Es kriecht und krabbelt zwischen den Seiten – der Bücherwurm und seine hungrigen Geschwister

Als Bücherwürmer werden ja gemeinhin die Menschen bezeichnet, die sich hartnäckig und systematisch durch ein Buch nach dem anderen fräsen. In zahlreichen Cartoons wird der Bücherwurm als possierliches, bebrilltes Kerlchen dargestellt, fröhlich winkend aus dem gerade zerstörten Werk. Aber gibt es das wirklich? Schädlinge, die sich durch ganze Regalmeter fressen, eine tunnelförmige Spur der Verwüstung hinterlassend? Einen hochspezialisierten Bücherwurm findet man nicht in der Welt der mitunter lästigen Kleintiere, dafür aber diverse andere Tiere, die durchaus Interesse an gepresster Zellulose, Leim und Leder haben. Niedlich sind sie meistens nicht und der angerichtete Schaden reicht von lästig bis immens, besonders bei größeren und nicht ersetzbaren Bücherbeständen.

Der Bücherwurm

Wie schon gesagt – einen hochspezialisierten Bücherwurm hat die Evolution in der recht kurzen Zeit seit Erfindung des Buchdrucks und der massenhaften Verbreitung von Druckwerken nicht hervorgebracht. Dennoch lassen sich mitunter wurmförmige Lebewesen zwischen den Seiten eines Buches finden. Dabei handelt es sich meist um Larven von Klopfkäfern. In Deutschland besonders häufig anzutreffen ist der 3 mm große Brotkäfer Stegobium paniceum. Der ist sonst auf trockene Lebensmittel und pulverartige Substanzen spezialisiert und im englischen als „drug store beetle“ bekannt.

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Do Judge A Book By Its Cover – Deutschlands schönste Cover-Klischees

Es ist noch nicht so lange her, da demonstrierte @leesteffens auf twitter, dass es nur 10 Arten von Filmen gibt. Ohne wirklich viel Ahnung von Filmen zu haben – ich glaube, er hat recht. Wenn wir aber ehrlich sind, sieht es bei den Büchern nicht viel besser aus. Vor allem in meiner Zeit im Buchhandel ist mir immer wieder aufgefallen, wie viele Klischee-Cover es da draußen gibt, vor allem bei großen Publikumsverlagen. Also habe ich vor etwa zwei Wochen ebenfalls einen Thread veröffentlicht, der unerwartet viel Aufmerksamkeit fand. Viele Leser*innen hatten viel Spaß an diesem Thread und viele haben mich auf noch mehr ähnliche Cover hingewiesen, oft auch abseits der Genres, von denen ich irgendeine Ahnung habe. Grund genug, nochmal ein bisschen tiefer in die Materie zu waten. Heute kommen also ein paar der schönsten Klischee-Cover, die der deutsche Buchmarkt gerade so her gibt. Für keine der Sammlungen musste ich mir besonders viel Mühe geben, einmal quer durch ein paar Publikumsverlage klicken hat völlig gereicht, um ein paar wahre Schönheiten zu finden.

So einfallslos die ewig gleichen Cover auf den ersten Blick wirken – Zufall und Faulheit ist das alles sicher nicht. Die allererste Aufgabe eines Covers ist es ja nun, Aufmerksamkeit zu erregen. Zwischen den Neuheiten im Buchladen, auf der Bestsellerliste und auf dem Werbeplakat muss ein Cover hervorstechen und die begrenzte Aufmerksamkeit potentieller Käufer*innen auf sich ziehen. Dafür bleibt nur der kurze Moment im Vorbeigehen oder -scrollen. Dabei funktionieren nicht nur auffallende Farben und Muster, sondern auch Dinge, die man kennt und mag. Sie haben einen Wiedererkennungseffekt, der eine Einordnung des unbekannten Titels in bekannte Raster ermöglicht. Ähnliche Cover erleichtern die Orientierung im Bücherladen oder im Internet. Was man einmal mochte, mag man sicher nochmal.

