Women’s Prize for Fiction – Shortlist 2021

Zum 26. mal wird nun der Women’s Prize for Fiction verliehen. Nach der Bekanntgabe der Longlist vor wenigen Wochen sah die Jury um Autorin Bernadine Evaristo sich mit Angriff konfrontiert, weil der Roman einer trans Frau nominiert worden war. Die Autorin Torrey Peters, mit ihrem Roman Detransition, Baby Kandidatin für den Preis, berichtete in Interviews von Angriffen auf ihre Person, die nach der Nominierung vor allem über Soziale Medien erfolgten. Der „Wild Women Writing Club“ warf Peters in einem offenen Brief vor, ihr Roman habe keine weibliche Perspektive. Unterzeichnet war der Brief auch von prominenten und leider toten Autorinnen wie Currer Bell und Daphne DuMaurier. Die Organisator*innen entgegneten, der Preis sei offen für alle, „who [are] legally defined as a woman“. Eben diese Formulierung sorgt vor zwei Jahren schon für größeren Ärger, als Akwaeke Emezi nominiert war. Emezi definiert sich als nicht binär und betrachtete die Pflicht, sich für den Preis als Frau ausweisen zu müssen, als Affront.

Geändert hat sich nach Emezis Weigerung, weiterhin Bücher für den Preis einzureichen, erstmal nichts. Ob die erneute Diskussion in diesem Jahr zu einem Umdenken in der Organisation führt, wird sich zeigen müssen. Auf die Shortlist hat Peters es in diesem Jahr nicht gebracht. Dafür dürfen diese sechs Frauen weiter auf den Preis hoffen:

Brit Bennett: The Vanishing Half

In Mallard, Louisiana ist man stolz darauf, dass die Bevölkerung immer hellhäutiger wird. Hier werden die Zwillinge Stella und Desiree geboren. Als sie erwachsen werden, sind sich einig, dass sie hier keine Zukunft haben und ziehen nach New Orleans. Unverhofft wird Stelle dort als Weiße akzeptiert und kann plötzlich ganz neue Wege gehen. Ihre Schwester spielt da nicht mit und heiratet den dunkelhäutigsten Mann, den sie finden kann. Erst Jahre später treffen die beiden wieder aufeinander.

Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Die verschwindende Hälfte (Übers.: Isabel Bogdan und Robin Detje) bei Rowohlt erschienen.

Geschrieben hat über diesen Roman u. a. Petra Reich auf literaturreich.

Susanne Clarke: Piranesi

Piranesis Haus in diesem phantastischen Roman ist ein einziges Labyrinth aus Fluren, Gängen und Zimmern. Der untere Bereich steht unter Wasser und Piranesi teilt sich sein kurioses Domizil mit Fischen und Vögeln. Sein ganzes Leben widmet er der Erforschung all der Treppen, Ecken und Winkel. Doch er ist nicht alleine im Haus: „Der Andere“ ist auch noch da. Die Auseinandersetzung mit ihm gerät wird für Piranesi zur Suche seiner selbst.

Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Piranesi (Übers.: Astrid Finke) im Oktober 2020 bei Blessing erschienen.

Sehr begeistert von dem Roman war unter anderem Miss Booleana, während man bei Let Us Read Some Books die hohen Erwartungen an die Autorin von Jonathan Strange & Mr. Norrell etwas enttäuscht sieht.

Claire Fuller: Unsettled Ground

Die Zwillinge Jeanie und Julius leben im Alter von 51 noch immer mit ihrer Mutter zusammen in dem abgelegenen Haus, in dem sie aufgewachsen sind. Die Familie lebt völlig isoliert und hat keine Kontakte außerhalb der eigenen vier Wände Als ihre Mutter unerwartet stirbt, sehen die Geschwister sich plötzlich mit hohen Schulden konfrontiert, von denn offenbar alle wussten, außer ihnen. Von heute auf morgen ohne Wohnung und schon immer ohne Job müssen sie mit 51 ganz von vorne anfangen.

Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt. Andere Romane von Fuller sind bei Piper erschienen, vielleicht wird auch dieser folgen.

