Man Booker Prize 2017 für Saunders

LincolnInTheBardoGestern abend ist der diesjährige Man Booker Prize an George Saunders verliehen worden für Lincoln in the Bardo. Das Buch ist Saunders erster Roman. Ausgangspunkt der Erzählung ist der frühe Tod von Lincolns Sohn William Wallace Lincoln, der mit 11 Jahren starb. Woran, ist nicht ganz klar, man vermutet heute Typhus. Sowohl Abraham Lincoln als auch seine Frau waren vom Tod ihres Sohnes sehr getroffen und es gibt Berichte, nach denen Lincoln mehrfach zu seinem aufgebahrten Sohn zurückkehrte, um ihn in den Armen zu halten.

Dies nahm Saunders als Inspiration für seinen Roman. Der zweite Teil des Titels, bardo, bezeichnet ein tibetisch-buddhistisches spirituelles Konzept, das verschiedene Zwischenzustände des Geistes zwischen Diesseits und Jenseits bezeichnet. Saunders gibt an, sich nicht streng an dieses Konzept gehalten zu haben, sondern auch Elemente anderer Religionen und Lehren einbezogen zu haben.

In diesem Zwischenzustand also befindet sich Lincoln während er versucht, den Tod seines Sohnes zu begreifen und zu verarbeiten. Die komplette Handlung des Romans passiert während nur einer Nacht.

Update: In den Kommentaren weißt Thomas hilfreich daraufhin, dass eine deutsche Übersetzung durchaus angekündigt ist. Lincoln im Bardo soll im Mai 2018 bei Luchterhand erscheinen.

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National Book Award Finalists 2017

Bevor morgen alle ganz aufgeregt werden wegen des Nobelpreises, kommen hier noch schnell die Finalisten des diesjährigen National Book Awards:

In der Kategorie Fiction noch dabei sind:

  • Elliot Ackerman: Dark at the Crossing 
  • Lisa Ko: The Leavers
  • Min Jin Lee: Pachinko
  • Carmen Maria Machado: Her Body and Other Parties: Stories
  • Jesmyn Ward: Sing, Unburied, Sing

und bei den Sachbüchern:

  • Erica Armstrong Dunbar: Never Caught: The Washingtons’ Relentless Pursuit of Their Runaway Slave, Ona Judge
  • Frances FitzGerald: The Evangelicals: The Struggle to Shape America
  • Masha Gessen: The Future Is History: How Totalitarianism Reclaimed Russia
  • David Grann: Killers of the Flower Moon: The Osage Murders and the Birth of the FBI
  • Nancy MacLean: Democracy in Chains: The Deep History of the Radical Right’s Stealth Plan for America

Wenig überraschend hat sich in puncto Übersetzung noch nichts getan. Bei den Sachbuch-Titeln würde ich auch eigentlich nicht damit rechnen, die sind alle schon sehr USA-spezifisch. Bei der Belletristik sind aber ein paar Titel da, denen ich internationalen Erfolg zutrauen würde, auf jeden Fall Elliot Ackerman und Jesmyn Ward. Vielleicht hat ja bei der Messe jemand Bock, ein paar Lizenzen zu kaufen. Ich möchte auch nochmal auf den durchaus bemerkenswerten Frauenanteil aufmerksam machen.

Die Preisverleihung folgt am 15.11., dann kann man die Gala auch live auf der Seite des National Book Award verfolgen.

 

National Book Award Longlists 2017

Ein ganzer Tag ist vergangen, ohne dass ich etwas über einen Literaturpreis gesagt hätte. Das liegt aber nur daran, dass ich lieber einen längeren als zwei kurze Posts schreiben wollte, außerdem war ich gestern spät zu Hause. In den letzten Tagen wurden die Longlists für den National Book Award veröffentlicht. Für diesen Preis gibt es immer vier Listen, von denen ich hier nur zwei vorstelle – die anderen beiden sind Poetry und Young People’s Literature, deren Bedeutung ich nicht kleinreden will, von denen ich aber auch einfach keine Ahnung habe.

Schon im letzten Jahr standen auf der Longlist sehr viele Titel, die sich mit Rassismus in den USA befassten. Wenig überraschend scheint das Problem seitdem nicht kleiner geworden zu sein:

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Preis der Stiftung Buchkunst 2017

RitesDePassage
Copyright: Christopher Puttins

Im Herbst regnet es Preise für Bücher und das nicht nur für den Inhalt. Auch in diesem Jahr zeichnet die Stiftung Buchkunst das schönste Buch aus. Gewinner des Hauptpreises ist in diesem Jahr Rites de Passage, erschienen bei Walther König. Der Katalog sammelt Werke des Künstlers A.R. Penck, der im Mai verstorben ist. Gezeigt werden unter anderem Auszüge aus seinen Skizzenbüchern und Fotografien seiner Skulpturen.

