Ein Mord und viel Wahn -„Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow

Die Rückkehr des Buddha beginnt mit einer Traumsequenz. Der Protagonist und Ich-Erzähler träumt von einem Sturz von einer Felswand, der mit seinem Tod endet. Der Protagonist wird noch mehrere Episoden in diesem Roman erleben, bei denen nicht ganz klar ist, in welchem geistigen Zustand er sich gerade befindet, ob es ein Traum ist oder in irgendeinem Zusammenhang mit der Wirklichkeit steht. Er selbst berichtet, er leide unter einer Geisteskrankheit, die Wahnvorstellungen auslöse. Die Krankheit ist so ausgeprägt, dass ihn deshalb sogar seine ehemalige Freundin und einzige große Liebe verlassen hat.

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Nun lebt der Protagonist als Student in Paris. Ursprünglich stammt er aus Russland und hat im Bürgerkrieg gekämpft, eine Episode, die ihn ebenfalls nachhaltig beeindruckt hat. In einer Wahnvorstellung glaubt er, Gefangener eines „Zentralstaats“ zu sein, von dessen Organen er wieder und wieder unsinnigen Verhören unterworfen wird. Es werden nicht die einzigen Verhöre bleiben.

Durch einen Zufall lernt der Student einen anderen russischen Exilanten namens Pawel kennen. Diesen hat er vor Jahren als Bettler erlebt, doch nun ist der Mann unverhofft zu einer Erbschaft gekommen und lebt recht bequem. Er erinnert sich, dass der Student ihm bei ihrer ersten Begegnung eine ungewöhnlich hohe Spende zugesteckt hat und die beiden werden Freunde. Nachdem der Erzähler einen Abend bei Pawel verbracht hat, wird er am nächsten Morgen verhaftet. Der Freund ist in der Nacht ermordet worden und der Erzähler ist natürlich der erste Verdächtige. Zeuge des Mordes ist nur ein Buddha geworden, eine außergewöhnliche Statue, die im Bücherregal des Toten stand. In ihrem Verbleib liegt der Schlüssel zur Aufklärung des Verbrechens.

„Und wie es oft bei mir geschah – vielleicht weil ich fünfundzwanzig Jahre alt war und keine körperlichen Beschwerden kannte und die sinnliche Welt für mich nicht weniger anziehend war als die kontemplative -, wurden meine Gedanken nur durch visuelle Erinnerungen unterbrochen.“

Gasdanows Bücher werden oft als „Seelenkrimis“ beschrieben. Obwohl der Mord Zentrum der Handlung ist, ist Die Rückkehr des Buddha alles andere als ein spannungsgeladener Kriminalroman. Die Betrachtungen des Erzählers, die Introspektion ist weit wichtiger als der Handlungsrahmen. Manchmal fiel es mir schwer, dem Erzähler zu folgen und seine Regungen und Gedanken nachzuvollziehen. Der Tod des Freundes beispielsweise lässt ihn seltsam desinteressiert zurück, ebenso seine Verhaftung. Die Tatsache, dass er im Falle einer Schuldigsprechung mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt würde, scheint ihn nicht zu berühren. Er folgt diesen Geschehnissen wie allen Geschehnissen in diesem Roman mit einem analytischen Interesse, aber ohne erkennbare Regung. Dass er tief in seiner kriminalistischen Seele berührbar sein muss, zeigt aber zumindest die Tatsache, dass er seiner einer großen Liebe noch immer hinterhertrauert.

Eine literarische Qualität kann ich diesem Roman nicht absprechen. Auch wird deutlich, dass der Autor kultur- und literaturgeschichtlich ganz gut aufgestellt ist. Dennoch fiel es mir teilweise sehr schwer, mich auf diesen Text einzulassen, weil ich den Erzähler nicht durchschauen konnte. Oft schien er anderen gegenüber ziemlich herablassend und sich selbst gegenüber sehr großzügig zu sein. Wenn man einen ganzen Roman bei einem nicht sehr sympathischen Protagonisten bleiben muss und von seiner Außenwelt wenig mitbekommt, dafür umso mehr von seinen teilweise recht hochtrabenden Gedankengängen, kann das sehr ermüdend werden.


Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha. dtv 2017. Deutsche Erstausgabe Carl Hanser 2016. Aus dem Russischen übersetzt von Rosemarie Tietze. Die Originalausgabe erschien 1949 unter dem Titel Возвращение Будды / Vozvraščenie Buddy.

Das Zitat stammt von S. 118.

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