Das unheilverkündende Okapi – „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Selma hat hellseherische Kräfte. Träumt sie nachts von einem Okapi, stirbt jemand in den nächsten 24 Stunden. Zum Glück passiert das nicht oft, das kleine Dorf im Westerwald, in dem sie und ihre Enkelin Luise leben, wäre sonst bald entvölkert. Außer den beiden leben dort Luises bester Freund und sein Vater Palm, Luises Mutter, die ihren Mann verlassen will und Luises Vater, der das Dorf verlassen will, der Optiker, der gar nicht so heimlich in Selma verliebt ist, die abergläubische Elsbeth und die ewig mies gelaunte Marlies. Der große, graue Hund Alaska und der buddhistische Mönch Frederik komplettieren Luises Welt.

„Ein Okapi ist ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhanglos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren.“

Selmas Träume lösen im Dorf jedes mal großes Unbehagen und Emsigkeit aus. Da niemand weiß, wen das Okapi meint, fürchten alle, den nächsten Tag nicht mehr zu sehen, beichten alle Geheimnisse und schreiben Briefe mit bislang unausgesprochenen Wahrheiten darin. Letztere erbetteln sie sich am nächsten Tag vom Briefträger wieder zurück. Die Welt von Was man von hier aus sehen kann ist äußerst überschaubar. Tatsächlich umfasst sie nicht viel mehr, als das, was man vom höchsten Punkt des Dorfes aus sehen kann. Luises Vater fordert zwar fortwährend, man solle mehr Welt hereinlassen, sie hält dann aber doch nur Einzug in Form von Bildbänden, die er seiner Mutter zum Geburtstag schenkt. Er immerhin begibt sich auf Rat seines Therapeuten auf Weltreise während seine Frau eine Affäre mit dem örtlichen Eiscafé-Betreiber beginnt.

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Etwa 2/3 des Romans habe ich als Hörbuch gehört. Sandra Hüller trifft den Ton des Romans in ihrer Lesung sehr gut.

Vielleicht lag es an dieser Unbeweglichkeit, dass der Roman mich nicht gepackt hat. Luise verlässt das Dorf im Westerwald nur, um in der nahen Kreisstadt eine Ausbildung als Buchhändlerin zu beginnen. Es ergibt sich so und sie funkt nicht dazwischen. Von ihr selbst geht kaum eine Initiative aus, sie schiebt es auf eine Verstocktheit, die sie immer in den entscheidenden Momenten überkommt. Auch der Stil trägt zur gemütlichen Atmosphäre des Romans bei.  Gemütlichkeit tut einem Roman im allgemeinen nicht gut. Leky arbeitet gerne mit Bildern, auch gerne immer mal wieder mit den gleichen. Dadurch erreichen ihre Motive eine gewisse Kontinuität, die sich durch den ganzen Roman zieht, es wiederholt sich aber auch das ein oder andere. Etliche der Bilder tragen auch eine gewissen Süße in sich, die manchmal ganz hart an Kitsch und Plattitüden grenzt.

Zwar sind die Figuren durchgehend liebenswert und in ihrer Schrulligkeit sehr charmant charakterisiert, es fehlt dem Roman aber schlicht an Handlung oder eben der vorhandenen Handlung an Relevanz. Einige Elemente haben eine gewisse Magie, am Ende aber kann der ausschweifende Stil aber auch nicht ausbügeln, dass Was man von hier aus sehen kann eben ein Roman über ein Dorf im Westerwald ist. In diesem Dorf spielt sich natürlich die ein oder andere persönliche Tragödie ab, die Welt aber lässt die Autorin nicht hinein.


Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont 2017. 229 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 12.

Hörbuch: tacheles! 2017. Gelesen von Sandra Hüller. Ungekürzte Lesung, ca. 8 Stunden.

2 Gedanken zu “Das unheilverkündende Okapi – „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

  1. soerenheim 10. März 2020 / 12:42

    Ich weiß, es ist sehr off-topic, aber ich muss mein ddr-zoolied hier posten. man bekommt so selten das Stichwort „Okapi“ 😉 Kann man sogar im Kanon singen…

    okapi, okapi, wapiti, tapir
    was machen die namhaften
    tiere denn hier?
    sie stehn in der schlange
    und warten auf nen trabi…
    wapiti, tapir, okapi, okapi

    Gefällt 2 Personen

    • Marion 10. März 2020 / 19:33

      Musikalisch bin ich immer sofort beim Okapiposter. Ich danke für die Abwechslung!

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