Das Debüt 2019 – meine Punktevergabe

Rund zwei Monate sind vergangen seit der Bekanntgabe der Shortlist von „Das Debüt“. Zwei Monate, in denen wir von der Jury Zeit hatten, uns durch die fünf nominierten Romane zu lesen, zu überlegen und zu diskutieren. Das war der angenehme Teil. Nun aber müssen wir Punkte vergeben für die fünf Romane, und das fällt mir zumindest deutlich weniger leicht. Aber es hilft ja alles nichts. Im folgenden also die kurzen Begründungen, wer warum wie viele Punkte hat. Meine ausführlichere Meinung ist unter den jeweiligen Links zu finden. Ich vergebe…

…. 5 Punkte für Nadine Schneiders Drei Kilometer. Während und direkt nach der Lektüre dieses sehr schmalen Romans war ich gar nicht so ganz begeistert von diesem Roman. Mit etwas Abstand stelle ich aber fest, dass Schneiders sehr ruhige und dichte Erzählung  von den fünf Nominierten den größten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Ihr Roman über drei Freunden, deren Traum von der Freiheit fast sichtbar und doch unerreichbar ist, erzählt auf wenigen Seiten eine komplexe Geschichte.

3 Punkte für Angela Lehners Vater unser. Dieser Roman war der lauteste und direkteste auf der Shortlist. Angela Lehner spielt gekonnt mit einer Erzählerin, der man kein Wort glauben kann. Mit ihrer Rotzigkeit und ihrem überbordenden Mitteilungsbedürfnis nervt die junge Protagonistin oft genug, hinterlässt aber auch einen bleibenden, wenngleich verwirrenden Eindruck.

1 Punkt für Katharina Mevissens Ich kann dich hören. Über weite Strecken hat mich Mevissens Betrachtung der Themen „Hören“ und „Gehört werden“ überzeugt. An einigen Stellen hat der Roman auch seine Schwächen, vor allem in der Wiederholung einiger Episoden. Gelungen fand ich allerdings den Wechsel im Sprachduktus besonders des Protagonisten aber auch in dem seiner Tante, die in der Rückkehr zur fast vergessenen Muttersprache ihre eigene Sprache wiederfindet.

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Lipitsch, der Misanthrop -„Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan

Karl Lipitsch, seinen Vornamen erfährt man erst spät und nebenbei, denn Lipitsch siezt gerne, lebt ein zurückgezogenes Leben. Er hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um an seiner philosophischen Schrift zu arbeiten. Gestört werden will er dabei nicht und überhaupt schätzt er den Umgang mit anderen Menschen nicht. Er bezeichnet sich selbst als Misanthrop und hält vor allem Frauen für eine ärgerliche Ablenkung.

„Allein zu leben, hingegen, bedeutete für Lipitsch das höchste Glück. Er lebte seit einem halben Jahr in einer Art Einsamkeit, die er vollkommen nannte.“

Blöd für ihn, dass ihn eines Tages, er kehrt gerade von einer Reise zurück, seine Nachbarin Mathilde anspricht. Er ist gezwungen, gemeinsam mit ihr in der Bahn zu sitzen und gepflegten Smalltalk zu betreiben, bis sich ihre Wege vor der Haustür endlich trennen. Das allerdings nur vorübergehend. In den nächsten Tagen spricht Mathilde ihn immer wieder über den Gartenzaun an, bringt Kuchen, kommt schließlich zum Kaffee vorbei. Ehe er sich versieht, ist Lipitsch ihr ins Netz gegangen und verstrickt sich mit jedem Fluchtversuch nur noch mehr in den klebrigen Fäden.

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Das Debüt 2019 – der BloggerInnen-Preis fürs Erstlingswerk

