Willkommen im gelobten Land – „Digging to America“ von Anne Tyler

Als Jin-Ho und Sooki im August 1997 das erste mal amerikanischen Boden betreten, werden sie von einer großen Gesellschaft in Empfang genommen. Bitsy und Brad Donaldson haben monatelang darum gekämpft, ein Kind aus Korea adoptieren zu können und haben die gesamte Familie samt Camcorder an den Flughafen verfrachtet, um den Moment der Ankunft von Jin-Ho erleben zu können. Bescheidener geht es zu bei Familie Yazdan, die fast unbemerkt Sookie in Empfang nimmt. Aber eben nur fast unbemerkt. Als die Donaldsons feststellen, dass eine andere Familie ihr Schicksal teilt, erklären sie die Yazdans fast schon zu ihren neuen besten Freunden.

Anne Tyler Digging to America

Über die Jahre entwickelt sich tatsächlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien, auch wenn die Donaldsons es gelegentlich übertreiben. Vor allem Bitsy glaubt am weltbesten über Kindererziehung Bescheid zu wissen und verurteilt die Familie Yazdan dafür, dass Sooki jetzt Susan heißt und nicht in koreanischen Kleidern herumläuft. Jin-Ho würden sie nie auf diese Art ihres Erbes berauben. Jedes Jahr treffen die beiden Familien sich und feiern den „Tag der Ankunft“, jedes mal singen alle gemeinsam „She’ll be coming round the mountain“ und sehen das Video an, das die Familie Donaldson am Flughafen aufgenommen hat.

„doesn’t it strike you all as quintessentially Americans that the Donaldsons think the day that daughter came to this country was more important than the day she was born?“

Neben der Identität von Jin-Ho und Susan, die sich zumindest während ihrer Kindheit herzlich wenig für ihr koreanisches Erbe interessieren, geht es im Roman auch um die Herkunft der Familie Yazdan. Maryam wurde im Iran geboren und kam erst mit ihrem Mann in die USA. Ihr Sohn Sami hingegen wurde bereits in Baltimore geboren. Er spricht akzentfreies Englisch und war noch nie im Geburtsland seiner Eltern, Farsi versteht er nur rudimentär und spricht es gar nicht. Anders seine Frau Ziba, der man ihre iranische Herkunft deutlich anmerkt. Die unterschiedlichen Kulturen, die in den Familien Yazdan und Donaldson zu finden sind, sorgen mehr als einmal für Konflikte und führen am Ende sogar fast zum Zerwürfnis.

Die übereifrige Mutter Bitsy porträtiert Tyler treffend und humorvoll, aber auch kritisch. In ihrer selbstsicheren und unbeirrbaren Annahme, alles richtig zu machen, stößt sie insbesondere Ziba öfter vor den Kopf und lässt sie sehr an ihren eigenen Mutterqualitäten zweifeln. Dabei ist Bitsy mitunter aber auch ganz schön überzeichnet, wie auch einige andere Charaktere im Roman, insbesondere die der Familie Dickinson-Donaldson, wie man schon an den Namen erkennen kann. Digging to America ist ein feierlastiger Roman. Nicht nur die Tage der Ankunft werden gemeinsam zelebriert, sondern auch Geburtstage, Familienbesuche und das rituelle gemeinsame Aufsammeln des Ulmenlaubs im Vorgarten der Donaldsons. Dabei lässt Tyler es sich nicht nehmen, minutiös zu erzählen, was es zu essen gab und wie die Gesellschaft gekleidet war. Das kulturelle Konfliktpotential, das sich durch den gesamten Roman zieht, wird dabei manchmal recht offensichtlich und plakativ eingebunden. Im letzten Drittel gibt es dann auch noch eine recht komplizierte Liebesgeschichte, die die beiden Familien final vereinigen könnte, wenn es denn endlich mal klappen würde.

Digging to America greift die interessante Frage auf, wie Menschen aufwachsen und leben, die von einer Kultur in eine andere verpflanzt wurden. Über weite Strecken gelingt es Tyler auch, dies in verschiedenen Aspekten durchzuspielen. Allerdings sind die detailreichen Beschreibungen der vielen Feste auf Dauer ebenso ermüdend wie das ständig im Hintergrund wabernde Harmoniebedürfnis, das etliche Fragen und Konflikte gar nicht erst laut werden lässt. Die Handlung von Digging to America fußt auf der Frage, ob Amerika wirklich das gelobte Land ist, von dem der Rest der Welt träumt und welchen Wert andere Kulturen in diesem Land haben. Das alles wird recht unterhaltsam geschildert, bleibt leider aber auch ziemlich oberflächlich.


Anne Tyler: Digging to America. Ballantine 2007. 323 Seiten. Erstausgabe Knopf 2006. Lieferbar bei Vintage. Eine deutsche Ausgabe ist unter dem Titel Tag der Ankunft in der Übersetzung von Christine Frick-Gerkel und Gesine-Strempel erschienen. Die deutsche Ausgabe gibt es derzeit nur noch antiquarisch.

Das Zitat stammt von S. 102.

2007 war Tyler mit diesem Roman auf der Shorlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction“.

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