Unter den nominierten 25 schönsten Büchern waren auch weitaus bekanntere Titel wie Tilmann Ramstedts Morgen mehr und Austers 4 3 2 1. Ich finde die Jury-Begründungen übrigens immer sehr lesenswert, da kommen Aspekte zur Sprache, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt, von Relevanz mal ganz zu schweigen. „Doppelt lackiert – einmal Glanz auf Fleisch, das zweite Mal Relieflack auf Kern, Schale und Strahlen“, heißt es beispielsweise über ein Kochbuch mit einer Avocado auf dem Titel.

Viele der schönen Bücher dürften nur in den wenigsten Buchhandlungen ausliegen, wer sie aber mal in Gänze sehen will, kann sich entweder noch die Vorjahres-Nominierten oder bald die neuen Schönen angucken. Wo und wann steht im Tourneeplan der Stiftung Buchkunst. In Frankfurt im Haus des Buches sind sie ganzjährig zu sehen.

Mehr Bilder und weitere Infos, auch über den internationalen und den Nachwuchspreis, findet ihr auf der Seite der Stiftung Buchkunst.

Baileys Women’s Prize for Fiction geht an Naomi Alderman

Zum letzten Mal ist in diesem Jahr der Baileys Women’s Prize for Fiction verliehen worden, ab nächstem Jahr wird die Sponsoren-Last auf mehrere Schultern verteilt und der Preis heißt dann (wieder) nur Women’s Prize for Fiction. Ich hätte mir was blöderes gewünscht, aber nun gut.

Auf jeden Fall geht er an Naomi Alderman für ihren Roman The Power, der im März 2018 bei Heyne unter dem Titel Die Gabe angekündigt ist. In diesem Roman haben einige Frauen plötzlich eine ganz besondere Gabe – sie können mit ihren Händen starke Stromstöße aussenden. Empowerment mal anders. Es wird eine Zeit dauern, bis ich zu diesem Roman kommen werde, ich bin aber sehr gespannt. Es klingt so gar nicht nach einem Titel, den ich normalerweise lesen würde.

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Baileys Prize for Women’s Fiction – Shortlist 2017

Heute wurde die Shortlist für den diesjährigen Baileys Prize veröffentlicht. Noch im Rennen sind:

Adebayo, Ayobami: Stay with me

Alderman, Naomi: The Power

Grant, Linda: The Dark Circle

Morgan, C.E.: The Sport of Kings

Riley, Gwendoline: First Love

Thien, Madeleine: Do Not Say We Have Nothing

Das ist tatsächlich eine völlig andere Liste als die, die ich mir gewünscht hätte und ich verstehe auch immer noch nicht, warum Ali Smith nicht auf der Liste ist, obwohl sie im relevanten Zeitraum was veröffentlicht hat.

Aber wir wollen nicht so sein, die Titel kommen natürlich trotzdem alle auf die Liste für das Leseprojekt. Verliehen wird der Preis in diesem Jahr am 07.06., zum letzten Mal übrigens unter Baileys-Sponsorship. Mal sehen, wie es danach mit dem Preis weitergeht. Nachdem die bisherigen Sponsoren anscheinend frauenaffine Produkte wie Telefonverträge und Sahnelikörchen vertrieben haben, fände ich ja jetzt mal nen Baumarkt gut, B&Q oder sowas. Ich halte euch auf dem Laufenden!

Baileys Women’s Prize for Fiction – die Longlist 2017

Am Frauentag verkündet der Prize formerly known as the Orange die diesjährige Longlist. Das letzte mal übrigens als Baileys, der Sponsorenvertrag endet in diesem Jahr. Für mich ist es dieses mal natürlich besonders spannend, weil sechs davon Teil meines WPF-Leseprojekts werden.

Die Nominierten sind:

Adebayo, Ayombami: Stay with me

Alderman, Naomi: The Power

Atwood, Margaret: Hag-Seed
als Neuerzählung von „The Tempest“ Teil der Hogarth-Shakespeare Reihe. Möglicherweise ihre 4. Shortlist-Platzierung. Erscheint im April als Hexensaat auf deutsch bei KNAUS.

Flint, Emma: Little Deaths

Gaitskill, Mary: The Mare
auf deutsch als Die Stute bei Klett-Cotta

Grant, Linda: The Dark Circle
2000 Siegerin mit When I lived in Modern Times

Eimear McBride: The Lesser Bohemians
mit The Girl is a Half-Formed Thing Siegerin 2014

Melrose, Fiona: Midwinter

Morgan, C.E.: The Sport of Kings

Omotos, Yewande: The Woman Next Door
die Protagonistin hat meinen Namen, sollte mindestens auf die Shortlist; in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die Frau nebenan bei Paul List

O’Neill, Heather: The Lonely Hearts Hotel
war auch schon mal auf der Shortlist

Perry, Sarah: The Essex Serpent

Proulx, Annie: Barksins
Chance auf die zweite Shortlist-Platzierung, das letzte Mal war allerdings 1997; auf deutsch als Aus hartem Holz beim Luchterhand Verlag

Riley, Gwendoline: First Love

Thien, Madeleine: Do Not Say We Have Nothing

Tremain, Rose: The Gustav Sonata
war schon zwei mal auf der Shortlist, auf deutsch unter dem Titel Und damit fing es an bei Insel erschienen.

