Familienglück auf der Kippe – „Angerichtet“ von Herman Koch

Die Brüder Paul und Serge Lohmann treffen sich mit ihren Frauen Claire und Babette in einem noblen Amsterdamer Restaurant, um eine brisante Angelegenheit zu besprechen. Ihre beiden pubertierenden Söhne haben zusammen etwas angestellt – dass es sich dabei keineswegs mehr um einen unbedachten Jungs-Streich handelt, ist schnell klar, doch die Größe der Tat wird erst nach und nach deutlich. Besonders für Serge ist das eine schwierige Situation, gilt er doch schon als nächster Premierminister. So kurz vor der Wahl kann er sich einen Skandal dieser Größenordnung nicht mehr leisten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Paul. Zu Beginn ist sein Ton dabei noch locker-ironisch. Er mokiert sich über den affektierten Oberkellner, die astronomischen Preise auf der Karte und überhaupt über Leute, die sich in solchen Läden das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Doch sein Ton wird zunehmend gereizt. Man merkt, dass es für Paul um sehr viel geht an diesem Abend und auch, dass er sich generell nicht besonders gut unter Kontrolle zu haben scheint. Besonders der Kellner reizt ihn, der jeden Gang lang und breit erklärt, von der Herkunft der Tomate berichtet und mit seinem abgespreizten Zeigefinger dem Teller des Speisenden gefährlich nahe kommt. Dazu kommt das drohend über der Familie schwebende Unheil, das nun einmal da ist und sich nicht mehr aufhalten lässt.

„Ich überlegte ernsthaft, was eigentlich passieren würde, wenn ich überhaupt nichts sagte, wenn ich einfach so weiterleben würde, wie alle anderen auch.“

Die Rahmenhandlung wird durch die ritualisierte Reihenfolge der Gänge des Abendessens vorgegeben, vom Aperitif bis zum Espresso zum Abschluss. Doch dahinter lauern Brutalität und Tabubruch. Zu Beginn sind die Gesprächsthemen noch harmlos, man spricht über Filme, die man gesehen hat und ganz Alltägliches. Babette scheint im Auto gerade noch geweint zu haben, aber das wird taktvoll übersehen. Nach und nach wird die Geschichte unterfüttert von Rückblenden und von bruchstückhaften Infos über die Tat, die das Abendessen überhaupt erst nötig macht. Wer die Schuld trägt und wer die Sympathie – das ändert sich in diesem Roman immer mal.

Mit jedem Gang wird der Roman düsterer. Nicht alle Wendungen wirken dabei völlig überzeugend und manche auch schlicht überzogen. Kochs Roman war bei seinem Erscheinen lange und sehr erfolgreich, was sicher auch an dem ungewohnten Umgang mit der Thematik liegt. Aber nicht nur deshalb ist der Roman zuweilen eine Qual, sondern vor allem, weil es keine Möglichkeit gibt, den Abgründen zu entkommen, mal kurz durchzuatmen und jemanden zu mögen. Und wenn man doch mal drauf reinfällt, muss mam nur wenige Zeilen später erfahren, dass die Sympathien mal wieder beim Falschen lagen. Dass am Ende noch nicht einmal das Gute siegt und der Roman einen ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit entlässt, versteht sich bei diesen Voraussetzungen beinahe von selbst.


Herman Koch: Angerichtet. Originaltitel Het Diner. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Kiwi 2011, 320 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 146.

Ein Gedanke zu “Familienglück auf der Kippe – „Angerichtet“ von Herman Koch

  1. eimaeckel 9. November 2021 / 18:17

    Danke für die Warnung 😉 Ich brauche bei Romanen auch immer einen Hoffnungsträger, wenn schon kein Happy-End in Sicht ist.

    Gefällt 1 Person

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