Kamila Shamsie: A God in Every Stone

Es ist eine ungewöhnliche Chance, die Vivian Rose Spencer 1914 bekommt: die junge Archäologin darf mit der Erlaubnis ihres Vaters an einer Ausgrabung im türkischen Labraunda teilnehmen. Leiter der Ausgrabung ist der Armenier Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, mit dem sie bald tiefe Gefühle verbinden. Sie plant schon zukünftige Sommer in der Türkei als Mrs. Bey, doch als die Archäologen nach Wochen abgeschiedener Ausgrabungen wieder in die Zivilisation zurückkehren erfahren sie mit Schrecken vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Alle sind sich einig, dass der Spuk in wenigen Monaten der Vergangenheit angehören wird. Vivian kehrt schnellstmöglich in die Heimat zurück und arbeitet in Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht als Krankenschwester. Ihre Briefe in die Türkei bleiben unbeantwortet, eine verspätete Weihnachtskarte an die Familie ist das einzige Lebenszeichen von Tahsin.

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Der Weihnachtskarte aber liegt ein persönliches Schreiben an Vivian bei, in dem Tahsin vom Stirnreif des Skylax spricht, den er schon lange sucht. Er vermutet das Relikt im antiken Caspatyrus, dem heutigen Peschawar. Erschöpft von der Arbeit als Krankenschwester und in der Hoffnung, in Peschawar nicht nur den Stirnreif sondern vielleicht auch Tahsin finden zu können, reist Vivian in diese entlegene Ecke des Empires. In einem Zug trifft sie auf Qayyum, der als Teil der British Indian Army in Ypern sein Leben riskiert und ein Auge verloren hat. So richtig warm werden die beiden nicht miteinander, was vor allem an Vivians freigeistiger Lebenseinstellung und Qayyums traditioneller Erziehung liegt. Trotzdem werden ihre beider Leben spätestens am Bahnhof untrennbar miteinander verknüpft.

Vivians Zeit in Peshawar dauert länger als gedacht. Die Lebensweise der dortigen Bevölkerung ist ihr fremd und unverständlich, der Kontakt aber ohnehin meist nur oberflächlich und auf Augenhöhe gar nicht möglich. Als Teil der britischen Kolonialherrschaft verkehrt sie eben in anderen  (und oft wenig sympathischen) Kreisen. Sie lehnt sich in dieser Position aber nicht bequem zurück, sondern verstößt immer wieder gegen die Regeln der Kolonialgemeinschaft um ihre eigenen und sehr außergewöhnlichen Ziele zu erreichen. Während sie sich am Anfang der Geschichte noch über eine Freundin lustig macht, die sich den Suffragetten anschließt, entwickelt sie sich selbst immer freier und schafft es sogar, sich ein wenig von den Erwartungen des verehrten Vaters frei zu machen. Der hätte ohnehin lieber einen Sohn gehabt um ihn stolz in den Krieg ziehen zu sehen.

Sehr ausführlich und persönlich verhandelt Shamsie das wenig bekannte Thema der British Indian Army, die im Ersten Weltkrieg auf englischer Seite kämpfte und erhebliche Verluste erlitt. Die Männer, die invalide in ihre Heimat zurückkehrten, waren oft desillusioniert und verbittert in Anbetracht der Tatsache, wie schlecht man sie noch immer behandelte. Von Dankbarkeit war von Seiten der Kolonialmacht wenig zu spüren. Im Fall von Qayyum führt dies zu einer steigenden Bereitschaft, sich aktiv gegen die Fremdherrschaft einzusetzen. Er schließt sich dem Paschtunen Ghaffar Khan an, der durch waffenlosen Widerstand die Freiheit Indiens erreichen will. Diese Thematik nimmt einen weit größeren Teil des Romans ein als Vivians Bemühungen in der Archäologie – zum Glück, denn sie sind auch deutlich interessanter.

„Not even a Victoria Cross could give a Pashtun the right to deserve an Englishwoman’s attention.“

Der Anfang des Romans war mir deutlich zu poetisch und verträumt mit der magischen Atmosphäre der alten Tempelanlagen und Lagerfeuern in der Nacht. Ich hatte schon Sorge, Vivian würde den Rest des Romans schwärmend durch den Staub schlendern und steinerne Götter aus der Erde kratzen. Stattdessen wandelt der Roman sich bald zu einer sehr interessanten und persönlichen Auseinandersetzung mit der britisch-indischen Kolonialgeschichte. Allerdings fand ich Vivian dabei manchmal ganz schön platt und austauschbar. Sie tritt hinter der Handlung zurück und fungiert zeitweise nur als europäischer Blick auf die Geschehnisse. Sie ist da, damit sich jemand wundert und Fragen stellt, an vielen Stellen hätte da aber auch eine andere Blondine im Tropenhelm stehen können. Als Figur funktioniert sie dennoch sehr gut und so ist A God in Every Stone ein durchaus lesenswerter und kurzweiliger Roman, dessen Autorin vor kritischen Fragen nicht zurückschreckt.


Kamila Shamsie: A God in Every Stone. Bloomsbury 2014. 320 Seiten. Deutsche Übersetzung von Ulrike Thiesmeyer unter dem Titel Die Straße der Geschichtenerzähler lieferbar beim Berlin Verlag.

Das Zitat stammt von S. 133.

Mit diesem Roman war Shamsie 2015 auf der Shortlist des Baileys Women’s Prize for Fiction. Es war ihre zweite von mittlerweile drei Platzierungen. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

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