#verlagebesuchen beim Bremer KellnerVerlag

Anlässlich des diesjährigen Welttag des Buches haben Verlage in ganz Deutschland Buchfans eingeladen, mal bei ihnen vorbei zu schauen. Mit dabei waren natürlich die großen Häuser, aber auch viele kleine Verlage, die sich mit unterschiedlichsten Aktionen beteiligt haben. Auch zwei Bremer Verlage haben teilgenommen. Beim Franzius-Verlag war gestern Tag der offenen Tür, da musste ich arbeiten, heute aber konnte ich den KellnerVerlag besuchen. Mit dabei war Eva, die den Blog The Lost Art of Keeping Secrets betreibt und die ich dank der Booknerd-Bloggerlandkarte als um die Ecke wohnend entdeckt habe.

Der KellnerVerlag liegt in der Bremer Neustadt direkt an der Kleinen Weser. Heute hatten sich zum früheren der beiden Führungstermine immerhin rund 25 Interessierte eingefunden. Und für viel mehr wäre in den Verlagsräumen, die sonst nur sechs MitarbeiterInnen beherbergen, auch kein Platz mehr gewesen. Verlagsinhaber- und gründer Klaus Kellner selbst hatte sich die Zeit genommen ein bisschen über den Verlag zu erzählen, den er 1988 gegründet hat, ursprünglich um Ratgeberliteratur für Arbeitnehmervertretungen zu publizieren. Bis heute ist diese Sachbuchsparte ein wesentliches Standbein des Verlags. Es werden aber auch zahlreiche Bücher mit Bezug zu Bremen (Bremensien) verlegt, sowie Krimis und Romane. Die beiden auflagenstärksten Titel sind allerdings ein internationales Grünkohlkochbuch und ein Buch über die Drehorte der ZDF-Serie Inspector Barnaby. Zu letzterem Thema hat Kellner auch schon geführte Reisen organisiert. Nachdem ich noch niemals eine Folge dieser Serie gesehen habe, hat mich dieses offenbar allgemein vorhandene Interesse dann schon überrascht, muss ich zugeben.

Nach beinahe dreißigjähriger Verlegertätigkeit und Engagement im Börsenverein hat Klaus Kellner natürlich einiges darüber zu erzählen, wie erfolgreiche und weniger erfolgreiche Bücher gemacht werden. Eine richtige Führung durch die Verlagsräume gab es nicht, dafür aber einen sehr informativen und kurzweiligen Vortrag. Sollte es im nächsten Jahr wieder eine derartige Veranstaltung geben, kann ich sehr zu einem Besuch raten. Ich hoffe ja, dass vielleicht mal mehr niedersächsische Verlage mitmachen, nachdem es in diesem Jahr nur ein einziger war. Kann mir doch keiner erzählen, dass das zweitgrößte Bundesland da nicht mehr zu bieten hat!

Außerdem habe ich den Welttag zum Anlass genommen, nochmal zwei Bücher in die Freiheit zu entlassen. Vor fast exakt einem Jahr hatte ich ja eine Bookcrossing-Tour durch Ostfriesland gestartet, die allerdings ohne Folgen blieb – bis gestern zumindest, da wurde zu meiner Freude eines der ausgesetzten Bücher als gefunden registriert! Grund und Motivation genug für weitere Taten.

Ich hoffe, ihr hattet auch einen schönen und buchreichen Welttag!

Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Auch wenn er mit dem Leben davongekommen ist, hat Mansoor lange an den Folgen des Attentats zu leiden. Er hat Angst vor öffentlichen Plätzen und verlässt das Haus seiner Eltern kaum noch. Außerdem macht er sich schwere Vorwürfe, weil er im ersten Schock nach der Explosion einfach davongelaufen ist. Ihm war klar, dass seine Freunde nicht überlebt haben konnten, aber er hätte bei ihnen bleiben können, bis Hilfe kommt. Isoliert von der Außenwelt beschäftigt er sich viel mit seinem Computer und will schließlich Programmierer werden. Doch die Spätfolgen des Attentats hindern ihn auch daran, seine verletzten Handgelenke ertragen die starke Belastung nicht.

