt Kristin, was Frauen weltweit schon seit mindestens dem 14. Jahrhundert zu hören bekommen: Du bist anders. Du bist was Besonderes. Mit dir meine ich es ernst. Und: Wenn man sich verspricht, irgendwann zu heiraten, dann ist das alles keine Sünde. Und Kristin glaubt es. Was soll sie auch machen als sechzehnjährige Laienschwester, natürlich glaubt sie das.
Für Kristin steht fest: Erlend oder keiner, die Verlobung mit Simon muss gelöst werden und ihr Vater wird das alles schon verstehen. Er kann ja nicht das Unglück seiner Tochter wollen! Alle Warnungen schlägt sie in den Wind – sie und Erlend lieben sich und werden das schon schaffen.
„Ich kenne den Burschen. Er hat wohl wie ein Auerhahn um dich gebalzt, als ihr euch kennengelernt habt, stelle ich mir vor. Es ist schade um dich, du schönes Kind.“
– S. 288
Sigrid Undset erzählt Kristins Geschichte als Trilogie, mit diesem Roman als erstem Teil. Undsets Interesse als Autorin galt immer dem norwegischen Mittelalter, mit dem sie sich tiefgehend befasste. Ihre detaillierte und akkurate Schilderung der damaligen Sitten und gesellschaftlichen Strukturen war eine Begründung für den Literaturnobelpreis, der ihr 1928 verliehen wurde. Undset fängt das Leben im 14. Jahrhundert ein, ohne aber – zumindest in der Übersetzung – historisierend zu schreiben. Sie nimmt sich Zeit um ihre Geschichte zu erzählen, Landschaften, Menschen und Situationen zu beschreiben und aufzubauen. Undset geht in ihren Schilderungen sehr in die Tiefe, vermeidet aber Längen. Auch der christliche, und insbesondere der römisch-katholische Glauben, war der Autorin persönlich wichtig und findet einen deutlichen Widerhall in diesem Roman.
Mit Kristin Lavranstochter schafft sie eine Protagonistin, die in den engen Grenzen ihrer gesellschaftlichen Möglichkeiten rebelliert und für das persönliche Glück immense Risiken eingeht. Dabei geht es nicht nur um den Schmerz, den sie möglicherweise ihrer Familie zufügt, sondern auch um ihr eigenes Seelenheil, das sie mit jeder sündigen Tat weiter aufs Spiel setzt. Die Religion spielt eine immense Rolle in dieser Zeit und diesem Roman und ohne Gottes Segen wagt man keinen Schritt – selbst der sowieso exkommunizierte Erlend will es sich nicht weiter mit dem Vater im Himmel verscherzen.
Kristin Lavranstochter bietet einen tiefen Blick in eine längst vergangene Zeit und auf Strukturen, die sich über die Jahrhunderte bewahrt und verfestigt haben. Vieles von dem, was Kristin widerfährt, ist auch heute noch absolut vorstellbar und holt die „graue Vorzeit“ ein gutes Stück heran. Undset gelingt es, die Geschichte so nahbar und aktuell zu erzählen, dass sie damit durchaus auch Leser*innen erreichen und fesseln kann, die sonst eher nicht im historischen Bereich unterwegs sind. Wer aber historisch interessiert ist, findet im Anhang auch noch ein umfassendes Glossar, das nicht nur einige Begriffe, sondern auch die wichtigsten Ereignisse erläutert, die den Hintergrund des Romans bilden. Nur ob Kristin wirklich ihr großes Glück findet, das erfährt man an dieser Stelle noch nicht – dafür braucht es die nächsten beiden Bände.
Sigrid Undset: Kristin Lavranstochter. Der Kranz.
Kröner 2024, 383 Seiten.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs (OT Kristin Lavransdatter, Kransen, 1920)
978-3-520-62102-3
Dieser Roman wurde mir mit Bitte um Besprechung vom Kröner-Verlag unentgeltlich zur Verfügung gestellt, wofür ich herzlich danke. Weitere Bedingungen oder Absprachen sind damit nicht verbunden.