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Die Frauen von 2019 – Mein Beitrag zur Frauenleserin-Blogparade

Ende Dezember drängt er sich geradezu auf, der Jahresrückblick. Wie auch im letzten Jahr ruft deshalb Frauenleserin Kerstin Herbert zur Blogparade auf. Das Ziel dieser Parade: Mal durchzählen, wie viele Bücher von Frauen man im letzten Jahr eigentlich gelesen hat. Im letzen Jahr fiel die Zählung meiner Lektüre mit 42 : 18 eindeutig zu Gunsten der Autorinnen aus. Und wie sieht’s dieses Jahr aus? Um das herauszufinden, stellt Kerstin wieder die gleichen Fragen wie beim letzten mal und ich beantworte sie auch in diesem Jahr sehr gerne:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich 2019 mit Ach und Krach wieder 60 Bücher. 18 Bücher davon wurden von Männern geschrieben, ein Buch war eine Anthologie, die ich als „neutral“ gewertet habe. Ohne es darauf angelegt zu haben, ist meine Quote also fast wieder exakt wie im letzten Jahr – 41 : 18. 28 der Bücher von Autorinnen entfallen dabei allerdings auf das Women’s Prize for Fiction-Projekt. Wer weiß, wie’s ohne das aussähe.

Rezensiert habe ich fast alle dieser 60 Bücher. Nichts geschrieben habe ich zu einer Emmanuel Levinas-Einführung, weil ich das Gefühl hatte, mich da doch sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Ebenso nichts geschrieben habe ich über Peichls Wie man Dinge repariert, so ratlos hat es mich zurückgelassen. Es müssten also 58 Rezensionen sein, 41 davon zu Büchern von Frauen. Die Rezensionen zu Büchern aus den letzten Tagen des alten Jahres erscheinen zum Teil auch erst jetzt im Januar, nachgezählt habe ich das alles aber nicht.

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Out Loud – Bremens neues Lesungsformat

Die Wasserglaslesung hat seit Jahren einen schlechten Ruf, tot zu kriegen ist sie aber trotzdem nicht. Vielleicht fehlt mir die nötige Ernsthaftigkeit, aber ich finde es auch total öde, jemandem zuzugucken, wie er oder sie eine Stunde so was vorliest und gelegentlich einen Schluck aus dem in Verruf geratenen Wasserglas trinkt. Autor*innen sollen und müssen trinken, bei warmem Wetter bis zu drei Liter am Tag. Aber das ist ja nun kein kulturelles Highlight. Zum Glück denken verschiedene Leute über verschiedene Wege nach, Lesungen interessanter und vielfältiger zu machen. In Bremen bringt nun „Out Loud“ ein neues Veranstaltungsformat auf die Bühne, bei dem auch das Publikum gefordert ist. Per Smartphone kann man sich nämlich direkt an der Lesung beteiligen.

Den Anfang machte am 23. August Emilia Smechowski mit ihrer allerletzten Lesung aus Wir Strebermigranten. Das Buch ist vor zwei Jahren erschienen und erzählt vom Umzug der Familie Smechowski von Polen nach Westberlin und ihren Anpassungsbemühungen in dem, was einmal die neue Heimat werden soll. Gleich zu Beginn durfte das Publikum schon das erste mal darüber abstimmen, was man selbst mit Polen in Verbindung bringt. Möglich macht das eine Software, über die alle Teilnehmenden ihre Stimme abgeben können. Die Ergebnisse werden dann für alle sichtbar auf eine Leinwand projiziert – oder zumindest für fast alle sichtbar. Ich saß hinter einer Säule und musste meinen Sitznachbarn Jan Küstenkopf fragen. Deswegen gibt es auch keine Bilder der Projektionen während der Veranstaltung, aber ihr alle habt schon mal gesehen, wie Schrift an eine Wand geworfen wird, ihr könnt es euch sicher vorstellen.

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Buchhändlerin? Das wäre ich auch gerne!

