Ein uralter Kampf – „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ada, Protagonistin in Sharon Dodua Otoos Debüt-Roman Adas Raum erfährt so viele Repressionen auf so vielen Ebenen, dass dafür ein Leben gar nicht reicht. Deshalb muss sie gleich vier mal leben: 1459 in Totope an der Westküste Afrikas, wo sie und ihre Familie erste Begegnungen mit portugiesischen Seefahren haben. 1848 als Ada Lovelace, damals verlachte Vorreiterin heute unverzichtbarer Rechenwege. 1945 als Inhaftierte im KZ Buchenwald, wo sie zum Einsatz im Lagerbordell gezwungen wird. Und schließlich als junge Britin ghanaischer Herkunft, die hochschwanger und zunehmend verzweifelt in Berlin eine Wohnung sucht, während ihr der Brexit im Nacken sitzt und ihre Aufenthaltserlaubnis wanken lässt.

Zusammengehalten werden diese vier Leben nicht nur durch einen Vornamen, sondern auch durch niemand geringeren als Gott, die manchmal auch ein er ist, eine behütende, aber zurückhaltende Instanz, die sich eines weiteren guten Geistes bedient, um Adas Leben im Blick zu behalten. Dieser gute Geist begleitet Ada in Form von Gegenständen auf ihren Wegen durch die Geschichte, stets hoffend, das nächste mal als Mensch inkarniert zu werden und nicht mehr als Türklopfer oder Frühstücksei. Er ist es, der die Erzählung übernimmt, immer ganz nah an Ada und bemüht, Schaden von ihr abzuwenden. Gar nicht leicht, wenn man nur ein alter Besen ist.

Die Lebensrealitäten die Otoo schildert, sind durchweg bedrückend. Keine der vier Frauen kann frei und gleichberechtigt leben. Sie erleben Repressalien und Gewalt in ganz unterschiedlichen Systemen und auf ganz unterschiedliche Arten. Gemeinsam aber haben sie alle, dass sie Menschen über ihnen haben, die sie als gering achten, mitunter als gar nicht lebenswert. Deutlich wird dies besonders bei der Ada, die in der Sonderbaracke Dora im KZ zum Dienst gezwungen wird. Der gute Geist, der bei ihr ist, wird hier wirklich zu Adas Raum, zu Zimmer 37, und registriert in dieser Funktion jeden Schrei, jedes Stöhnen und jedes Schluchzen. Diese Inkarnation wird besonderes bedrückend geschildert und gehört zu den beiden stärksten, gemeinsam mit der modernen Ada, in der alle ihre Leben zusammenkommen. Verzweifelt auf Wohnungssuche in Berlin wird sie zur Identifikationsfigur aller, die in den letzten Jahren in einer Großstadt eine Wohnung finden mussten, doch für sie ist es noch schwerer als für viele andere: Unter ihrem Namen bekommt sie erst gar keine Termine, das geht nur mit dem deutschen Namen der Schwester. Und wenn die potenziellen Wohnungsgeber*innen dann sehen, dass sie Schwarz ist, ist das Gespräch in aller Regel auch gleich vorbei. Auch in den kleinen Wohnungen, auch am Rande der Stadt.

„Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden.“

Mit den vier Adas bringt Otoo eine enorme Themenfülle in den Roman. Obwohl die Themen geradezu zu Moralpredigten einladen, kommt die Autorin ohne erhobenen Zeigefinger aus. An vielen Stellen überlässt sie es dem Publikum, Rückschlüsse aus dem Geschilderten zu ziehen. Nur manchmal wird sie etwas deutlicher, beispielsweise bei der Problematik um afrikanische Kunstwerke in europäischen Museen und der Frage, wem diese eigentlich gehören und wie rechtmäßig sie einst erworben wurden. Der Roman wirkt auch nicht überfrachtet mit Problemen, was zum einen daran liegt, dass sie auf immerhin vier Leben aufgeteilt werden, aber auch daran, dass jede der Adas sie tragen kann. Nicht immer leichten Schrittes, aber stets entschlossen gehen die vier durch ihre Leben und tragen ihre Lasten, so ungerecht verteilt sie auch sein mögen. Der Unterton des Romans ist wütend und entschlossen, aber nicht verbittert und schon gar nicht resigniert. An vielen Stellen sind die Schilderungen sehr humorvoll, vor allem wenn der gute Geist mal wieder in Erscheinung tritt. Das aber täuscht nicht darüber hinweg, dass es Otoo sehr ernst ist mit der Thematik ihres Debüts. Chancen auf Ausflüchte und Relativierungen bietet der Roman nicht.

Adas Raum ist ein mit starker Stimme erzählter Roman, der sich viel vornimmt und vieles davon erreicht. Dank der außergewöhnlichen Konstruktion und Erzählweise kommen die Themen nicht ausgelutscht daher, obwohl man von all dem natürlich schonmal irgendwo gelesen hat. Aber es sind eben nicht nur irgendwelche Themen, sondern die höchstpersönlichen Themen von Ada, und sie will gehört werden. Es ist höchste Zeit.


tl;dr: Otoos erster Roman schildert das Leben vier sehr unterschiedlicher Frauen, die ganz unterschiedliche Leben führen, im Kern aber Opfer derselben Repressions-Mechanismen werden. Adas Raum überzeugt mit einer entschlossenen und kompromisslosen Themenwahl und einer ungewöhnlichen Erzählweise.


Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. S. Fischer 2021. 317 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 127.

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