Eher zufällig gerät er in dieser Zeit in eine Gruppierung, die mit friedlichen Mitteln auf die schwierige Lage der muslimischen Bevölkerung aufmerksam machen will. In Mansoors Leben spielt Religion bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar keine Rolle, er betet nicht und versucht eher, seine Herkunft aus Furcht vor Diskriminierung zu verbergen. In dieser Gruppe aber trifft er Ayub, der sehr religiös ist und Mansoor überzeugen kann, dass der Glaube seine Schmerzen viel schneller wird heilen können als jede Wissenschaft. Unter seinem Einfluss wird Mansoor religiös, viel mehr als seine Eltern, und lehnt seine bisherigen Moralvorstellungen zunehmend ab.

Die Khuranas versuchen, den entscheidenden Bruch in ihrem Leben auf andere Art zu verarbeiten. Nach einer heftigen Ehekrise haben sie die „Association of Small Bombs“ ins Leben gerufen. Sie versuchen, den Verletzten und Hinterbliebenen von Bombenattentaten zu helfen. Denn, so ihre Erfahrung, anders als bei einem großen Unglück mit vielen Opfern ist man nach einem Zwischenfall mit so wenigen Toten ziemlich auf sich allein gestellt. Auch sechs Jahre nach dem Tod ihrer Söhne gibt es keine Verurteilungen und erst recht nicht die finanzielle Unterstützung, die ihnen zugesichert wurde.

Kurz gesagt erzählt der Roman von verschiedenen Wegen, mit Trauer umzugehen, von Gewalt und ihrer Rechtfertigung und von religiöser Radikalisierung. Das besondere dabei ist, dass beide Seiten gleichberechtigt dargestellt werden, die der „Opfer“ und die der „Täter“ bzw. ihrer Sympathisanten. Oft aber sind diese beiden Lager, wie in Mansoors Fall, gar nicht so leicht zu trennen. Darüber, wer juristisch schuldig ist oder nicht, entscheidet letzlich ein Gericht. Die moralische Schuld oder Unschuld aber ist eine völlig andere Frage, die Entscheidung darüber gänzlich subjektiv.

Als Idee klingt das sehr interessant, das Buch hat mich leider aber nicht überzeugt, schon gar nicht nach den vielen überschwänglichen Kritiken. An sehr vielen Stellen ist die Handlung zu vorhersehbar, vor allem Mansoors langsamer Weg von einem Jungen, für den Religion nur ein zufälliger Faktor seines Lebens ist zu einem überzeugten Moslem. Zudem bleibt der Roman sehr stark bei Mansoor bzw. der Gruppe, der er sich angeschlossen hat, und ist zu wenig bei den Khuranas. Dadurch wirkt ihre gesamte Entwicklung, ihre bröckelnde Beziehung und besonders ihre Trauerbewältigung fragmentarisch und nicht immer motiviert. Die beiden Erzählstränge, die eigentlich gleichberechtigt und gleich wichtig nebeneinander stehen, geraten dadurch aus dem Gleichgewicht.

Mahajans Roman behandelt zweifelsohne ein wichtiges und aktuelles Thema. Die Brillanz, die ihm häufig attestiert wird, sehe ich allerdings nicht, so wahnsinnig originell sind seine Ansätze dann auch nicht. In der literarischen Umsetzung dieser Ideen steuert er manchmal so stramm auf sein Ziel zu, dass die Entwicklung der Figuren dabei auf der Strecke bleibt.


Karan Mahajan: The Association of Small Bombs. Chatto & Windus 2016. 276 Seiten, ca. € 12,-.  Erstausgabe Viking 2016. Unter dem Titel In Gesellschaft kleiner Bomben erscheint der Roman in deutscher Übersetzung im Mai 2017 bei CulturBooks.