Seit 2016 schon gibt es den Blogger*innepreis „Das Debüt“. Dort werden – wie der Name erahnen lässt – Debütromane deutschsprachiger Autor*innen prämiert. Die Vorauswahl treffen Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger. Und das mit nicht unbeträchtlichem Aufwand. Die drei lesen sich durch jeden Titel, der von den Verlagen eingereicht wird. In diesem Jahr waren das immerhin 80 Romane, die höchste Anzahl seitdem der Preis ins Leben gerufen wurde. Eine Übersicht der eingereichten Titel ist auf der Website des Projekts zu finden. Für die Blogger*innenjury bleibt dann nur noch, die Shortlist zu lesen und zu bewerten. Mit fünf Titeln fällt die deutlich knapper aus. Und da der Aufwand nun wirklich überschaubar ist, habe ich mich entschlossen, in diesem Jahr auch mal Teil der Jury zu werden. Außer mir dabei sind: Jennifer Hahn, Tanja Geyer, Jessica Hädecke, Marc Richter, Ines Daniels, Marina Büttner, Oliver Bruskolini, Ruth Justen, Mikka Gottstein, Petra Reich, Eva Nagl-Jancak, Silvia Walter , Fabian Neidhart und Katrin Faulhaber. Einige von ihnen sind auch das erste mal dabei, es gibt aber auch viele Wiederholungstäter*innen. Was wir uns von uns einem guten Debütroman erhoffen und worauf wir bei der Auswahl des Gewinnertitels achten, steht in unseren Vorstellungsbeiträgen Teil I und Teil II.

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In den nächsten Wochen werden wir alle die Titel der Shortlist lesen und bewerten. Für drei der Romane können wir im Anschluss jeweils 5, 3 oder 1 Punkt vergeben. Zwei Bücher gehen komplett leer aus. Aus der Summe der Punkte ergibt sich, wie ihr euch denken könnt, der Siegertitel. Anfang Januar geben wir bekannt, wer unsere Favoriten waren. In diesem Jahr sieht die Shortlist aus wie folgt (die Rezensionen verlinke ich, sobald sie erschienen sind):

Angela Lehner: Vater unser

Dieser Roman wurde auch schon mit dem Debüt-Preis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Lehner erzählt von einer jungen Frau, die in die Psychiatrie eingewiesen wird, weil sie, so behauptet sie zumindest, eine ganze Kindergartengruppe erschossen hat. Dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit niemanden umgebracht hat, dafür aber leidenschaftlich gerne übertreibt, merkt man sehr schnell.

zur Rezension: „sondern erlöse uns von dem Bösen

das denken die anderen: Mikka Gottstein (mikkaliest), Eva Jancak-Nagl (Literaturgeflüster), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts

Noch eine Österreicherin auf dieser Liste. Der Kreis des Weberknechts handelt von einem Mann, der keine Menschen mag und sich in die Einsamkeit zurückzieht. Doch dann geht er seiner Nachbarin Mathilde ins Netz.

zur Rezension: Lipitsch, der Misanthrop

das denken die anderen: Marina Büttner (literaturleuchtet)

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören

In diesem Roman geht es um Osman, einen jungen Cellisten türkischer Herkunft. Der kann zwar gut hören, sich aber nicht immer gut mitteilen. Das macht seine zwischenmenschlichen Beziehungen nicht weniger kompliziert, schon gar nicht die zu seiner Mitbewohnerin.

zur Rezension: Allgemeine Sprachlosigkeit

das denken die anderen: Ines Daniels (letteratura), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Martin Peichl: Wie man Dinge repariert

Und noch ein Österreicher. In diesem epidosenhaft erzählten Roman geht es vor allem um Beziehungen, die Liebe und ihr scheitern. Und darum, dass es gar nicht so einfach ist, Dinge zu reparieren.

das denken die anderen: Silvia Walter (Leckere Kekse)

Nadine Schneider: Drei Kilometer

Drei Kilometer ist kein weiter Weg, ein halbstündiger Spaziergang vielleicht. Aber wenn am Ende dieser drei Kilometer ein streng bewachter Grenzstreifen liegt und man über Fluchtpläne kaum sprechen kann, weil überall Spitzel der Securitate lauern, sind drei Kilometer eine kaum überwindbare Distanz.

zur Rezension: Diesseits der Grenze

das denken die anderen: Marina Büttner (literaturleuchtet), Silvia Walter (Leckere Kekse)

Women’s Prize for Fiction für Tayari Jones

Gestern wurde der diesjährige Women’s Prize for Fiction an Tayari Jones für ihren Roman An American Marriage verliehen. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: “This is an exquisitely intimate portrait of a marriage shattered by racial injustice. It is a story of love, loss and loyalty, the resilience of the human spirit painted on a big political canvas – that shines a light on today’s America. We all loved this brilliant book.”

