Damit ihr wißt, wie’s war – Gabriele Tergits „Effingers“

Mit ihrer Geschichte zweier jüdischer Familien, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert und ihrer fast vollständigen Auslöschung im Nationalsozialismus, hatte es Tergit nicht leicht. 1931 begann sie damit und arbeitete fast zwei Jahrzehnte daran. Als der Roman 1950 fertig war, fand sich lange kein Verlag, der sich an das Thema heranwagen wollte. Die Erinnerung an die Vernichtung der deutschen jüdischen Bevölkerung war zu frisch und unbequem. Der Markt gab den Befürchtungen recht. Es fanden sich kaum Abnehmer für das in der aktuellen Ausgabe über 900 Seiten starke Werk. Dass Schöffling dem Roman nun eine neue Chance gibt, ist dankenswert.

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Effingers ist ein so vielseitiger Roman, dass man kaum weiß, wie man ihn lesen soll. Es ist ein Generationenroman, ein Gesellschaftsroman ein Berlinroman, ein Weltkriegsroman und natürlich auch ein jüdischer Roman. Die Zeitspanne, die der Roman abdeckt, ist lang und bewegter als die meisten anderen Epochen deutscher Geschichte. Zu seinem Beginn steht die sich anbahnende Krise, die durch die Industrialisierung ausgelöst wird. Maschinen gelten noch als neumodischer Trend, als die Brüder Karl und Paul Effinger nach Berlin aufbrechen um Schrauben zu produzieren. Sie legen den Grundstein für die Berliner Effingers, indem sie beide in die alteingesessene und sehr gut bürgerliche Familie Oppner einheiraten. Man legt Wert auf Garderobe, auf Empfänge und repräsentative Tischrunden, auf edles Geschirr und große Kunst. Und natürlich auf Etikette. Ein völlig harmloser Liebesbrief eines verknallten Teenagers reicht da schon, um einen großen Skandal auszulösen.

Man folgt den beiden Familien durch radikale gesellschaftliche Veränderungen, durch den Prunk der Gründerjahre, einen Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise, an deren Ende der Verfall nicht nur monetärer Werte steht. Die Gesellschaft wird für die jüdische Bevölkerung Deutschlands zusehends unangenehm. Schon lange bevor das politische Klima kippt, wird einigen Familienmitgliedern geraten, zum christlichen Glauben zu konvertieren. Für alle, die Karriere machen wollen, kann das nur von Vorteil sein. Doch die Familien Oppner und Effinger denken gar nicht daran. Dabei ist die Religion für fast niemanden in der Familie von Bedeutung. Man feiert die großen Feste gemeinsam, aber jeden Tag in die Synagoge geht nur noch der alte Uhrmacher Effinger. Und doch ist es wichtig für sie, dass sie Juden sind. Aber eben deutsche Juden. Die Großväter haben in der Revolution 1848 gekämpft, die Söhne ziehen ganz selbstverständlich in den Ersten Weltkrieg, um für das Vaterland zu kämpfen. Dass sie irgendwann nicht mehr zu Deutschland gehören sollen, ist für sie ganz undenkbar.

„Wir kommen hierher, müde Kinder dieses vergehenden Jahrhunderts. Wir geben uns Mühe, gute Söhne unserer starken Väter zu sein, ihre Fabriken und Bankgeschäfte und Staatsgeschäfte weiterzuführen.“

Der langsame Wandel des politischen Klimas wird extrem beklemmend geschildert. Erst sind es nur einige wenige, die gegen die Juden agitieren. So schildert Tergit beispielsweise den Auftritt eines Mannes im Zirkus Krone, der einer Satansbeschwörung gleicht, und in der die Juden für alles Unheil verantwortlich gemacht werden. Das ist 1920, der Mann gilt als „gefährlicher Verrückter“, aber als auf makabere Art unterhaltsam. Ein Jahr später hören über 6000 Menschen Hitler im Zirkus Krone sprechen. Zehn Jahre später ist es Stammtischwissen, dass das ganze Geld eben bei den Juden sei. Und dass sie auch in der Politik, in der Kunst, in der Kultur und überhaupt überall zu präsent seien. Die Umstände und Entwicklungen, die schließlich zum Dritten Reich führen sollen, schildert Tergit sachlich aber packend. Manchmal wird einem ein bisschen anders beim Lesen, wenn Vorkommnisse geschildert werden, die so oder sehr ähnlich auch gerade in der Zeitung hätten stehen können. Es sind einige.