Obwohl ich seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr als Buchhändlerin arbeite, führt mein Ausbildungsberuf immer wieder zu Begeisterungsstürmen. So ein schöner Beruf! Tatsächlich ist es ein schöner Beruf, das gebe ich unumwunden zu. Allerdings fällt mir in diesen Gesprächen auch immer wieder auf, dass viele Leute geradezu wildromantische Vorstellungen vom Beruf der Buchhändlerin haben. Und so viel Spaß der Job mir auch gemacht hat – reines Gold ist er halt nicht.

„Da würde ich den ganzen Tag lesen!“

Nein, würdest du nicht. Du würdest 8 Stunden arbeiten und nach Feierabend lesen. Wie in sehr vielen anderen Berufen auch. Wenn es gut läuft, hast du in diesen 8 Stunden eine Menge interessante Gespräche über Bücher geführt, wenn es schlecht läuft sagst du einfach nur 480 mal „9,99 €, wird es bei Ihnen als Geschenk eingepackt, ja der Preis ist abgeklebt, möchten Sie ein Lesezeichen dazu haben? Einen schönen Tag noch!“. Wenn es richtig schlecht läuft, musst du auch noch Schokoladentäfelchen oder irgendeinen anderen Quatsch up-sellen. Wenn es richtig super schlecht läuft sagen mehr als zehn Leute „Da steht ja gar kein Preis drauf, dann kostet es wohl nichts, hahahahaha!“ und man darf sie nicht boxen. Und wenn es super, super schlecht läuft, kotzt auch noch ein Hund auf den Teppichboden und der dicke Wels im Aquarium hinter der Kasse stirbt publikumswirksam. Alles schon dagewesen.

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Mein Freund der Baum ist tot – ruinieren Bücher den Planeten?

Sind nun nach Plastiktüte, Inlandsflug und Dieselmotoren auch Bücher eine Gefahr für den Planeten? Sterben für unseren Lesegenuss mehrere Fußballfelder Regenwald pro Jahr?

So schlimm ist es nicht, das nehme ich mal vorweg. Aber als ich vor Jahren im Herstellungsunterricht mal gelernt habe, wie viele Rohstoffe es braucht, bis ein Buch fertig ist, habe ich schon ein bisschen an der Umweltfreundlichkeit meines Hobbies (und damals auch Berufs) gezweifelt. Klar schneidet Lesen besser ab als Stock Car Racing, Großwildjagd oder Kreuzfahrten. Aber Ressourcen braucht es halt schon und an denen lässt sich auch noch vergleichsweise einfach sparen. Also habe ich jetzt endlich mal einen Artikel von Anja auf ihrem Bücherblog zum Anlass genommen, mich genauer mit dem Thema auseinander zu setzen.

How much wood…

…would a woodchuck chuck if a woodchuck was actually a publisher?

(In diesem Absatz wird viel gerechnet, aber danach geht es ohne Zahlen weiter.)

Um Papier herzustellen, braucht es neben Energie vor allem Wasser und Holz. Und von letzterem eine ganze Menge, denn nicht alle Fasern im Baum eignen sich für die Papierherstellung. Auch das Rohgewicht von Bäumen schwankt erheblich, das heißt Bäume gleichen Volumens haben, abhängig von der Art, sehr unterschiedliche Gewichte. Nadelbäume beispielsweise sind oft leichter als ein gleich großer Laubbaum. Der Einfachheit halber nehme ich im Folgenden für die Papierausbeute einen Durchschnittswert an, nachdem der Faktor 2,2 ist – um 1 kg Papier zu produzieren, braucht man 2,2 kg Holz. Die komplette weitere Rechnung ist beispielhaft und bezieht sich auf Durchschnittswerte, die im Einzelfall natürlich erheblich abweichen können.

Sagen wir, ein Buch wiegt im Schnitt 400 g und wir lesen davon 50 pro Jahr, dann werden für die 20 kg Buch 44 kg Holz und 1130 Liter Wasser gebraucht. Das ist jetzt keine krasse Menge für jede_n von uns, aber wenn man sich die Buchproduktion an sich mal anguckt, kommt da schon einiges zusammen. Nehmen wir an, ein Buch verkauft sich 2.000.000 mal. Das ist eine Menge, aber Jojo Moyes hat das mit Ein ganzes halbes Jahr zum Beispiel schon geschafft. Ein Buch dieser Dicke wiegt ca. 470 g, macht also ca. 940.000 kg Papier, 2.068.000 kg Holz und ca. 53.110.000 Liter Wasser. Das alles auf der Grundlage, dass unser Beispiel-Bestseller nur aus neu gewonnenen Fasern entsteht.

