Henning Ahres: Lauf Jäger lauf

Zorrow reist mit dem Zug nach Nillberg, als er beim Blick aus dem Fenster einen Fuchs sieht. Einem Impuls folgend, stoppt er den Zug per Notbremse und rennt, sein Gepäck zurücklassend, dem Tier hinterher. Schnell verliert er sich in der eintönigen Landschaft und sein Plan, die Reise nur kurz zu unterbrechen, wird von einer Gruppe Widergänger vereitelt, die ihn gefangen nehmen und in das von ihnen bewohnte Gutshaus schleppen. Die Widergänger, von Zorrow einmal auch Wiedergänger genannt, verstecken sich hier vor ihrem Erzfeind Erk, der Flügel hat und mit Feuer schießen kann. Sie sind sich sicher, dass dieses Wesen sie töten will und vermuten in Zorrow einen Spitzel.

„Ein Trottel. Den Zug zu stoppen, um einem Fuchs hinterherzulaufen. Was führt er im Schilde?“

Gerettet wird er durch die Intervention des Malers, der Anführer der Gruppe ist. Er ist auch der einzige, der den mysteriösen Nebel in der Nähe des Hauses betreten kann und darf. Dafür, dass der Maler auf seiner Seite steht, muss Zorrow ihm in geborgten Frauenkleidern sexuell zu Diensten sein, was ihm sehr unangenehm ist, vor allem da häufig ein Revolver Anwendung findet und er schließlich einen Schneidezahn verliert. Die Existenz von Nillberg bestreiten die Widergänger vehement und das Ticket, das mal ein Beweis für Zorrows Vorhaben war, ist verbrannt. Vermutlich wäre es aber ohnehin nicht von Nutzen, denn Schriftstücke haben in diesem Roman die unangenehme Angewohnheit, sich unerklärlich zu verändern. Und nicht nur Schriftstücke können das. Sein Ziel, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, hat Zorrow aber jedenfalls umsetzen können.

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Die Landschaft um das Gut herum ist norddeutsch eintönig, kein weiteres Haus und keine Menschenseele ist in Sicht. Auch die Sprache des Romans wirkt stellenweise, als sei sie aus dem Editorial der „Land und Forst – Landwirtschaft und Landleben in Niedersachsen“, einer Zeitschrift, die ich mit großem Interesse lese, wann immer ich die Gelegenheit habe. Das Gehör der Fähe blitzt im Flatterbinsen auf, der Fang leicht geöffnet, während Zorrow behände von Bult zu Bult springt. Ich sehe, warum der Autor das macht, manchmal wünscht man sich aber, er hätte das Jagdlexikon mal eben im Regal gelassen. In regelmäßigen Abständen flattert zudem von der Schnepfe bis zur Ralle alles auf, was in der lokalen Vogelwelt Rang und Namen hat, unterlegt von passenden Rufen aus „Was fliegt denn da“. Das „Flieh!Flieh!Flieh!“der Rohrweihe aber hört nur Zorrow.

Leichter gesagt als getan, dieser hervorragende Plan des klugen Vogels. Nachdem die Widergänger hartnäckig darauf bestehen, es gäbe Nillberg nicht, hat Zorrow selbst schon Zweifel. Hinzu kommt nach jedem missglückten Fluchtversuch die Angst vor dem Zorn des Malers. Einmal findet er Gleise, sieht sogar einen Zug darauf fahren, doch als er den Gleisen folgt, werden sie älter und älter und enden schließlich an der Station Morrzow – genau da, wo Zorrow hoffnungsfroh aufgebrochen ist.

„viele Pflanzen sind Selbstbefruchter und die innere Weite des Menschen ist gewaltig.“

Was in diesem Roman real ist und was eine Phantasie oder eine Wahnvorstellung, bleibt unklar. Auch erfährt man nicht, was es mit den Widergängern auf sich hat, warum sie sich in einem alten Gut verschanzen und ob die Angst vor dem unheimlichen Erk begründet ist. Es ist ein absurdes Buch und man muss sich darauf einlassen können und wollen, dass es hier weder um stringente Handlung noch um die Beantwortung von Fragen geht. Wer aber Lust hat auf eine mysteriöse Geschichte inmitten archaischer Natur und einer anarchischen Gemeinschaft, ist hier gut aufgehoben. Ebenso wie Zorrow verliert man sich beim Lesen im immerwährenden Nebel, hat aber immerhin den Vorteil, dass man jederzeit ausbrechen kann, wenn man denn will.  Denn so packend ist das Buch nun auch nicht, dass es einen auch außerhalb der Buchdeckel noch verfolgen würde.


Henning Ahrens: Lauf Jäger lauf. Fischer Taschenbuch 2002, 256 Seiten.

Das erste Zitat stammt von S. 22, das zweite von S. 238.

8 Gedanken zu “Henning Ahres: Lauf Jäger lauf

  1. soerenheim 11. Dezember 2018 / 13:37

    Klingt… weird… Hat es mit dem Anklang des Namens an Zorro etwas auf sich?

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    • Marion 11. Dezember 2018 / 17:54

      Es ist total weird und ich bin mir nicht schlüssig, ob es die Art von weird ist, die ich gut finde.
      Als Zorrow sich den Widergängern vorstellt, versteht einer der Männer Zorro, Zorrow korrigiert ihn aber und daraufhin nennt er ihn (wenn überhaupt) nur noch sehr selten so. Den eigentlich Zorro-Stoff habe ich jetzt nicht besonders gut verinnerlicht, irgendwelche Parallelen wären mir aber nicht aufgefallen.

      Gefällt 1 Person

      • soerenheim 11. Dezember 2018 / 18:15

        Ich werd mir das glaub ich auch mal angucken… von Zorro weiß ich eigendlich auch nur Maske+Degen+enge Hosen 😀

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  2. Herr T. 11. Dezember 2018 / 18:02

    Hört sich an wie ein Traum, den man haben sollte, wenn man sich durch den kompletten Kafka gelesen hat und danach zur Entspannung noch den Jahresrückblick von „Horse and Hound“…

    Gefällt 2 Personen

  3. soerenheim 18. Dezember 2018 / 15:42

    So, gelesen… sobald ich ans korrigieren komme, poste ich auch was dazu… fands eigentlich ganz gut.

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