Nun kann man einen Familienroman aber natürlich nicht auf die politische Ebene reduzieren. Tergit schildert das Leben dieser beiden großen Familien mit viel Wärme und Humor. Tatsächlich hat sie davon so viel, dass es den düsteren politischen Hintergrund beinahe aufwiegt. Auch wenn es Grund genug gäbe, wird dieser Roman nie fatalistisch und morbide. Die Unterhaltungen sind manchmal ausschweifend, oft knapp und eliptisch, die erzählte Handlung wird unterbrochen von Briefen und Zeitungsartikeln. Die Familienleben sind sehr komplex und der Stammbaum im hinteren Teil des Buchs ist eine unverzichtbare Hilfe. Im Romanpersonal finden sich sowohl sehr durchschnittliche Menschen, die nach nicht viel streben und zufrieden vor sich hin leben, als auch große Damen von Welt, die nicht weniger verlangen, als dass ihnen alle zu Füßen liegen. Ihre Verbindungen und Trennungen sind in sehr einfachem Stil und ohne jeden Pathos geschildert, aber gerade darin liegt die Größe. Ebenso gelingt es Tergit mit ihrem sehr klaren Stil, Atmosphären und Orte extrem treffend zu beschreiben.

Warum die Effingers erst jetzt wieder eine Chance kriegen, ist mir ein Rätsel. Dieser Roman ist so dicht und so vielfältig – ich würde schillernd sagen. Aber Tergit ist nun eben gerade nicht schillernd und auch deshalb so gut. Sie ist absolut straight und sicher in dem, was sie tut, in ihrem Stil. Hinzu kommt, dass der Roman in Teilen auf sehr gruselige Art aktuell ist, aber das kriegt Tergit ja zum Glück nicht mehr mit. Die Effingers haben eine weit größere Aufmerksamkeit verdient, als ihnen bisher zu Teil wurde. Sie werden oft als die „jüdischen Buddenbrooks“ bezeichnet, weil ja offenbar jeder Familienroman diese Referenz braucht. Aber auch wenn sie den Vergleich nicht scheuen müsste, hat Tergit ihn nicht nötig. Die Effingers sind ein eigenständiges und großes Werk, das sich an nichts und keine Tradition anlehnen muss. So anstrengend es manchmal ist – ich habe beinahe zwei Monate gebraucht – kann ich zu diesem Roman nur raten.


Gabriele Tergit: Effingers. Schöffling & Co. 2019. Gelesen als eBook mit 846 Seiten. Erstausgabe 1951. Lieferbar als Hardcover, eine Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2020 angekündigt.

Das Zitat stammt von S. 305/846.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

14 Gedanken zu “Damit ihr wißt, wie’s war – Gabriele Tergits „Effingers“

  1. Ruth Leukam 19. November 2019 / 16:09

    Liebe Marion,
    Ich freue mich, dass Du diesen Roman so ausführlich und positiv darstellst. Ich kenne ihn schon seit Jahrzehnten, habe eine ältere Ausgabe, die ich mehrmals gelesen habe. Doch nun habe ich mir die neue ungekürzte Ausgabe bei der Büchergilde gekauft und war wieder total begeistert. Es ist zu hoffen, dass die Autorin und dieses Buch nun endlich die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdienen.
    Mit lieben Grüßen
    Ruth

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    • Marion 19. November 2019 / 19:27

      Hallo Ruth,
      ich finde es auch super, dass man ihr Werk anscheinend nach und nach wiederentdeckt. Käsebier war ja auch schon dran. Ich muss aber sagen, dass mich das hier deutlich mehr beeindruckt hat. Der Roman ist ja aber auch einfach ein ganz anderes Kaliber.
      Wie viel ist denn der Kürzung zum Opfer gefallen? Kannst du das abschätzen?
      Liebe Grüße,
      Marion

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      • Ruth Leukam 19. November 2019 / 20:35

        Hallo Marion, ich habe die alte Ausgabe noch daheim, war auch eine Büchergilde- Ausgabe, die ich 1983 gekauft habe. Die hat 736 Seiten, die neue 885 Seiten +ein Nachwort. Was genau fehlt habe ich nicht überprüft. „ Käsebier“ kommt natürlich nicht an diesen Roman ran. „ Effingers“ ist schon das Hauptwerk von Gabriele Tergit.
        Liebe Grüße
        Ruth

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        • Marion 19. November 2019 / 20:51

          Danke für die Überprüfung! Das ist dann ja schon einiges, was gestrichen wurde. Aber offenbar ist genug geblieben, um zu beeindrucken.

