Stefan Gärtner: Putins Weiber

Waldemar, genannt Putin, lebt mit seiner Lebensgefährtin Vera in Frankfurt. Als er sie nach einer Fortbildung vom Bahnhof abholt, beichtet sie, dass sie ihn betrogen hat. Statt aber gleich vom Beziehungsende zu sprechen, macht sie ihm einen Vorschlag: sie wollen eine Zeit getrennt leben und Putin hat nun auch eine Frau, einen Seitensprung frei. Erst ist ihm überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, ihm fällt auch keine ein, aber dann bringt sein Freund Georg ihn auf eine Idee: er soll all die Frauen aufsuchen, bei denen er sich vor Jahren nicht getraut hat. Und so beginnt Putins Reise durch Deutschland und seine Vergangenheit. Mareike, Manuela, Mona, Mimi, Marie heißen die Gesuchten oder auf dem Weg zufällig Getroffenen. Erfolg hat er natürlich bei den wenigsten.

„Betrogen, fürchte ich, habe ich jemand anderen, und zwar durch Unterlassen, und dann bin ich geflohen, weil da, wo mal zu Hause war, irgendein Sven ans Telefon ging.“

Schließlich, man weiß nicht genau wie viel Zeit vergangen ist, verschlägt es den Frankfurter Putin nach Bielefeld, wo er sich mit diversen skurrilen Gestalten ein trostloses Mietshaus teilt und seine Nachbarin begehrt, deren Namen nicht mit M beginnt, bei der er aber auch nicht mehr Erfolg hat. Auch Vera, erfährt man in einem kurzen Perspektivwechsel, scheint es nicht viel besser zu ergehen. Sie flüchtet sich nach Berlin (wohin auch sonst) wo sie zwar eine nette Mitbewohnerin aber sonst nur wenig Anschluss findet. Für Liebe scheint in ihrem Leben auf jeden Fall ebenfalls erstmal kein Platz mehr zu sein.

Stefan Gärtner schreibt jede Woche großartige Texte für die Titanic, bei der er auch mal Redakteur war. Stilistisch ist Putins Weiber nicht weniger herausragend als das, was man jeden Sonntag unter „Gärtner kritisches Sonntagsfrühstück“ lesen kann. Auch der Aufbau des Romans ist absolut gelungen und eigentlich sogar smart. Während der in Bielefeld lebende Putin aus der Ich-Perspektive erzählt, wird über den in Frankfurt und durch Deutschland irrenden Putin in der dritten Person berichtet. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Perspektiven werden dadurch so groß, dass es scheint, als handele der Roman von zwei verschiedenen Männern. Erst langsam überlagern die beiden Figuren sich und es wird klar, wie Putins Weg verlaufen ist. Und der seines besten Freundes Georg gleich mit, denn auch er wird nicht in Frankfurt bleiben können.

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Wer ab und an Gärtner liest, wird einige seiner Themen wiederfinden, über die er sich pointiert aber nicht aufdringlich auslässt. In diese Kategorie fallen auch die besten Witze des Romans. Darüberhinaus beweist Gärtner auch, dass er durchaus in der Lage ist, poetisch und in großen Bildern zu schreiben. Trotz des leichten Themas gibt es etliche unerwartet tiefgehende Passagen und absurd gut formulierte Sätze. Aber – wir alle wissen, dass noch ein aber kommt – was ist denn das für eine blöde Story? Mitdreißiger hat eine Lebenskrise, Job läuft auch nicht so, Frauen laufen schon gar nicht. Bester Freund aus Studientagen will helfen und macht es doch nur schlimmer. Auf einmal also zwei Mitdreißiger in der Krise. Im letzten Drittel kann der Roman nochmal aufholen, aber die ersten beiden Dritteln folgt man nur Putin, der von einer unangenehmen Begegnung zur nächsten tapert und sich um Kopf und Kragen redet. Aus seiner Lebenskrise hilft ihm das natürlich nicht. Und besonders schlüssig scheinen seine Ausflüge ihm selbst nicht zu sein.

Mit Gärtners Schreibfähigkeiten und seinem Verständnis für Aufbau und erzählerische Finessen hätte er einen unglaublich guten Roman schreiben können. Mit seiner Fähigkeit zur genauen Beobachtung hätte er auch einen sehr witzigen Roman schreiben können. Und er hätte, was ich nicht gedacht hätte, auch einen großen, poetischen, tiefgehenden, ambitionierten Roman schreiben können. Aber sowohl gut als auch witzig bleiben bei diesem Roman leider nur im Mittelfeld, poetisch darf nur manchmal von der Leine und das macht es fast ärgerlich, diesen Roman zu lesen. Gute Ideen scheiße erzählt findet man ja dauernd, aber ein derartiges Gefälle zwischen brillantem Stil und dramatisch platter Geschichte habe ich bisher nur selten erlebt.


Stefan Gärtner: Putins Weiber. Rowohlt 2015. 283 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 203-4

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