Mit Hoffnung an Bord: „Boat People“ von Sharon Bala

Als das Frachtschiff aus Sri Lanka im kanadischen Hafen anlegt, ist die Erleichterung an Bord groß. Auf dem überladenen Schiff befinden sich asylsuchende Tamilen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in der seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Sie alle haben Verfolgung erfahren, Bombardements überlebt und Morde mitangesehen. Aber sie stehen auch unter dem Verdacht, selbst schuldig geworden zu sein. Jeder Passagier ist ein potenzielles Mitglied der Tamil Tigers und damit des Terrorismus verdächtig. Männer und Frauen werden getrennt in Gefängnissen untergebracht, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden wird. Ihnen zur Seite stehen Jurist*innen, die der tamilische Bund organisiert. Unter ihn ist unter anderem die Jura-Studentin Priya, deren Eltern selbst aus Sri Lanka stammen, die aber nur wenig Kenntnis der Kultur hat und kaum Tamil spricht. Lieber würde sie ohnehin im Körperschaftsrecht arbeiten, statt sich durch finstere Einzelschicksale zu arbeiten. Die Entscheidung über Abschiebung oder Bleiberecht liegt unter anderem in den Händen von Grace, einer Richterin, deren Großeltern aus Japan nach Kanada gekommen sind.

Mit ihr und ihrer Familie kommt ein weiteres Kapitel kanadischer Einwanderungsgeschichte in den Roman. Nachdem Kanada Japan 1942 den Krieg erklärt hatte, wurden rund 90% der japanisch-stämmigen Bevölkerung British Columbias in Lagern inhaftiert. Ihr Besitz wurde zu großen Teilen gepfändet, ihre Unternehmen aufgelöst. Unter den Betrffenen ist im Roman auch Graces Mutter, die als Kind im Lager Slocan leben musste und erlebte, wie ihrer Familie Besitz und Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Alter und mit einer fortschreitenden Demenz-Erkrankung kommt vieles davon wieder hoch und sie kämpft so verzweifelt wie aussichtslos um das Haus, das ihrer Familie gehörte. Sie ist eine der lautesten Stimmen für die Asylsuchenden weil sie nicht mitansehen kann, wie nun eine neue Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft als verdächtig gilt, so wie es einst ihr widerfahren ist.

„Bestimmte Leute fühlten sich zu sicher, zu bequem. Für die war es selbstverständlich, dass sie es mehr als wir verdient hatten, hier zu sein. Sie meinten, sie hätten einen höheren Anspruch auf dieses Land, und das hat ihre Herzen verschlossen.“

Zwischen allen Beteiligten entspinnt sich, in und zwischen den Zeilen, das ganze Spannungsfeld des Asylrechts. Es umfasst die, die gerne alle mit offenen Armen empfangen würden und jene, denen die Grenzen gar nicht dicht genug sein können. Und natürlich umfasst es auch die, deren Wohl und Zukunft davon abhängt, ob Kanada sich gastfreundlich zeigt oder nicht. Diese Menschen werden im Roman repräsentiert von Mahindan, der, jung verwitwet, mit seinem Sohn auf ein besseres Leben fern der Heimat hofft. Die Autorin versucht, alle diese Stimmen zu gewichten und die Beweggründe deutlich zu machen, die Sympathie ist dabei aber klar bei den Schwachen und Verwundbaren. Wie schwierig die Thematik ist, und dass es nicht nur richtig und falsch geben kann, wird vor allem am Beispiel von Mahindans Geschichte deutlich, die nach und nach in Rückblenden erzählt wird. Für seinen Weg in die vermeintliche Freiheit hat er einiges auf sich genommen. Nicht alles davon lässt ihn in einem gut Licht erscheinen.

Boat People, Balas Debütroman, ist stark inspiriert von realen Ereignissen. 2009 und 2010 landeten zwei aus Sri Lanka kommende Schiffe in Kanada und brachten insgesamt fast 550 Menschen mit sich. Vieles von dem, was in diesem Roman erzählt wird, hat Bala aus realen Verfahren und Geschehnissen adaptiert. Ihr Ehrgeiz, den Schicksalen gerecht zu werden, ist spürbar. Auch ihre Liebe zum Detail steckt in jeder Seite. In ihrem Bemühen allerdings, Szenen lebendig wirken zu lassen, geht sie manchmal ein bisschen zu weit. So gibt es beispielsweise eine Szene, in der vier Menschen sich bei Tisch unterhalten und in jeder dritten Zeile (ich übertreibe nicht!) beschrieben wird, dass jemand ein Stück Brot abreißt, eine Gabel zum Mund führt oder nach dem Glas greift. Auch dass sie durchgehend auf Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede verzichtet, trägt nicht unbedingt zur Lesbarkeit bei. Noch dazu fehlt es der deutschen Übersetzung besonders zu Beginn ein wenig an Schwung und Eleganz und einige Begriffe klingen, als seien sie nicht ganz passend übersetzt. Durch die vielen verschiedenen Perspektiven, die alle eingeführt werden wollen, braucht der Roman etwas, bis er in Gang kommt, was dann aber in der zweiten Hälfte ganz gut gelingt. Doch so interessant und relevant die zugrundeliegende Geschichte auch ist – ganz rund wird der Roman bis zum Ende nicht.


tl;dr: Bala hat einen hohen Anspruch an die Geschichte ihres Debütromans, kann stilistisch aber nicht immer mithalten.


Sharon Bala: Boat People. Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Arend. Mitteldeutscher Verlag 2020. 478 Seiten. Originalausgabe: The Boat People. McClelland & Stewart 2018.

Das Zitat stammt von S. 332

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

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