Joolz Denby: Billie Morgan

Billie, eine auf die fünfzig zugehende Geschenkartikelladen-Besitzerin aus Bradford, lebt zurückgezogen in einem kleinen Häuschen, hat zwei Katzen und duscht mit Teebaumöl-Duschgel. Doch nicht immer verlief ihr Leben in so geordneten Bahnen. In ihrer Jugend ist sie Teil der Hippie-Bewegung, bis sie nach einem brutalen Vorfall ihren ehemaligen Freunden den Rücken kehrt und sich auf die Suche nach loyaleren Kreisen macht. Sie findet sie bei den „Devil’s Own“, einer Rockergang, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt, aber immerhin den Zusammenhalt groß schreibt. Dort lernt sie auch ihren späteren Mann Mickey kennen, mit dem zusammen sie eine furchtbare Gewalttat begeht. Der Mann, der dabei stirbt, ist ein kleinkrimineller Außenseiter, er ist aber auch der Freund von Jas, die von ihm schwanger ist, und die sich, nachdem sie jetzt alleine da steht, hilfesuchend an Billie klammert. Sie ahnt nicht, wen sie zur Patentante, zum Schutzengel für ihren Natty ernannt hat.

„It was just a fact, that violence was as much part of me as love, honour and pride. It had given me iron strength of will over the years, but sometimes it demanded a price for that daily control.“

Billie ist von Jas Hilflosigkeit und ihrer Drogenabhängigkeit oft genervt und überfordert, ihre Schuldgefühle erlauben es ihr aber nicht, der Freundin und ihrem Sohn den Rücken zu kehren. Manchmal wünscht sie sich, sie hätte sich damals einfach der Polizei gestellt, dann wäre ihre Strafe jetzt abgesessen und vergolten. So plagen sie auch nach Jahren noch schlimme Alpträume und auch ihre Ehe ist kurz nach der Tat in die Brüche gegangen. Zu allem Überfluss startet nun noch eine Tageszeitung eine Reihe über Vermisstenfälle die nie aufgeklärt wurden und die Mutter des Toten will noch einen letzten Versuch starten, ihren Sohn zu finden. Billie gerät in Panik. Was, wenn jetzt doch noch alles ans Licht kommt?

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Denby, die selbst in Bradford lebt, porträtiert die sozialen Randfiguren und Absteiger der Stadt ohne auf sie herabzuschauen. Die Bilder, die sie dabei enstehen lässt, sind oft abstoßend und in Teilen schlichtweg grausam – vielleicht zu grausam für etwas empfindliche LeserInnen, das sei zur Warnung gesagt. Der Roman ist ein Bericht von Billie, die sich endlich alles von der Seele schreiben will, was sie seit Jahren mit sich herumschleppt. Es ist ein mühsames Geständnis, das sie sich Seite für Seite abringt. Der Ton ist oft umgangssprachlich und, zumindest für mein Empfinden, manchmal etwas bemüht in seinem Sarkasmus und seiner aufgesetzten Lässigkeit. Zu Beginn nimmt man Billie den trotzigen Ton des rebellischen Teenagers noch ab, mit der Zeit wird es aber doch etwas mühsam. Auch die menschlichen Abgründe werden immer tiefer, bis es am Ende so eskaliert, dass die geschilderten Ereignisse hart an der Glaubwürdigkeit kratzen und man sich wünscht, Denby hätte mal einen Gang zurückgeschaltet.

Billie bringt ihre Lebensgeschichte nur mühsam zu Papier. Weder die ihr widerfahrenen Grausamkeiten hat sie verwunden noch die von ihr ausgeführten. Sie beginnt den Roman mit dem Geständnis, eine Mörderin zu sein, schafft es dann aber nicht, ohne Umschweife von der Tat zu erzählen. Immer wieder macht sie Andeutungen, erzählt dann aber doch erst noch von ihrer Hochzeit, dem angespannten Verhältnis zu ihrer Mutter, dem verschwundenen Vater, der Zeit bei den Devil’s Own und der belastenden Beziehung zu Jas. Nach ungefähr einem Drittel hat man genug Andeutungen um eigentlich zu wissen, was passiert ist und ich hätte mir sehr gewünscht, sie wäre früher zum Punkt gekommen. Ich weiß, dass das dem Spannungsbogen dienen soll, mir ist es aber irgendwann ein bisschen auf die Nerven gegangen.

Billie Morgan ist ein atmosphärischer Thriller mit einem spannenden Konzept dahinter. Leider verliert die Geschichte sich zu sehr in sich selbst und den eigentlichen Punkt aus den Augen, wodurch der ursprüngliche „Fall“ nur schleppend vorangeht. Ein bisschen mehr Action und weniger Instropektion hätten diesem Roman ganz gut getan.


Joolz Denby: Bille Morgan. Serpent’s Tail 2004. 280 Seiten. Derzeit nicht lieferbar. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 222

Denby war mit diesem Roman 2004 auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

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