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  2. soerenheim 20. November 2019 / 10:58

    Auch Silvia Tennenbaums „Straßen von Gestern“ wurde mal als „jüdische Buddenbrooks“ bezeichnet. Auch ein etwas schiefer Vergleich, auch ein ziemlich gutes Buch. Wobei da schon eine gewisse Tendenz zum Schreiben im Stil von Mann durchschien, allerdings mit offener Verbeugung (Eine der Hauptfiguren nennt sogar die Buddenbrooks sein Lieblingsbuch).
    Versuche demnächst auch mal an Effingers zu kommen…

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    • Marion 20. November 2019 / 16:31

      Man kann auch bei den „Effingers“ durchaus Parallelen zu den Buddenbrooks sehen, ob die nun gewollt sind oder nicht. Es sind eben beides großbürgerliche Familien zur Gründerzeit. Auch im Personal kann man Gemeinsamkeiten finden, wenn man möchte.
      Aber ich glaube, es wird schwer, einen Familienroman zu finden, der dicker ist als 500 Seiten und von mehr als zwei Generationen handelt und nicht irgendwann mal als neue/indische/amerikanische/ungarische Buddenbrooks bezeichnet wurde. Einen wirklichen Anlass gibt es selten.

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      • soerenheim 20. November 2019 / 16:50

        Bezeichnet sicher. Und Inhalte sind eh in der Literatur recht redundant. Die Frage ist, ob so ein Vergelich darüber hinausgehend trägt, also in der Form. Und ich denke die ist bei Tennenbaum schon sher bewusst an Mann angelehnt. Der Gott der Kleinen Dine ist auch ein Generationenübergreifender Familienroman (oder mit mehr als 500 S – Mitternachtskinder). Aber ich hoffe die bezeichnet niemand als „Indische Buddenbrooks“ 😉

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        • Marion 20. November 2019 / 16:54

          Tatsächlich wäre mir das noch nicht untergekommen. Als „indische Buddenbrooks“ ist mir bisher nur „In anderen Herzen“ von Mukherjee untergekommen und da geht es halt um eine Familie mit einer Fabrik. Das ist immerhin näher dran als der Gott der kleinen Dinge…

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          • soerenheim 20. November 2019 / 17:04

            Das kenn ich leider nicht. Ist das auch formal näher an Roy als an Mann? Mit den Buddenbrooks verbindet man halt mE so eine altväterliche chronologische allwissende Erzählhaltung. Da wird Mann zwar teilweise auch unterschätzt, aber eine ähnliche Erzählhaltung wie die, die man Mann zuschreibt, das wäre für mich am ehesten etwas, dass die Titulierung „[Land/Millieu einsetzen] Buddenbrooks“ rechtfertigen bzw erklären könnte.

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            • Marion 20. November 2019 / 22:37

              Das stimmt, die Erzählhaltung muss stimmen. Ich finde aber auch, dass das schon eine recht spezifische Familiengeschichte ist, bzw. ein recht spezifischer Verfall. Der sicher auch seiner Zeit geschuldet ist. Wenn man „The Corrections“ als amerikanische Buddenbrooks bemüht, was ja oft genug passiert ist, funktioniert das allein schon aufgrund der Familiensituation nicht.
              Von der Erzählhaltung würde ich sagen, Mukherjee ist nicht so nahe an Roy, allein schon, weil er viel straighter schreibt. Dennoch funktioniert der Vergleich mit Mann überhaupt nicht, allein schon, weil der Roman in einer völlig anderen Gesellschaft und hundert Jahre später spielt.
              Da sind die Effingers schon wieder näher dran.

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