Yaa Gyasi: Transcendent Kingdom

Als Kind ist Gifty fasziniert von der Geschichte ihrer Familie, die sie von Ghana nach Alabama brachte. Nun ist ihre Familie in der harschen amerikanischen Realität angekommen. Gifty arbeitet an ihrer Promotion über das Belohnugssystem von Mäusen, als ihr Bruder an einer Überdosis stirbt. Ihre Mutter fällt in eine tiefe Depression und Gifty sieht sich mit all den traumatischen Erlebnissen ihrer Familie konfrontiert, die sie über Jahre erfolgreich ausgeblendet hat.

Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Ein erhabenes Königreich für August 2021 bei DuMont angekündigt.

Cherie Jones: How the One-Armed Sister Sweeps Her House

Lala wächst in Barbados auf, direkt am Strand Baxter’s Beach und umgeben von den Geschichten ihrer Großmutter. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Paradies, doch wie so oft ist es das nur für die anderen. Lala verdient Geld, indem sie Touristinnen die Haare zu Zöpfen flicht und ihr Mann hält sich mit Diebstählen und Drogenverkauf über Wasser. Als er sich bei einem seiner Coups übernimmt, gerät das Leben der beiden aus den Fugen.

Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Patricia Lockwood: No One is Talking About This

Lockwood, selbst sehr aktiv auf twitter, hat sich in den vergangen Jahre damit befasst, wie diese Plattform, ihre Möglichkeiten und Beschränkungen, das Schreiben beeinflusst. In ihrem ersten Roman erzählt Lockwood die Geschichte einer Frau, die besessen ist von Twitter und den Leichtigkeiten, die sie dort mit der Welt teilen kann. Als ihr Leben jede Leichtigkeit verliert, sieht sie sich mit der Frage konfrontiert, ob und wie sie ernsthaft über sich selbst schreiben kann oder will.

Eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Und keiner spricht darüber ist für März 2022 bei btb angekündigt.

Das ist vielleicht das erste Jahr, in dem ich mit meine Einschätzung der Shortlist nicht 100% daneben lag. Gelesen habe ich allerdings immer noch keines der Bücher. Ich bin noch zu sehr mit den Shortlists der Jahre 1996 – 2020 befasst. Am 7. Juli wird der Preis in diesem Jahr vergeben – vielleicht gelingt es mir bis dahin ja mal, einen Blick in die Roman zu werfen. Wie ist es bei euch? Kennt ihr eines der Bücher?

10 Gedanken zu “Women’s Prize for Fiction – Shortlist 2021

  1. soerenheim 30. April 2021 / 7:22

    Gelesen habe ich noch keines, aber ein Rezensionsexemplar von „Transcendent Kingdom“ habe ich angefragt. Den „Vorgänger“ fand ich gut genug, als dass ich mir das neue Buch anschauen wollte…

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    • schiefgelesen 30. April 2021 / 7:42

      Sogar der Vorgänger gammelt noch auf meiner Leseliste vor sich hin… Da bin ich wirklich late to the party. Bis ich dazu komme, ist es wahrscheinlich eine interessante Backlist-Entdeckung.

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  2. Anne 30. April 2021 / 10:36

    Ich habe „Piranesi“ gelesen und mir hat es gefallen! Kannte allerdings das Vorgängerbuch nicht, wenn das noch besser ist, sollte ich mir das auch mal anschauen.

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  3. Tobias Illing 30. April 2021 / 11:13

    Keinen einzigen kenne ich, Asche auf mein Haupt. „Piranesi“ klingt aber super spannend und kommt auf die Leseliste. Darf ich noch anmerken, dass „Ein erhabenes Königreich“ ein ganz wundervoller Titel ist?

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    • schiefgelesen 2. Mai 2021 / 10:43

      Das ist wirklich ein wundervoller Titel! Über Piranesi hab ich jetzt schon wirklich viel gutes gehört. Eigentlich ist das gar nicht so mein Genre, aber mittlerweile bin ich dann doch neugierig genug, um ihm eine Chance zu geben.

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  4. Petra 1. Mai 2021 / 16:37

    Gut, dass du mich immer auf diesen Preis hinweist. Dieses Mal habe ich immerhin die Bennett gelesen und die Gyasi auf der Liste. Das Buch von Fuller wurde mir ganz dringend ans Herz gelegt – muss bei mir aber bis zur Übersetzung warten. Liebe Grüße!