Das Zitat stammt von S. 223

Umzug

Zunächst seid unbesorgt, der Blog bleibt, wo und wie er ist. Aber ich brauche ganz dringend einen massiven Tapetenwechsel und ziehe aus diesem und anderen Gründen in den nächsten Wochen um nach Bremen. Obwohl ich in den letzten zehn Jahren acht mal oder so umgezogen bin, finde ich es immer noch den totalen Horror und werde in den nächsten Wochen kopflos zwischen Kartons herumirren. Vorher muss ich mich auch nochmal in der alten Heimat blicken lassen, da war ich jetzt auch schon ein Jahr nicht mehr. Da wird fürs Bloggen, fürchte ich, wenig Zeit bleiben. Erschwerend hinzu kommt, dass ich ab Mitte des Monats zu Hause kein Internet mehr haben werde.

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Natürlich habe ich vorgearbeitet und auch in der nächsten Zeit werden hier regelmäßig Beiträge erscheinen. Nur kann es sein, dass ich eure Kommentare und auch eure Blogs ein bisschen vernachlässigen werde.

Ich hoffe in ein paar Wochen, spätestens Anfang Mai, wieder voll da zu sein. Bis dahin habt eine schöne Zeit, ich geh jetzt Bücherkisten packen.

Meine Bücher für die letzten Winter – und die ersten Frühlingstage

2017 hat damit angefangen, dass ich etwas gewonnen habe und sogar ein Buch! Beim Geburtstags-Gewinnspiel von Poesierausch gab es Johnny und Jean von Präauer zu gewinnen und ich hatte Glück, was mich natürlich sehr gefreut hat. Wird sofort gelesen!

Auch ein Sachbuch steht dieses mal auf der Liste, nämlich Gift of the Crow von Marzluff. Marzluff kenne ich aus einigen Dokus über Krähen, die gucke ich mir erstaunlich oft an. Ich finde das ja super Vögel, auch wenn sie sehr laut werden können. Ich bin gespannt, was es noch über sie zu sagen gibt.

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Die ersten Bücher im Jahr 2017

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen. Wie auch 2015 konnte ich mich zu keinem Jahresrückblick aufraffen, dafür gibt es einen sehr kleinen Ausblick auf die ersten paar Wochen. Im Frühjahr wird sich bei mir eine Menge ändern (neue Stadt, neuer Job) und ich fürchte, dass sowohl Lesen als auch Bloggen darunter leiden werden. Aber für die nächsten paar Wochen bin ich guter Dinge.

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Leseplan 2017: Mehr Frauen lesen!

Neues Jahr, neues Leseprojekt. Eigentlich mein erstes überhaupt. Ich widme es den Shortlist-Kandidatinnen des Preises, der jetzt „Baileys Women’s Prize for Fiction“ heißt. Und zwar habe ich vor, jeden Shortlist-Titel seit erster Vergabe des Preises (1996) zu lesen. Weil ich subjektiv zu wenig Büchern von Frauen lese, weil ich weiß, dass einige meiner Lieblings- Autorinnen auf der Liste stehen und weil ich einfach Lust drauf hab.

Der Preis wird seit 1996 verliehen und zwar für einen englischsprachigen Roman, der von April des Vorjahres bis März des Vergabejahres in Großbritannien verlegt wurde. Dabei ist es unerheblich, ob die Autorin aus Großbritannien stammt oder nicht, der Roman muss allerdings auf Englisch verfasst worden sein. Von 1996-2006 und von 2009-2012 hieß der Preis „Orange Prize for Fiction“, zwischendrin mal „Orange Broadband Prize for Fiction“, dann gab es 2013 ein sponsorenfreies Jahr in dem der Preis nur „Women’s Prize for Fiction“ hieß und seit 2014 hat der neue Sponsor Baileys seinen Namen davorgehängt. Nachdem der Name so oft gewechselt hat, heißt mein Projekt hier einfach „Women’s Prize for Fiction“ bzw. „WPF“ . Geblieben ist über die Jahre allerdings immer das Prozedere: aus allen Einreichungen wählt eine Jury eine Longlist mit 20 Titeln aus, die dann auf eine sechs Titel umfassende Shortlist gekürzt wird, aus denen dann schließlich der Gewinnertitel bestimmt wird. Preisverleihung ist immer im Juni.