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Nadelbäume sind besonders beliebte Rohstofflieferanten für die Papierindustrie. (Bild: Manfred Antranias Zimmer / pixabay)

Rechnen wir mit Fichte weiter. Alle unsere Fichten sind 25 Meter hoch und haben einen Durchmesser von 40 cm, was 3,14 m³ entspricht. Desweiteren haben die Fichten eine Rohdichte von 470 kg/m³. Aus jedem Baum dieser Größe ließen sich also 1.475,8 kg Holz bzw. 670,82 kg Papier gewinnen. Für unseren Bestseller brauchen wir demnach 1.402 Fichten. Um die genannte Größe erreichen zu können, brauchen diese Fichten einen Pflanzabstand von ca. 5 Metern, jeder Baum hat also einen Platzbedarf von 25 m². Macht einen Flächenbedarf von 35.050 m² bzw. 3,51 ha, bzw. beide Etagen der Halle 3 der Frankfurter Messe, um hier mal ne anständige Maßeinheit reinzubringen.

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Die Frauenleserin-Blogparade und ein paar Worte zum Women’s Prize for Fiction

„Frauenleserin“ Kerstin Herbert ruft in diesem Jahr erstmals zu einer Blogparade auf. Dazu stellt sie einige Fragen, die man beantworten kann, aber nicht muss und die natürlich alle um das Thema „Literatur von Frauen“ kreisen. Ich wollte ja sowieso noch ein paar Worte zum „Women’s Prize for Fiction“-Leseprojekt verlieren und ich glaube, das kann man ganz gut verbinden. Also bitte:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Gelesen habe ich in diesem Jahr 60 Bücher (zugegeben – zwei hab ich noch nicht durch), 42 davon wurden von Frauen verfasst, 18 von Männern, in Quote also 70% zu 30%.  Grundsätzlich rezensiere ich eigentlich alles, was ich lese. Ohne jetzt nachgezählt zu haben, dürfte das Verhältnis da also gleich sein. Lediglich 20 der Bücher entfallen auf das wpf-Leseprojekt – bei meinem Jahresrückblick im vergangenen Jahr hatte ich noch gehofft, es auf 30 zu bringen. Aber auch schon damals hatte ich befürchtet, das nicht zu schaffen. Vor allem Mantels Schinken Wolf Hall, an dem ich wirklich zu knabbern hatte, hat mich da ausgebremst.

Stand der Dinge beim Leseprojekt ist nun, dass insgesamt 138 Bücher auf der Liste stehen, von denen ich bisher 54 gelesen habe. Mit dabei waren Bücher, die mich sehr beeindruckt haben, aber auch wieder andere, deren Preisverdächtigkeit sich mir nicht erschließt, obwohl auch kein totaler Ausreißer dabei war. Überhaupt nicht nachvollziehen konnte ich allerdings den Hype um Aldermans The Power. Besser als ganz okay konnte ich das nicht finden.

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fbm18 Mini-Series IV: Literatur

Vor lauter Politik und Menschen hätte ich es fast vergessen: zur Frankfurter Buchmesse fährt man ja eigentlich wegen der Bücher. Sehr schön fand ich in diesem Jahr die Präsentation der Gastland-Titel inmitten hölzerner Buchstaben. Gemäß dem Motto „made by characters“ war das georgische Alphabet in riesigen Buchstaben nachgebaut, allesamt verziert mit Zitaten und Geschichten zur Literatur des Landes. Außerdem gab es Buchstaben-Klebe-Tattoos, was auch ziemlich cool ist. Und nicht zuletzt konnte man natürlich überall auf der Messe georgische AutorInnen treffen, deren Werke es dank Ehrengast-Auftritt nun auch auf den deutschen Markt schaffen.