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  5. Miss Booleana 26. Mai 2021 / 20:04

    Wow, das ist ja mal eine Debatte. Rund um Gender und den Preis. Ich muss gestehen, dass da in meiner Brust auch zwei Herzen schlagen. Einerseits verstehe ich den Affront, andererseits finde ich die Reaktion mit dem Brief ziemlich häßlich. V.A. wenn irgendwer im Namen von Toten spricht … wie stehst du zu der Genderdebatte?
    Ich meine … ist es nicht für die Autor*innen selber vielleicht sogar ein Affront nominiert zu sein, wenn im Titel des Preises groß „Women“ steht? Und andererseits: warum sind die Themen der Romane in der Womens Prize for Fiction Shortlist gelandet? Qualifzieren Gender-Themen nur im Kontext von Weiblichkeit besprochen zu werden?
    Andererseits: wenn nicht hier, wo bekommen die Bücher dann Aufmerksamkeit? Ich höre lieber auf, bevor mein Kopf explodiert oder sowas.

    Das Buch von Claire Fuller klingt spannend – das werde ich mir mal zu Gemüte führen oder es wenigstens endlich auf die To-Read-Liste hüpfen lassen. Ich frage mich, ob es was damit zutun hat, dass ich das Cover mit Abstand am schönsten finde … oha.

    Und danke fürs Verlinken!

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  6. schiefgelesen 26. Mai 2021 / 20:28

    Das Fuller-Cover ist toll, oder? Ich habe auch schon viel Gutes über den Roman gelesen, allerdings kriegt mich die Geschichte von der Zusammenfassung her jetzt noch nicht so richtig.
    Was die Debatte angeht: ich finde es total okay, wenn ein Preis, der an Frauen vergeben wird, auch an Leute vergeben wird, die nicht schon immer als Frau gelebt haben, es jetzt aber tun. Da verstehe ich die Aufregung nicht. Der Preis wurde mal gegründet als Reaktion auf einen Booker Prize-Liste, auf der nur Männer standen. Der Women’s Prize sollte ein Gegengewicht sein und literarische Stimmen repräsentieren, die im Kulturbetrieb sonst wenig gehört wurden, in diesem Fall eben weibliche. Das ist über 25 Jahre her und ich finde, da hat sich einiges getan, auch wenn man an vielen Listen z. B. sieht, dass „der Literaturbetrieb“ sehr weiß ist. Beim Women’s Prize kann/konnte man das auch lange beobachten, mittlerweile ist die Jury-Zusammensetzung aber auch diverser geworden. Ob aus Zufall oder Kalkül weiß ich nicht. Generell ist die Jury im Vergleich zu anderen recht „unprätentiös“, wenn man das so bewerten will. Sie sind z. B. nicht alle Literaturkritikerinnen oder ähnliches und Zugänglichkeit ist durchaus ein Kriterium. Es sollen schon Bücher sein, die auch von einem breiteren Publikum mit Freude gelesen werden können und nicht unbedingt nur sehr anspruchsvolle Romane, wobei das natürlich eine Rolle spielt. Zurück zur Debatte:
    Die Situation mit Emezi finde ich schon schwerer zu beurteilen. Wenn ich mich recht erinnere, sagte Emezi, es sei schon okay, dass der Preis nur für Frauen sei, fand es aber eine Zumutung, sich als Frau „beweisen“ bzw. ausweisen zu müssen, ohne sich selbst als eine zu sehen. Das kann ich total verstehen. Unklar ist mir, warum der Verlag Emezis Roman überhaupt eingereicht hat. Die Jury sucht sich die Titel ja nicht selbst aus, die werden schon an sie herangetragen. Mit der derzeitigen Politik des Preises werden nicht-binäre Menschen kategorisch ausgeschlossen. Das finde ich schwierig, andererseits eben auch in der Tradition des Preises begründet. Eine Öffnung fände ich gut, kann mir aber vorstellen, dass das intern größere Debatten gibt und es schwierig ist, da eine Grenze zu definieren. Das regelt man nicht in einer Besprechung, das ist ein längerer Prozess. Oder man sagt halt, das ist ein Preis für Frauen, wer nicht laut Ausweispapier eine Frau ist oder sich nicht über ein Ausweispapier als Frau identifizieren lassen möchte, kommt als Preisträgerin nicht in Frage, ohne dass dieser Status oder die literarische Leistung deshalb abgewertet würde. Tatsächlich sind mir aber keine Verlautbarungen der preisverleihenden Organisation zu dieser Thematik bekannt, die über das hinausgehen, was ich bereits geschildert habe. Ein schwieriges Feld!

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