Familiendrama in Zuckerwatte – „Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood“ von Rebecca Wells

Als die gefeierte New Yorker Theaterregisseurin Siddallee in einem Interview mit der nationalen Presse erzählt, dass ihre Mutter Vivi sie als Kind geschlagen hat, ist die Hölle los. Tief verletzt bricht Vivi den Kontakt ab. Sidda stürzt das in eine Krise, in der sie sogar in Frage stellt, ob sie fähig ist zu lieben und ihre geplante Hochzeit erstmal auf Eis legt. Als sie dann aber Regie führen soll bei einem Stück, das von Frauenfreundschaften handelt, kann sie ohne die Hilfe ihrer Mutter nicht mehr auskommen. Als Teil der legendären „Ya-Ya-Schwestern“ ist Vivi nämlich die Freundschafts-Expertin schlechthin.

„They smoke and curse and flaunt themselves and have no shame. And the public high school treats them like pagan princesses. These girls put their friendship before their love for God the Father.“

Seit ihrer Kindheit sind Vivi, Teensy, Caro und Necie unzertrennlich. Ihre für immer währende Freundschaft haben die vier bei einem geheimen Ritual nachts im Wald mit Blut besiegelt. Seitdem ist klar, dass jede jederzeit für die anderen einsteht. Die Ya-Yas sind alles für sie. Es ist der Goldstandard ihres Lebens, es sind Göttinnen, es ist oft genug ihr einziger Halt. Was gut ist, ist ya-ya, was blöd ist, ist ya-ya-no. Klingt albern, ist es im Kern natürlich auch. Die vier stammen durchgehend aus ziemlich wohlhabenden Familien in Louisiana, teils mit Pflanzer-Hintergrund, alle mit Dienstmädchen und Ammen. Die Jahrzehnte ihrer Freundschaft hat Vivi in einem Sammelalbum dokumentiert, das sie ihrer Tochter nun, trotz aller Uneinigkeit, als Materialsammlung schickt. Sidda zieht sich damit in die Abgeschiedenheit einer Waldhütte zurück und entdeckt Seite um Seite die Höhen und Tiefen im Leben ihrer Mutter. Und Seite um Seite scheint eine Annäherung der beiden möglicher zu werden, denn Sidda erkennt, dass ihre glänzende, glamouröse Mutter es bei weitem nicht immer so leicht hatte, wie ihre schillernde Fassade glauben lässt.

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Rein thematisch hätte diese Geschichte das Potenzial ein interessanter Familienroman zu werden. In der Umsetzung wird es dann aber leider der reinste Südstaaten-Kitsch. Siddas positive Erinnerungen an die Kindheit sind eine Aneinanderreihung von Gartenfesten, Schwimmen im Bayou und Sandwiches ohne Rinde. Manchmal gibt es leise kritische Anklänge an den Sklavenbesitzer-Hintergrund der Familien oder an die Tatsache, dass die vier Frauen überhaupt keine Rechte haben und nur über ein Taschengeld verfügen können, das ihre Männer ihnen gnädig zugestehen. Das aber ist leider wirklich selten und leise. Und wo es anklingt, wird es nicht ausgeführt. Nur die Grausamkeiten Vivis gegenüber ihren Kindern werden tiefergehend ausgeführt. Was dann noch bleibt sind vier Frauen, die laut sind und schrill und verzweifelt bemüht, ihren Status als Schönheiten und originelle Personen aufrecht zu erhalten, weil sie nicht anderes können und auch nichts anderes dürfen. Ihr Auflehnen gegen Regeln und Konventionen bleibt ein trotziger Versuch, den eigenen Kopf durchzusetzen. In Teilen gelingt es Wells dabei wirklich, eine mitreißende und rührende Freundschaftsgeschichte zu schreiben. Ebenso wie es ihr in Teilen gelingt eine gute und überzeugende Familiengeschichte zu schreiben. All das wird dann aber leider überlagert von kitschigen Weisheiten aus dem Poesiealbum und nicht enden wollenden Beschreibungen der Landschaft und des Mondes. Blumenwiesen, Louisianamoos, das Plätschern des Bayous, das Mondlicht, das sich im See spiegelt… Und wenn die äußeren Landschaften abgegrast sind, geht es mit den inneren weiter, da gibt es auch noch viel zu entdecken. Kein Gefühl bleibt unreflektiert, keine Gemütsbewegung unbegründet, nichts der Leserin überlassen.

Der Roman ist so träge wie ein Nachmittag am Bayou. Kein Lüftchen regt sich, keine unerwarteten Strömungen reißen einen mit und selbst die Alligatoren rühren sich kaum. Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood ist allerleichteste Kost. Die schwierigen Themen des Romans wie Rassismus in den Südstaaten, Alkoholismus, Gewalt in der Familie oder fanatische Religiosität werden vorsichtshalber in mehrere Lagen Zuckerwatte gepackt, damit sich nur ja niemand daran stößt. Um sie herum tänzeln die vier Freundinnen, hauptberuflich Töchter und Gattinnen, die uns wahrscheinlich schon was zu erzählen hätten, es aber einfach nicht tun, weil noch nicht alles über Lippenstiftfarben und Highballs gesagt wurde. Für einen heißen Sommer am Flussufer oder eine abgeschiedene Woche am Waldsee, wenn eine Dicke von 530 substanziell genug erscheint, dann ist das hier möglicherweise genau der richtige Roman. Wer sich aber mehr als viele Seiten und Weisheiten aus der Coelho-Mottenkiste erhofft, sollte seine Zeit lieber mit einem anderen Buch verbringen. Trotz völligem Ya-Ya-Overkill war dieser Roman für mich ganz klar ya-ya-no.


Rebecca Wells: The Divine Secrets of the Ya-Ya Sisterhood. Gelesen in der Ausgabe Pan Books 2002. 530 Seiten. Erstausgabe Harper Collins 1996. Eine deutsche Übersetzung von Renate Reinhold ist unter dem Titel Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern bei Goldmann und Blanvalet erschienen. Beide Ausgaben sind nur noch antiquarisch erhältlich.

Das Zitat stammt von S. 285.

2000 war Wells mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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