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Eher zufällig bin ich auf dem Weg zu einer Kommissar-Kugelblitz-Lesung bei Heinz Strunk vorbei gekommen und geblieben. Er erzählte von seinem neuen Buch Das Teemännchen und beklagte sich, dass man ihn immer noch als ausschließlich humoristischen Autor wahrnehme und beispielsweise Junge rettet Freund aus Teich fast gar nicht wahrgenommen wurde, obwohl es ihm selbst so gut gefällt. Na gut, ich hatte sowieso mal vor das zu lesen. Der goldene Handschuh habe ich nie gelesen, weil Freundinnen mir sagen, ich würde das zu eklig finden. Die Kugelblitz-Lesung habe ich übrigens nicht gefunden oder sie hat nie stattgefunden, das habe ich nicht abschließend herausgefunden. Aber so gut wie früher wird der eh nie mehr.

Eine sehr interessante Veranstaltung zu Literaturkritik unter digitalen Bedingungen gab es am Freitag.  Bei der Gesprächsrunde redeten Katharina Herrmann, Berit Glanz, Philipp Theisohn und Ekkehard Knörer über die Besonderheiten von Literaturempfehlung im Internet und was sie vom klassischen Feuilleton unterscheiden muss. Ich erwarte bei sowas immer ein bisschen Gelaber und blabla und war sehr positiv überrascht von der wirklich interessanten Runde. Vielleicht nehme ich was mit von dem Hinweis, dass Rezensionen online offener sein müssen, um eine Diskussion zu erlauben. Mal sehen. Ihr werdet es schon merken. Oder viel mehr ich werde es merken, wenn hier endlich mal jemand kommentiert.

Meine letzte Veranstaltung war der LitProm-Bestenliste gewidmet. Zoë Beck (Verlegerin und Übersetzerin), Andreas Fanizadeh (Leiter Kulturresort der taz) und Dani Landolf (Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband) stellten die Liste vor, auf der seit 35 Jahren Literatur jenseits des Eurozentrismus präsentiert wird. Mit der Liste soll AutorInnen aus Lateinamerika, Afrika und Asien zu größerer Bekanntheit und Präsenz im deutschsprachigen Raum verholfen werden. Außerdem soll die Übersetzung dieser Literatur ins Deutsche gefördert werden. Besonders im Buchhandel ist die Bekanntheit und Akzeptanz aber immer noch nicht überall gegeben. Vor allem in Buchhandelsketten wird den Titeln kaum oder gar kein Raum gegeben. Auch in klassischen Medien können Besprechungen dieser Titel nicht immer platziert werden, da schon zu viel Raum für bekanntere AutorInnen vorgesehen ist.

Neben diesen „größeren“ Veranstaltungen habe ich mich natürlich auch mit sehr vielen Leuten unterhalten, die sehr hinter den Titeln stehen, die sie produzieren. Das ist immer wieder schön zu sehen, gerade bei den kleineren und kleinen Verlagen. Ich versuche immer, von der Messe so wenig Papier wie möglich nach Hause zu schleppen, habe aber zumindest meine mentale Wunschliste um etliche Posten verlängert.

Im nächsten Jahr werde ich eine Pause brauchen. So interessant und spannend auch ist, jedes Jahr kann ich mir das nicht geben. Aber irgendwann komme ich wieder und freue mich dann doch auf so viele Menschen, Meinungen, Begegnungen und nicht zuletzt: Bücher.

fbm18 Mini-Series III: Menschen

Es wirft kein gutes Licht auf mich, aber ich finde Menschen oft und schnell anstrengend. Vor allem, wenn sie sich in Gruppen durch Messehallen schieben. Ach, wenn sie nur schöben! Meistens stehen sie an unmöglichen Plätzen herum und mir im Weg. Aber das gute an der Messe ist ja, dass es dort auch ein paar ganz wunderbare Menschen gibt und man immer einige davon trifft, wenn auch leider niemals alle.