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Fiktives Standard-Haus

Ich möchte mal folgende Frage in die Runde werfen: Habt ihr ein generisches „Standard-Haus“, in das ihr Romanfamilien einziehen lasst, wenn die AutorInnen keine genauen Beschreibungen liefern? Ich habe das nämlich und dachte, dass es bei allen so funktioniert, bis ich im Gespräch vor kurzem erfahren habe, dass dem nicht so ist. Nicht alle Menschen haben offenbar einen Häuser-Fundus im Hinterkopf. Natürlich gibt es nicht nur ein einziges Haus, es muss ja auch ein bisschen zu den Umständen passen und wenigstens ein bisschen Info kriegt man ja meistens vom Text.

So gibt es beispielsweise die Modelle „Suburbia 1-3“, die ich für alle Romane verwende, die in US-amerikanischen Vororten spielen. Eines davon ist das Haus der Huxtables, dort leben unter anderem Familie Stephanides (Middlesex) und Mazies Schwester in Saint Mazie. In einer eingeschossigen Version leben dort auch Ifemelus Eltern in Americanah. Ihre Tante lebt in Modell „Sandra.2“, einer leicht vergrößerten Version des Elternhauses einer langjährigen Freundin.

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Leipzig by the book

Viele von euch kennen Leipzig ja zumindest von Messe-Besuchen, ich kannte es noch nicht. Nun war es am letzten Wochenende das Ziel eines Kurztrips, den ich zusammen mit einer Freundin unternommen habe. Natürlich mit einer, die liest und erst bei der vierten Buchhandlung fragt, ob ich da sicher auch noch rein will.

Weil wir aus völlig verschiedenen Richtungen angereist sind, haben wir uns am Hauptbahnhof getroffen, wobei ich ein bisschen warten musste. Die Zeit habe ich ganz vortrefflich in der Buchhandlung Ludwig vertrödelt, die für eine Bahnhofsbuchhandlung wirklich außergewöhnlich schick und gut sortiert ist. Ein paar Stufen hinauf gibt es auch ein Café, das ich leider aus Platzmangel nicht ausprobieren konnte. Wahrscheinlich ist das aber ein gutes Zeichen.

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#einwortgibt Möglichkeiten

Unter dem Hashtag #einwortgibt organisiert das Literaturfest München gerade eine Blogparade zur Sprache und ihren Möglichkeiten bzw. Grenzen. Dazu halte ich auf Anfrage (und auch ungefragt) einen bunten Strauß von Kurzreferaten bereit, möchte mich an dieser Stelle aber auf den literarischen Bezug konzentrieren.

Viele Menschen haben die ständige Sorge, dass die deutsche Sprache verfällt, verfälscht wird, missachtet wird, verfremdet. Das ist seit mindestens 300 Jahren so und die deutsche Sprache macht noch immer einen recht stabilen Eindruck. Sprache ist vielleicht das demokratischste, was die Welt zu bieten hat. Alle können sie nutzen und alle können sie verändern und theoretisch sind dem keine Grenzen gesetzt. Grundsätzlich kann jeder jederzeit Teil jeder Sprechergemeinschaft werden und dann auch Sachen verändern, zumindest für sich. Es ist mir absolut unverständlich wie man das nicht großartig finden kann. Sprache verfällt nicht, sie verändert sich. Sie wird verändert von denen, die sie sprechen, sie wird nicht gemacht, sie entsteht immer wieder neu. Wenn sie das nicht mehr kann, wenn die Welt eine Sprache überholt, dann ist sie hinüber und verloren. Überleben kann sie nur durch ständige Innovation.

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Was ich in diesem Jahr noch lesen will

Die letzten Wochen im Jahr sind immer die stressigsten, das weiß ich, darauf stimme ich meinen Lesestoff ab und lese was nettes, leichtes und kurzes. Soweit der Plan, hat natürlich nicht mal im Ansatz funktioniert.

Nachdem ich schon fast eine ganze Woche nicht mehr von Käfern geträumt habe oder von Gesichtern, die aus der Wand kommen, habe ich Fahlmann wohl hinreichend überwunden um den nächsten Ecker zu lesen. Es ist mir ein Rätsel, wie ich übersehen konnte, das schon Anfang des Jahres ein neuer Roman von ihm erschienen ist. Der Bahnhof von Plön lese ich jetzt mit Janine von Das Debüt und hoffe, ich habe sie hinreichend vorgewarnt.

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