Jones erzählt in ihrem Roman die Geschichte eines Paares, Roy und Celestial, die in den Südstaaten leben, und als Schwarze rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Dies gipfelt in der unrechtmäßigen Festnahme Roys. Wo vorher große Liebe war, sind nun große Zweifel und noch größere Hindernisse. Denn die Justiz von der Unschuld eines Schwarzen zu überzeugen, ist in den Südstaaten alles andere als leicht.

In deutscher Übersetzung ist der Roman unter dem Titel In guten wie in schlechten Tagen bei arche erschienen.

Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2019

Gute 6 Wochen nach der Bekanntgabe alle Nominierten für den diesjährigen Women’s Prize for Fiction ist seit heute auch die Shortlist da. Überraschenderweise hat es mit Anna Burns immerhin eine meiner Favoritinnen auf die Liste geschafft. So also sieht es in diesem Jahr aus:

Barker, Pat: The Silence of the Girls.

Wer Das Lied des Achill gelesen hat oder ziemlich fit in griechischen Sagen ist, wird Briseis kennen. Achilles raubt sie von den Trojanern und hält sie fortan als Sklavin. Um in einem Streit seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen, lässt Agamememnon sie rauben. Während sie in dieser Geschichte vor allem passiver Spielball ist, lässt Barker sie in ihrem Roman zu Wort kommen und ihre Version der Dinge erzählen.

Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Braithwaite, Oyinkan: My Sister, the Serial Killer.

Koredes Schwester ist eine Serienmörderin. Die Opfer sind Männer, mit denen sie eine Affäre hat. Korede hilft ihr immer, die Spuren zu vertuschen, schließlich ist es ihre Schwester. Doch dann verliebt sich ein Mann in ihre Schwester, den sie selber heimlich liebt und den sie nicht sehenden Auges in sein Unglück laufen lassen kann.

Klingt wie eine makabere Privatsender-Eigenproduktion, ich höre aber viel Gutes.

Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2019

Am sehr frühen 04. März wurde die diesjährige Longlist des Women’s Prize for Fiction veröffentlicht. Wie immer waren meine Tipps rar und dann auch noch falsch. Einzig bei Madeline Miller und Sally Rooney hatte ich auf’s richtige Pferd gesetzte. Letztere aber auch nicht, weil ich wüsste, was sie so macht, sondern weil dieses Jahr kein Preisweg der englischsprachigen Welt an ihr vorbei führt. Erst am 29.04. wird die Shortlist bekannt gegeben. Bis dahin ist das Rennen zwischen diesen Titeln unentschieden:

Barker, Pat: The Silence of the Girls.
Nachdem nun schon Madeline Miller wieder auf der Liste steht, darf Achilles nicht fehlen. In diesem Roman erzählt Barker die Geschichte von der Belagerung Trojas aus der Sicht von Briseis, die alle Miller-Leserinnen natürlich schon kennen. Für alle anderen: Briseis wurde von Achilles geraubt, lebte als seine Sklavin und wurde zum Pfand in einem Streit von Achilles und Agamemnon. In diesem Roman darf sie auch mal was sagen.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

Battle-Felton, Yvonne: Remembered.
Spring sitzt im Krankenhaus am Totenbett ihres Sohnes – der letzte Ort an dem sie sein will, heimgesucht von ihren und fremden Geistern. Ihr Sohn hatte einen schweren Unfall, einige vermuten, dass es sogar ein Attentat war. So oder so bleibt ihr nicht mehr viel Zeit, um ihrem Sohn ihre Geschichte zu erzählen und ihm zu erklären, warum sie wurde, wer sie ist.
Eine deutsche Übersetzung ist bisher nicht angekündigt.

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Women’s Prize for Fiction für Kamila Shamsie

Der diesjährige Women’s Prize for Fiction geht an Kamila Shamsie für ihren Roman Home Fire. Nach Shortlist-Platzierungen 2009 (Burnt Shadows/Verglühte Schatten) und 2015 (A God in Every Stone/Die Straße der Geschichtenerzähler) ist es das erste mal, dass Shamsie den Preis gewinnt. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte von Isma und ihren Geschwistern und der Untrennbarkeit von Privatem und Politischem. In den englischsprachigen Medien wurde der Roman in den höchsten Tönen gelobt, eine sehr lesenswerte deutschsprachige Besprechung gibt es beispielsweise bei letteratura.

