Die Welt ist aus den Fugen – das weiß Lorenz Urbach längst. Die dünne Haut der Zivilisation kann sein ungestümes Wesen nicht mehr bedecken. Er hofft, Heilung und Antworten in den Bergen zu finden und begibt sich auf eine Wanderung, die weit über seine Grenzen hinausgeht.

Lorenz Urbach, Lehrer in Wien, steckt in einer handfesten Krise. Seine Ehe ist am Ende, mit der neuen Single-Wohnung kann er sich noch nicht anfreunden, die Schüler*innen, denen er doch etwas über die Welt beibringen soll, scheinen zu glauben, dass er diese gar nicht versteht. Als ihm dann noch ein Kollege die Vorfahrt nimmt mit seinem dämlichen SUV verliert er endgültig die Kontrolle. Die Sommerferien starten für ihn mit einem Disziplinarverfahren.

Mitten in dieser Krise steigen Erinnerungen wieder hoch an Theresa Wolf, seine Jugendliebe, die nach dem Tod ihrer Mutter auf eine lange Wanderung gegangen ist, um die Trauer zu verarbeiten. Was aus ihr geworden ist, weiß er nicht. Vielleicht haust sie irgendwo da draußen in den Alpen, in einer Höhle, mit wilden Haaren und fern jeder Zivilisation. Die Berichte über einen wilden Wolf, der im Karwendel das Wild reißt, passen dazu. Für Lorenz steht plötzlich fest: Es kann gar nicht anders sein. Seine verflossene Liebe ist ein wildes Wesen geworden, ein Menschen-Wolf, der seine Zähne in jedes Schaf schlägt. Und er muss sie finden, diese Kreatur.

Gewappnet mit einer Ausgabe von Walden und ein paar alten Wanderkarten macht er sich auf den Weg ins Gebirge, mitten hinein in die Verwüstung, die dort herrscht. Die Wanderung auf den Spuren Theresas bringt Lorenz an seine Grenzen, physisch wie psychisch. Wahn und Wirklichkeit verschwimmen entlang des Pfads, plastische Traumsequenzen verfolgen ihn bis weit in den Tag hinein. Seine Kräfte überschätzt er maßlos.

„er verzagte über einem Marmeladenkipferl, wo willst noch verloren gehen, in diesem gondeldurchzogenen Land?“

– S. 98

Die Wildnis bricht sich in ihren Weg in Lorenz zivilisiertes Leben. Er selbst hat sie schon lange vor der Wanderung in seine Wohnung eingeladen in Form einer Wurmkiste. Der gutgemeinte Versuch, ein ökologischeres Leben zu führen, endet für Lorenz schon bald in einer Fruchtfliegen-Katastrophe – für ihn ein weiterer Beweis seines ewigen Scheiterns an den Anforderungen der modernen Welt. Draußen in den Bergen dann ist er der Wildnis schutzlos ausgeliefert. In nicht eingelaufenen Wanderschuhen schafft er gerade einmal zwei Tagesetappen, bevor er vorläufigen Unterschlupf findet in einer Hütte, die einer Räuberhöhle gleicht und neben ihm eine Gruppe höchst brutaler Jäger beherbergt.

Die Stimmung wird immer dunkler und obskurer, Lorenz in seinen Gedanken und Taten immer unsteter, bis man nicht mehr weiß, wie glaubhaft er überhaupt noch ist. Umso enttäuschender und abrupt erscheint da das Ende, das dem Weg dorthin nicht ganz gerecht wird. Auch die beiden großen Handlungsstränge – Lorenz Leben in Wien und seine Wanderung – laufen eher nebeneinander her als dass sie sich verbinden. Eine wilde Seite in Lorenz bricht immer mehr durch, eine Aggressivität, die in der Stadt keinen Kanal findet, nicht sein darf. Selbst verstärkten Haarwuchs glaubt er in letzter Zeit zu bemerken, das Tier in ihm bricht durch. Er muss zurück zur Natur, zurück in die Wildnis. Aber man merkt es schon an den lästigen Fruchtfliegen: Das Archaische wird im Kultivierten keinen Raum finden.

Thomas Arzt siedelt Das Unbehagen an in einem unübersichtlichen und gefährlichen Raum – das betrifft hier nicht nur die Berge, sondern eigentlich den gesamten Zustand der Welt. Die Stärken des Autors liegen sehr spürbar in den Dialogen und im Aufbau der düsteren, fast unheimlichen Stimmung, der Verlorenheit seines Protagonisten. Das gelingt ihm hier so gut wie in seinem Debüt Die Gegenstimme. Die Beziehungen zwischen den Figuren wie auch die eher handlungslastigen Szenen allerdings lesen sich nicht immer ganz flüssig, bedingt auch durch die zahlreichen Rückblicke auf Lorenz bisheriges Leben. Arzt lässt am Ende die Zivilisation die Oberhand gewinnen. Für alle Beteiligten sicher die beste Lösung, der Roman aber hätte noch ein bisschen mehr Wildnis vertragen.


Thomas Arzt: Das Unbehagen.
Residenz Verlag 2025.

978-3-7017-1798-9


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