Gebrochene Herzen in der Landverschickung – „The Very Thought of You“ von Rosie Alison

1939 ist London von der Angst vor deutschen Bombenangriffen erfüllt. Eltern wird geraten, ihre Kinder auf dem Land in Sicherheit bringen. Und so entschließt sich auch Roberta schweren Herzens dazu, ihre achtjährige Tochter Anna auf eine Schule in Yorkshire zu schicken. Anna spielt im Rest des Romans nur noch die Rolle der kindlich-unschuldigen Beobachterin, eine Entwicklung über den Alterungsprozess hinaus gibt es nicht, deshalb muss sie nicht weiter erwähnt werden.

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Die Schule in Yorkshire befindet sich im noblen Herrenhaus Ashton Park, das vom Ehepaar Elizabeth und Thomas Ashton großzügigerweise für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurde. Elizabeth macht das allerdings nur, weil sie selbst gerne ein Kind hätte und einfach nicht schwanger wird, mit wie vielen Männern sie auch schläft. Die Eröffnung der Schule ist ein verzweifelter Versuch, diese große Lücke in ihrem Leben zu füllen. Ihr Mann Thomas sitzt seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl und hat jede Hoffnung auf wahre Liebe aufgegeben, bis die junge Lehrerin Ruth in Ashton Park auftaucht und sich als herzensgute Frau mit tiefen Augen entpuppt.

Während Anna in Yorkshire weilt und ihr Vater an der nordafrikanischen Front, entdeckt ihre Mutter sich und ihr Begehren in London im Alter von 37 noch einmal neu. Sie gibt ihren Beruf als Restauratorin auf um bei der BBC zu arbeiten und abends mit ihren neuen KollegInnen durch die Pubs zu ziehen und sich in einen Hornisten des Rundfunkorchesters zu verlieben, mit dem sie bald eine angemietete Wohnung teilt. Ihre Tochter bekommt von allem natürlich nichts mit.

„She was glad now that Anna was not with her. She thought with pleasure of her daughter running around in that beautiful park.“

Der Klappentext von The Very Thought of You verspricht einen Roman über ein Mädchen in der Landverschickung, tatsächlich ist es aber ein Roman über platt charakterisierte Ehepaare, die allesamt sehr unglücklich sind. Deren Konflikte erstrecken sich über den gesamten Roman und treten dabei gehörig auf der Stelle. Auch die aufkeimende Liebe zwischen Thomas und Ruth ist dank Moyes-hafter Kitschigkeit kein wahrer Lichtblick.  Eingestreut ist die meistens unpassende Erzählung über das (immerhin glückliche) Ehepaar Norton, das mit den Ashtons befreundet ist, und dem es gelingt, zeitlich passend an jedem europäischen Krisenherd aufzutauchen, damit der Roman davon erzählen kann. Mrs. Norton lässt es sich selbst nicht einmal nehmen, bei der Befreiung von Dachau vorbeizuschauen. Den oft erteilten Ratschlag „show, don’t tell“ scheint Alison aktiv abzulehnen. Im ganzen Roman wird erzählt, erzählt und nichts gezeigt. Eindrücklich zeigt sich dies beispielsweise bei Wetterlagen. Den ganzen Roman über erzählen Menschen, wie wahnsinnig oft es in Yorkshire regnet, dann regnet es aber tatsächlich kein einziges Mal. Die ganze Kindheit Annas über scheint die Sonne auf trotzdem sattgrüne Hügel und die Abendsonne fällt durch hohe Fenster.

The Very Thought of You ist ein ziemlich platter und uninspiriert erzählter Beziehungsroman, der den Zweiten Weltkrieg als Kulisse für zusätzliche Dramatik und Yorkshire für die Landschaft nutzt. Ebenso gut hätte diese Geschichte zu jeder anderen Zeit an jedem anderen Ort spielen können. Als Liebesgeschichte mit einer hart- und einer gutherzigen Frau darin funktioniert dieser Roman so gut wie jeder von Rosamunde Pilcher. Mehr darf man allerdings nicht erwarten.


Rosie Alison: The Very Thought of You. Alma Books 2010. 306 Seiten. Originalausgabe ebd. 2009. Eine deutsche Übersetzung ist nicht erschienen.

Das Zitat stammt von S. 178.

Dieser Roman war 2010 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

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