Von nur wenigen, aber sehr entscheidenden Monaten im Leben der jungen Ruth Gompertz erzählt Lili Körber in diesem 1934 zuerst erschienen Roman, der davon erzählt, wie rasant das rote Berlin und mit ihm ganz Deutschland nach rechts kippt.

Im Sommer 1932, in einer Pension in Jena, trifft die junge Schauspielerin Ruth Gompertz den ehrgeizigen Ingenieur Arnold Borchard. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Pläne für ein gemeinsames neues Leben in Berlin sind schnell geschmiedet und glänzend, die Ehe bald geschlossen. Daran ändert auch der da schon kritische Kommentars des Standesbeamten über Mischehen nichts. Von so etwas lässt das junge Glück sich nicht beirren, auch wenn nationale Ansichten sich im doch eigentlich noch roten Berlin rasend verbreiten, auch im engsten Umfeld des Ehepaars.
Man sei ja gar nicht gegen die Juden an sich, beteuert man. Ruth sei ja „eine der Guten“, eine der Anständigen, die sich Mühe geben in Beruf und Alltag. Und auch gut verheiratet, immerhin mit einem Deutschen. Auch sähe sie nicht jüdisch aus. Sie müsse gar nichts befürchten. Es gehe ausschließlich um die, die einfach nicht in die deutsche Gesellschaft passen. Ruth will gerne daran glauben, doch binnen weniger Monate erfährt sie, dass es sehr wohl auch um sie geht. Erst darf sie nicht mehr an städtischen Theatern auftreten, dann keine deutschen Stücke mehr spielen, dann gar nichts mehr.
Ihre ebenfalls in Berlin lebende Schwester Hanna und ihr Mann beschließen bald, mitsamt ihren Kindern nach Palästina auszuwandern. Will Ruth nicht mitkommen? Nein, sagt Ruth, Palästina ist ihr ebenso wenig Heimat wie Deutschland es jetzt noch ist, und wie soll sie dort leben, wenn ihr wichtigstes Arbeitswerkzeug, die deutsche Sprache, ihr nichts mehr bringt? In dieser Krise ähnelt sie ihrer Schöpferin. Lili Körber veröffentlichte den Roman zuerst 1934 in Wien unter dem Titel Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland. Er wurde fast sofort verboten. Körber, aus einer polnisch-österreichischen Familie stammend, lebte damals noch in Wien, das sie 1938 nach dem „Anschluss“ verließ. Über mehrere Stationen emigrierte sie schließlich in die USA. Dort absolvierte sie eine Ausbildung zur Pflegerin und litt den Rest ihres Lebens darunter, in der neuen Heimat als Schriftstellerin nichts mehr zu gelten. Wie so viele Autor:innen im Exil kämpfte sie mit dem Verlust ihrer Sprache, die ihr immer so wichtig gewesen war.
„Wie optimistisch die Menschen sind, wie sie noch immer an die Fairneß ihrer Gegner glauben und haben, weiß Gott, Gelegenheit genug gehabt, sich vom Gegenteil zu überzeugen.“
– S. 139
In Die Ehe der Ruth Gompertz erzählt sie von nur wenigen Monaten, in denen die Ereignisse sich überschlagen. Körber lässt Ausschnitte aus Zeitungsartikeln, Gesetzen und anderen Quellen in den Roman einfließen, der dadurch unmittelbar vermittelt, wie die Stimmung der Zeit war und wie die gesellschaftliche Atmosphäre der Zeit sich auf die Bevölkerung auswirkte, wie das gestern noch Undenkbare zum neuen Standard wurde. Verschiedene Perspektiven kommen zum Wort, vom arischen Ultra-Nationalisten bis zum Schuljungen, der in Palästina den einzig wahren Staat erkennt. Manche Gespräche wirken ein wenig zu informativ, ein bisschen gestelzt im Austausch von Ideen und Theorien, doch Ruths Innenleben und ihre wachsende Angst und Verunsicherung wirken durchgehend authentisch. Sehr gelungen ist auch der Kontrast zwischen persönlicher Betroffenheit und nüchterner Berichterstattung. Bald ist kein Bereich des Lebens mehr von der Politik unberührt und auch die Ehe der Borchards kriselt schnell, als Arnold seiner Frau nicht mehr helfen kann und zusehends selbst Repressionen fürchten muss. Er wird schnell zur Randfigur in Ruths neuer Realität, in der sie sich fortan auf Ihresgleichen verlassen muss. Aber wer ist das überhaupt?
Lili Körbers Werk ist heute leider weitestgehend in Vergessenheit geraten, dabei ist gerade dieser Roman so relevant wie in Teilen leider bedrückend aktuell. Natürlich ist der Text im Duktus seiner Zeit geschrieben und manche Passagen mögen inzwischen sentimental anmuten. Das ungeheure Ausmaß der politischen Katastrophe, die naive Hoffnung darauf, dass sich alle im Politikbetrieb schon fair und gesetzeskonform verhalten werden, wird aber auch fast hundert Jahre nach dem ersten Erscheinen noch mehr als deutlich. Ein sehr lesenswerter und beeindruckend beobachteter Text.