In deutscher Übersetzung ist der Roman unter dem Titel Hausbrand beim Berlin Verlag  für September angekündigt.

Und wer nochmal wissen will, gegen wen Shamsie sich durchgesetzt hat – und die Konkurrenz war nicht ohne – kann einen Blick auf die Longlist und die Shortlist werfen.

Die Shortlist des Blogbuster 2018

Seit Wochen warten alle Beteiligten gespannt darauf und nun ist sie da – die Shortlist des Blogbuster 2018. Von den 15 beteiligten BloggerInnen konnten Anfang des Jahres vier keinen Text finden, mit dem sie weiter machen wollten, also umfasste die Longlist dieses Jahr nur elf Titel und nun ist die Zahl der KandidatInnen auf magere drei geschrumpft. Ich freue mich sehr, dass „meine“ Autorin Sabine Huttel mit ihrem Roman Ein Anderer darunter ist. Wenn ich jetzt sage, dass ich das nicht gewusst habe, als ich am Sonntag die Rezension über ihren Roman geschrieben und für Dienstag geplant habe, glaubt mir das ja doch keiner, war aber so.

Anders als ursprünglich geplant, ist die Preisverleihung nun aber nicht schon im Mai. Eigentlich sollte bis dahin ein Sieger gekürt sein, damit der Roman bis Oktober bei kein & aber erscheinen kann und bei der Buchmesse dann präsentiert wird. Das ist sehr,  sehr wenig Zeit für Lektorat, Herstellung, Marketing und alles, was noch dazu gehört. Deshalb wird bei der Buchmesse erst der Sieger bekanntgegeben, der Roman ist dann im Frühjahrsprogramm des Verlags. Geduld ist nun wirklich keine meiner Tugenden und ich wäre froh gewesen, hätte es im Mai eine Entscheidung gegeben, ich verstehe diese Argumentation aber völlig und halte sie sogar für vernünftig. Die Daumen müssen also noch ein bisschen gedrückt bleiben.

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Women’s Prize for Fiction – die Shortlist 2018

Wie jedes Jahr am Welttag des Buches wurde heute die Shortlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction veröffentlicht – sechs weitere Titel für mein wpf-Projekt.  Die Liste der Kandidatinnen verkürzt sich auf folgende Hoffnungsträgerinnen:

Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing: Der Roman, an dem in den letzten Monaten kaum ein Weg vorbei ging, erzählt von den Geschwistern Jojo und Kayla, die bei ihren Großeltern aufwachsen, da ihre Mutter nicht in der Lage ist, sich um sie zu kümmern. Die Kindheit der beiden ist von Armut und Rassismus geprägt. Als ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen werden soll, machen Mutter und Kinder sich auf den Weg, um ihn abzuholen. Auf deutsch erschienen unter dem Titel Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt.

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Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2018

Pünktlich um Mitternacht am Internationalen Frauentag gibt es traditionell die Longlist des Preises, der nach einigen Jahren als „Baileys Prize“ jetzt wieder ohne Sponsoren-Namen ist. Die Finanzierung übernimmt jetzt eine „Sponsoren-Familie“, bestehend aus Baileys, dem Finanzdienstleister Deloitte und der National Westminster Bank.

Über eine Platzierung auf der Longlist freuen sich dieses Jahr:

Nicola Barker: H(A)PPY. Der hochgelobte Roman, der als „postapokalyptisches Alice im Wunderland“ bezeichnet wird, spielt in einer Welt, in der es keine Angst, keinen Tod und keinen Hass gibt und wirft die Frage auf, ob und wie so eine Gesellschaft funktionieren kann.

Elif Batuman: The Idiot. deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Idiotin. Begleitet Selin, Literaturstudierende in Harvard, auf ihren ersten Schritten ins Leben als Erwachsene.

Joanna Cannon: Three Things About Elsie. Über Elsie muss man erstens wissen, dass sie eine sehr gute Freundin ist, die zweitens immer dafür sorgt, dass man sich besser fühlt und drittens etwas kompliziertes, was dieser Roman erklärt. Ein gefeierter Roman über Alter und Demenz.

Charmaine Craig: Miss Burma. Angelehnt an die Geschichte ihrer eigenen Familie erzählt die Autorin eine Geschichte der Kang, einer ethnischen Gruppe, die in Myanmar seit Jahrzehnten verfolgt wird.

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