Der ewige Traum vom Falken – „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“ von Felicitas Hoppe

Ze Wormez bî dem Rîne gibt es nicht so besonders viel, womit man überregional von sich reden machen könnte. Was es allerdings gibt, und was dann auch kulturell ausgeschlachtet wird, sind die Nibelungen, die dort einst gelebt haben sollen. Seit beinahe zwanzig Jahren gedenkt man dieser Tatsache mit den im Sommer stattfindenden Nibelungenfestspielen. Auf deren Bühne, gelegen direkt vor der Kulisse des Wormser Doms, lässt Felicitas Hoppe die sagenumwobenen Gestalten der politisch vorbelasteten Dichtung ihre Intrigen spinnen.

Sie bringt alle auf die Bühne, die in den Nibelungen Rang und Namen haben: Kriemhild und Brunhild, Siegfried, Gernot, Gunter und Giselher, Ute und Hagen. Und sie ergänzt das Personal um einige zusätzliche Rollen, unter anderem um einen Laien aus Worms, der den Tod geben muss, einen kommentierenden Zeugen im Ruderboot und um den Schatz, der es sonst nie auf die Bühne bringt, obwohl er ein so tragendes Element ist. Ähnlich einer beleidigten Fee darf er nun als Goldene Dreizehn auf einen Platz an der Festtafel hoffen, statt am Grunde des Rheins als Konfliktstoff vor sich hin zu rosten. Hoppe belässt es nicht bei einer Nacherzählung des Stoffes, sondern setzt ihn im Grunde schon voraus, geht darüber hinaus und spielt mit den Charakteren und den ideologischen Schatten, die ihnen folgen. Wer nicht zumindest in Grundzügen mit der Handlung vertraut ist, wird Schwierigkeiten haben, zu folgen, den stringent erzählt wird nicht. Hoppe erzählt viel mehr in szenischen Schilderungen, orientiert an einer modernen Inszenierung des Stoffs und eingeleitet jeweils durch eine an Stummfilme erinnernde Texttafel.

An dieser Stelle bin ich natürlich mit dem Heimvorteil gesegnet, das erste Mal schon in der Grundschule davon gelesen zu haben, wie Siegfried im Drachenblut badet und davon, dass selbst die vermeintlich Unverwundbaren tödlich getroffen werden können. Die Domtür, an der Kriemhild und Brunhild sich um den Vortritt zanken, die Stelle, an der Hagen den Schatz versenkt hat – man kriegt in Worms gar keinen Schulabschluss, wenn man sich das nicht mal bei einem Wandertag angeguckt hat. Und auch sonst hat man bei der Lektüre dieses Romans sehr klare Vorteile, wenn man mit den Größen der Stadt Worms zumindest in Grundzügen vertraut ist. Ich weiß wirklich nicht, wie viel Freude man an der wiederholten Erwähnung des Wormser Woolworths hat, wenn man nicht um die Bedeutung jenes Stützpfeilers der Wormser Nahversorgung weiß.

„Frage: Und was bekommt es zu sehen? Antwort: Einen Stummfilm, der seine Darsteller davon befreit, sagen zu müssen, worum es hier geht. Kein einziger von uns kann Ihnen sagen, worum es in diesem Stück wirklich geht, aber wir lieben es alle.“

Natürlich geht es aber nicht nur um die Wormser Nibelungen, sondern auch um ihre nicht immer ganz einfache Rezeptions- und Produktionsgeschichte. Die beginnt schon bei den Festspielen an sich – denn die sind keine Idee von 2002, sondern von 1937. Aber auch der von Hitler geschätzte Stummfilm von Fritz Lang spielt natürlich eine große Rolle, allein schon im Titel, aber auch in Gestalt von Regisseurin Kettelhut, einer Namensvetterin des Stummfilm-Bühnenmalers Erich Kettelhut. Immer wieder steht die Frage im Raum, wie man die Nibelungen überhaupt noch inszenieren kann, ob und wie man die dicke Schicht aus Kitsch und Ideologie abschütteln kann und ob man jemals wieder eine blond bezopfte Kriemhild auf die Bühne stellen kann. Und nicht zuletzt, ob es diesen Stoff denn überhaupt noch braucht oder man besser gleich was anderes spielt. Dazu bedient sich Hoppe vor allem Pausengesprächen, in denen eine fragende Instanz die Schauspieler*innen in ihren Garderoben aufsucht und sie zu ihren Rollen befragt. Die Darstellenden antworten und das durchaus informiert und reflektiert und eröffnen interessante Perspektiven auf die von ihnen verkörperten Figuren. Doch auch jenseits der sich stetig drehenden, immer sich wandelnden Bühne passiert so einiges. Hoppe kommentiert mit dem Roman nicht nur den Stoff an sich und seine Rezeption, sondern auch gleich den ganzen Theaterbetrieb. Das Publikum fiebert mit, fordert Blut und kommentiert ungeniert. Zudem ist die halbe Stadt involviert: der Ruderclub Blau-Weiß, die Pfeddersheimer Liedertafel, Schülerinnen des Rudi-Stephan-Gymnasiums – sie alle tragen den Trubel der jährlichen Inszenierung mit. Ohne das und die unterbezahlte Statisterie gäbe es das ganze Spektakel um Kriemhild schon lange nicht mehr.

Hoppes Herangehensweise an den legendären Stoff ist mutig und speziell. Vielen zu speziell, wie man aus etlichen enttäuschten Rezensionen herauslesen kann. Wer auf eine Modernisierung des Stoffes in Form einer Nacherzählung hofft, wird von diesem Buch zwangsläufig enttäuscht sein. Die Nibelungen ist allerdings eine kluge und fundierte Auseinandersetzung mit einem schwierigen Stoff, ein Nachdenken über die Rezeptionsgeschichte und das Theater an sich ein und manchmal ein fast bissiger Kommentar über ein Spektakel, das jährlich das Publikum unterhält und eine verschlafene Stadt am Rhein in helle Aufregung versetzt – positiv wie negativ möchte ich mal abseits des Romans bemerken.


tl;dr: Keine einfache Nacherzählung, sondern ein listiger, hintergründiger Blick auf eine uralte Geschichte, die die Deutschen einfach nicht loslässt. Grundkenntnisse der Handlung werden vorausgesetzt.


Felicitas Hoppe: Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm. S. Fischer 2021. 256 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 84.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

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