Biographie eines Kneipen-Kapitäns – „Brooklyn soll mein Name sein“ von Eduardo Lago

An Kneipen kommen Geschichten zusammen. Plausible und unglaubliche, tragische und glückliche. In Brooklyn, im Oakland, sitzt mittendrin Gal Ackermann und schreibt sie mit. Irgendwann will er vielleicht einen Roman draus machen, doch dieses Werk muss ein anderer vollenden.

Als 1991 der Autor Gal Ackermann stirbt, hinterlässt er ein Konvolut von Heften, die alles Mögliche beinhalten. Es sind Erzählungen, Szenen, Tagebucheinträge, Zeitungsartikel, abgeschriebene Briefe darunter. Vieles davon hat er geschrieben, während er am Kapitänstisch der New Yorker Bar Oakland saß, viele seiner Figuren sind ihm in eben dieser Bar über den Weg gelaufen. Es ist genug Stoff für einen Roman und doch ist es zu Lebzeiten des Autors nie einer geworden. Nach seinem Tod geht die gesamte Sammlung an seinen Freund Nestor und damit auch die Aufgabe, den Roman endlich zu Ende zu bringen. Nestor quartiert sich schließlich sogar in Gals altem Zimmer ein, um den Roman vollenden zu können.

Eduardo Lagos Roman ist komplex. Er wird erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und in Fragmenten – Auszüge aus den Heften, Telefonate, Briefe und Mails. Nicht immer ist gleich klar, wer spricht und an wen die Person sich richtet. Man muss den ganzen Roman lang aufmerksam bleiben, auf die Nuancen und die Zeitachsen achten, sonst geht man darin verloren. Nestor rekonstruiert nicht nur den geplanten Roman, sondern auch Gals Biographie und zahllose Begegnungen, die ihm im Leben wichtig waren und die ihn geprägt haben. Das reicht von wilden Eskapaden mit berühmten Schriftstellern bis hin zu leisen Begegnungen in kleinen Cafés. Ob Gal das alles wirklich genau so erlebt hat, bleibt dahingestellt. Dem Roman hintenangestellt sind eine Chronologie, ein Personenverzeichnis sowie ein Glossar und man sollte sich nicht scheuen, diese Quellen zur Hilfe zu ziehen. Sonst verirrt man sich leicht in den Tiefen des Romans.

„So viele Träume: Ruhm, Geld, und Eitelkeit. Das sind die Dinge, von denen alle diejenigen träumen, die unbedingt etwas veröffentlichen wollen. So viel Mühe, so viel Arbeit, wofür? Wieviel Bitterkeit, wieviel Frust, wieviel unerfüllte Hoffnungen?“

– S. 24

Beim Schreiben hatte Gal Ackermann immer nur eine einzige Leserin vor Augen: Nadja, geborene Orlov, die er Jahrzehnte früher am Busbahnhof getroffen hat und von der er von der ersten Sekunde an besessen war. Nach einigen Jahren wilder Beziehung und großer Gefühle ist sie verschwunden. Ob sie noch lebt, ob sie noch Orlov heißt, das weiß niemand. Das letzte Lebenszeichen, von dem Gal berichtet, ist eine Postkarte aus Vegas.

Lago berichtete in einem Interview, dass er sich seinen Figuren beim Schreiben erst annähert, nicht mit einem fertigen Bild startet, sondern beim Schreiben herausfindet, wen er da auf die Seiten bringt. So ergeht es einem auch beim Lesen. Stück für Stück bauen die Figuren sich auf, manchmal mit Anekdoten, die zunächst bedeutungslos erscheinen, aber doch ein weiterer Mosaikstein sind im Gesamtbild der Charaktere. Man guckt Nestor über die Schulter, wie er den Freund langsam in den Seiten findet, von seiner Adoption erfährt, vom Tod der Mutter während des Spanischen Bürgerkriegs, von den Tagen, in denen er Nadja in blinder Raserei durch die halbe Stadt verfolgte. Es ist kein glattes Bild, das hier entsteht. Die Charaktere sind, wie man erwartet, sie in einer ehemaligen Hafenkneipe zu finden. Rau, voller Brüche, Widersprüche, aber auch von großer Authentizität und Herzlichkeit, wo sie verdient ist.

Der Zugang zu Brooklyn soll mein Name sein ist nicht immer einfach. Es ist kein Pageturner, sondern eine fortwährende Suchbewegung durch ein paar wilde Jahrzehnte, eine fast mythische Stadt und ein außergewöhnliches Leben. Der Roman erzählt vom Bürgerkrieg in Spanien, von der Literaturszene in New York und von der Komplexität des Erzählens an sich. Man mag den neurotischen, grenzüberschreitenden, anstrengenden Gal Ackermann auf diesen mehr als 400 Seiten nicht immer, aber es wird zumindest nicht langweilig mit ihm. Ein manchmal sperriger, außergewöhnlich konstruierter Roman, der alle Anstrengungen wert ist.


Eduardo Lago: Brooklyn soll mein Name sein.
Alfred Kröner Verlag 2021.

Aus dem Spanischen (OT Llámame Brooklyn, 2006) von Guillermo Aparicio und Carlos Singer.

978-3-520-62401-7


Der Roman wurde mir vom Verlag mit Bitte um Rezension kostenfrei überlassen. Weitere Bedingungen waren daran nicht geknüpft, meine Meinung wurde durch die freundliche Geste nicht beeinflusst.


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