Die Kindheit in Protokollen – „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel

21 Monate verbrachte der namenlose Erzähler in Mischa Mangels Debüt Ein Spalt Luft allein mit seiner Mutter. Fast zwei Jahre, von seinem zweiten bis zu seinem vierten Lebensjahr, zu denen ihm niemand etwas sagen kann.

Kurz nach seiner Geburt entwickelte seine Mutter eine endogene Psychose, wie er aus Gutachten später rekonstruieren wird. Sie bricht alle Kontakte ab und verkriecht sich mit ihrem Sohn in ihrer Wohnung. Derweil kämpft der Vater um das alleinige Sorgerecht. Er ist besorgt um den Sohn, nicht nur um seine Sicherheit, sondern auch um seine Entwicklung. Er soll bei ihm und seiner neuen Partnerin aufwachsen.

Es gelingt und der Erzähler wächst, von gelegentlichen Wochenendbesuchen abgesehen, komplett beim Vater auf. Später bricht er den Kontakt zur Mutter ganz ab, sieht sie über Jahre nicht mehr. Dass sie Kontakt gesucht hat, um Bilder von ihm gebeten hat, das alles erfährt er erst, als er fast zwanzig Jahre alt ist. Als er volljährig wird, bietet sein Vater ihm an, ihm die Unterlagen von damals zu zeigen. Medizinische Gutachten, Gerichtsurteile, Protokolle des Jugendamts. Zwischen den amtlichen Schriftstücken finden sich aber auch die Bänder eines Anrufbeantworters, auf denen die Mutter den Vater wüst und wirr beschimpft.

„Frau ______ hält sich für gesund, ihr Verhalten für normal und wird ihr Leben weiterhin in dieser Form gestalten.“

Daraus setzt die Spurensuche des Erzählers sich zusammen. Nüchterne Feststellungen über den Zustand seiner Mutter, Protokolle darüber, wie ungeschickt sie mit ihm umgeht. Dazwischen immer wieder fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit und Äußerungen des Vaters, der versucht, von der Entwicklung der Situation zu berichten, ohne seinen Sohn zu verletzen. Der Versuch, von anderen Familienmitgliedern mehr zu erfahren, erweist sich als ebenso schwer, wie den Kontakt zur Mutter zu stabilisieren. Die Gespräche zwischen den beiden scheinen sich in BAföG-Angelegenheiten zu erschöpfen.

Mangel bietet keine Lösung, keine einfache Rekonstruktion des Geschehen. Er nimmt einen mit auf eine vorsichtige Spurensuche, die so aufschlussreich wie frustrierend sein kann. Man folgt dem Erzähler, wie er sich langsam vortastet, Bruchstücke zusammensetzt, eigene Gedanken zu den Fakten findet, alte Erinnerungen ausgräbt und plötzliche Erkenntnisse gewinnt. Dabei ist der Stil durchaus experimentell und sehr fragmentarisch. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, wer spricht, wovon eine Szene handelt und ob sie überhaupt real ist. Wer hofft, in den Gerichtsakten eine definitive Antwort zu finden, wird enttäuscht werden. Den Erzähler allerdings scheint das nicht im Geringsten zu stören.


tl;dr: Mangel schickt seinen Erzähler auf eine so sensible wie harte Spurensuche nach fast zwei Jahren in seiner frühsten Kindheit, die möglicherweise für immer verloren sind. Ein experimentelles und sehr überzeugendes Debüt.


Mischa Mangel: Ein Spalt Luft. Suhrkamp 2021, 271 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 128.

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