CavalloEine wunderbare Frau, die ich dieses Jahr erleben durfte, war Francesca Cavallo, die stellvertretend für das Projekt „Good Night Stories for Rebel Girls“ auf der Messe war. Eigentlich wollte ich nur ganz kurz stehen bleiben, aber Cavallo hat mich mit ihrer wahnsinnig enthusiastischen und charismatischen Art viel länger als geplant bei der Bühne gehalten. Aus ihrem Projekt sind inzwischen zwei Bücher entstanden, in denen in sehr kurzen kurzen Texten Frauen und Mädchen vorgestellt werden, die Besonderes getan haben, auf welchem Gebiet auch immer. Die Geschichten sollen Mädchen Mut machen, für sich selbst einzustehen und ihren Weg zu gehen. Die Texte sind zum Teil wie Märchen erzählt und jeweils mit einem Bild einer Künstlerin illustriert.  Ich kannte die Bücher zwar schon, habe mich aber nie näher mit ihnen beschäftigt, was sich dank Cavallos umwerfender Art ändern wird.

Auch die vier Verlegerinnen aus Georgien, die auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage über „Female Perspectives – Publishing in Georgia“ redeten, waren sehr beeindruckend. Sie berichteten vom schwierigen Aufbau der Verlagswelt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und davon, wie schwierig es für Frauen in Georgien oft ist, im Berufsleben ernst genommen zu werden. Während Führungskräfte im Verlagswesen keine Seltenheit sind, sieht das in anderen Branchen ganz anders aus. Auch Gewalt im häuslichen Umfeld wurde als großes Problem angesprochen.

BloggerInnen habe ich nur wenige gesehen und noch weniger gesprochen. Dabei war ich sogar bei der Buchblog-Award-Verleihung, zumindest am Anfang. An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch an die GewinnerInnen! Leider musste ich nach einer halben Stunde gehen, weil ich mit einer alten Seckbach-Mitschülerin zum Kaffee verabredet war. Weil die Schlange dort sehr lang war und weil wir zusammen in Seckbach waren, wurde es dann doch ein Wein. Danach war ich zwar in Sekt- und Plauderlaune, habe aber auch keinen mehr getroffen. Blödes Timing.

Dafür habe ich vor allem am Donnerstag ein paar bezaubernde Verlagsmenschen getroffen, die ich zum Teil nur aus Mails kannte und zum Teil seit Jahren nicht gesehen hatte. Das allein war den Reiseaufwand schon fast wert. Und nächstes Mal bin ich sicher auch besser beim Blogger erkennen – hoffe ich.

fbm18 Mini-Series II: Nun sag, wie hast du’s mit der Politik?

Nachdem die letzte Buchmesse politisch ja ordentlich aus dem Ruder gelaufen ist, war die Messeleitung in diesem Jahr zumindest um klügere Standpositionierung bemüht.  Außerdem gab es eine Menge Veranstaltungen zu politischen Themen. Mir kam es sogar sehr viel vor, allerdings war ich auch extrem lange nicht mehr auf der Messe und mag eine Entwicklung verpasst haben.

Dass ich überhaupt in der Nähe der Stände von Junge Welt und Co war, habe ich nur der Tour „Die politische Landschaft der Buchmesse“ zu verdanken. Einige Verlage des sehr rechten Spektrums waren in einer Art „Sackgasse“ am Rande der Halle platziert. „Sie verlassen jetzt die politisch korrekte Zone“ war der Hinweis, den man passieren musste, um zu den Ausstellern zu gelangen. Zumindest Kubtischek hatte es aber wieder mitten ins Getümmel geschafft. Zwar war sein Verlag Antaios in diesem Jahr nicht für die Messe angemeldet, wohl aber ein Loci-Verlag, der bisher null eigene Publikationen hat. Wenige Tage vor der Messe verkaufte Kubitschek für einen symbolischen Betrag an Loci, wo das Antaios-Programm jetzt als Imprint geführt wird. Kubtischeks Frau bleibt Programmleiterin. Die Tour an sich war ziemlich anstrengend, was vor allem an den irrsinnig unkomfortablen Headsets lag. Ich bin da auch echt empfindlich, aber nach einer halben Stunde taten meine Ohren so weh, dass ich einfach keinen Spaß mehr hatte. Was sehr schade ist – eigentlich finde ich diese Touren (die es auch zu vielen anderen Themen gibt) eine gute Möglichkeit, um in kurzer Zeit einen bestimmten Aspekt gut kennenzulernen. Aber oh Gott, meine Ohren!