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National Book Award 2016

Gestern gegen 21:00 Uhr EST, als ich also schon lange geschlafen habe, wurden die National Book Awards vergeben.

In der Kategorie Fiction hat Colson Whitehead den Preis bekommen für The Underground Railroad. Der Roman spielt in den Südstaaten und handelt von der jungen Sklavin Cora, die unter ihren Lebensbedinungen so sehr leidet, dass sie versucht über die illegalen Fluchtwege, die sogenannte „Underground Railroad“ in den Norden zu fliehen. Aber auch in den vermeintlich sicheren Staaten findet sie keine Ruhe und ein Sklavenjäger ist ihr auf den Fersen.

Von der Shortlist habe ich nur The Association of Small Bombs gelesen und war sehr wenig überzeugt.

Das beste Sachbuch des Jahres kommt nach Ansicht der Jury von Ibram X. Kendi und handelt ebenfalls von Rassismus. In Stamped from the Beginning: The Definitive History of Racist Ideas in America legt er dar, warum die USA den Rassismus mitnichten hinter sich gelassen haben. Er konzentriert sich dabei auf fünf einflussreiche amerikanische Aktivisten und Theoretiker: den Priester Cotton Mather, Thomas Jefferson, William Lloyd Garrison, W.E.B. Du Bois und Angela Davis. Anhand ihrer Thesen und Argumente zeichnet er eine Geschichte des Rassimus in den USA und deckt die zu Grunde liegenden Mechanismen und Entwicklungen auf.

In der Kategorie Poetry hat Daniel Borzutzky mit The Performance of Becoming Human gewonnen, im Jugendbuch das Buch March: Book Three von John Lewis, Andrew Aydin und Nate Powell, das vom Civil Rights Movement in den 1960ern erzählt.

Nachdem ja erst vor kurzer Zeit Paul Beatty den Man Booker Prize für The Sellout bekommen hat, das sich auch mit Rassismus in den USA auseinander setzt, scheint es da gerade einen gewaltigen Gesprächsbedarf zu geben. Wollen wir hoffen, dass es was bringt.

Man Booker Prize für Paul Beatty

Paul Beatty hat für The Sellout den diesjährigen Man Booker Prize bekommen und ist damit der erste US-Amerikaner, der diese Auszeichnung erhält. Fairerweise sei gesagt, dass die nicht immer schlechte Bücher schreiben, sondern erst seit 2014 mitspielen dürfen.

Der Roman ist eine Parodie auf das multiethnische Zusammenleben in den USA, erzählt aus der Sicht eines Manns, der in der Gegend von Los Angeles lebt, in einem Ort, der dem Staat so peinlich ist, dass er nicht mehr auf Landkarte verzeichnet wird. In einem irrwitzigen Experiment führt er in dieser Stadt die Sklaverei wieder ein und setzt an der örtlichen Schule die Rassentrennung durch.

Im Interview sagt Beatty, dass er die These gehört habe, dass sich die Situation für die schwarze Bevölkerung seit dem Ende der Rassentrennung eher verschlechtert habe. Denn im Grunde sei die Gesellschaft ohnehin noch immer getrennt, wenn auch nicht offiziell. Diese Überlegung treibt er in seinem Roman auf die Spitze.

Mehr dazu in diesem sehr sympathischen Interview:

Auf Deutsch ist der Titel bisher meines Wissens nicht angekündigt.

Literaturpreishysterie

Bob Dylan hat den Nobelpreis für Literatur bekommen, das wissen ja mittlerweile wirklich alle. Dazu habe ich keine dezidierte Meinung, weil mich der Nobelpreis an sich nicht besonders interessiert. In den letzten Jahren habe ich nur Mo Yan gelesen und fand es gut. Modiano habe ich nach dreißig Seiten aus Langeweile und Desinteresse abgebrochen.

Ein kleines bisschen hat es mich erleichtert, dass es ein Musiker war, das erspart mir Leute, die im Laden stehen und völlig entsetzt fragen „und von dem haben sie überhaupt nichts da?!“ Nein, habe ich nicht. Würde es irgendwann mal Murakami, hätte ich natürlich was da, würde es Thiong’o hätte ich natürlich nichts da, weil ich genau einen Kunden habe, der den kauft. Dem bestelle ich alle neuen Titel, er freut sich und gut ist. Würde Thiong’o den Nobelpreis bekommen, würde dieser eine Mann sich freuen und vielleicht eines der Bücher nochmal lesen, die er ohnehin schon zu Hause hat. Dafür hätte ich auch dreißig Leute im Laden, die entsetzt sind, dass ich nichts von einem Autor am Lager habe, von dem sie gestern in der Tagesschau das erste Mal gehört haben und den sie vielleicht für einen Koreaner halten. Die Anzahl der Menschen, die entsetzt waren, weil ich nichts von [pet-rik] [mou-di-ai-nou] am Lager habe, war wirklich zu hoch. Gute Frau, nachdem Sie ohne einen Roman dieses Mannes offenbar keinen Tag mehr leben können, sollten Sie vielleicht wenigstens wissen, dass er Franzose ist.

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