Außerdem war ich am Stand der Bundeszentrale für politische Bildung bpb. Die bpb kenne ich vor allem wegen ihrer Themenhefte, die es früher in der Schulbib gab und die damals, als wir noch ohne Internet Referate schreiben mussten, Gold wert waren. Außerdem konnte man sie bestellen und musste nichts bezahlen und das Fluter-Abo gab es obendrauf. Erst am Donnerstag habe ich allerdings erfahren, dass es bei der bpb auch Lizenzausgaben aktueller politischer Titel gibt, die immer 7,- € kosten und damit oft sehr deutlich günstiger sind als die Originale. Die Ausstattung ist natürlich weniger schick, aber wer sich dafür interessiert und gerade nicht sehr viel Kohle übrig hat, ist damit extrem gut beraten, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Originalausgaben nicht selten um die 30 € kosten. Da verzichtet man schonmal gerne auf das Lesebändchen.

Marinic_Praekels
Jagoda Marinić und Manja Präkels

Sehr interessant war auch die Diskussion „Starke Stimmen gegen rechts“, die im Rahmen der FR-Reihe „Streiterinnen“ stattfand. Im Lesezelt (das schön war aber halt auch total nach dem Sponsor Yogi-Tee gerochen hat) diskutierten Manja Präkel und Jagoda Marinić über die aktuelle politische Situation und ihre Aufgaben und Möglichkeiten als Autorinnen. Manja Präkels ist vor allem Musikerin, stammt aus Zehdenick in Brandenburg und hat in diesem Jahr für ihren Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß den Jugendbuchpreis bekommen. Sie berichtet darin von einer Jugend im Osten Deutschlands, in einer Zeit des doppelten Zusammenbruchs von Staat und kindlicher Identität. Bei Lesungen im Osten Deutschlands ist sie heute schockiert von der Resignation gegenüber rechten Strukturen, gerade unter Jugendlichen. Jagoda Marinić, die mit ihr auf der Bühne war, lebt als Autorin in Heidelberg und zweifelt an, dass Literatur überhaupt unpolitisch sein kann. Ihre Stimme gegen rechts zu erheben sieht sie aber weniger als Autorenpflicht denn als Bürgerpflicht.

Mit der Weltempfänger-Bühne gab es einen zentralen Platz, der fast ausschließlich politischen Themen gewidmet gab, es gab eine (kleine) Ausstellung zum Frauenwahlrecht und nicht zu vergessen die Kampagne On the Same Page, die sich für Menschenrechte einsetzt. Und trotzdem war Höcke da, was für viele MessebesucherInnen zu nicht unerheblichen Einschränkungen geführt hat. Von einer besonders unangenehmen Situation berichtet etwa Sophie Sumburane. Ich selbst war zu der Zeit nicht mehr da und habe nur im Rausgehen mitbekommen, wie der Bereich vor Halle 4 sich mehr und mehr mit PolizistInnen füllte. Der Verlauf war auch in diesem Jahr weit suboptimal, immerhin scheint die Messeleitung aber irgendwas gelernt zu haben. Dennoch finde ich es unverhältnismäßig, eine Verlagsveranstaltung zu erlauben, die große Teile der Messe lahmlegt und sowohl BesucherInnen einschränkt, als auch Ausstellern schadet, deren Stände zumindest vorübergehend nicht besucht werden können, die u. U. geplante Veranstaltungen und Termine absagen müssen und so weiter. Dabei ist es mir auch egal, für wen eine komplette Halle gesperrt wird. Ich sehe da absolut keine Verhältnismäßigkeit.