Nnedi Okorafor: Lagoon

Das erste Kapitel von Lagoon wird aus der Perspektive eines Schwertfischs erzählt, was sicher die ungewöhnlichste Reflektorfigur für mich ist, seit ich aufgehört habe, Geschichten aus der Perspektive von Meerschweinchen zu lesen. Der Schwertfisch attackiert und punktiert die Ölleitung einer Bohrinsel, was vor der Küste Angolas übrigens tatsächlich mal passiert ist. Kurz danach aber ist das schon das kleinste Problem von Lagos. Mit einem ohrenbetäubenden Krach landet etwas in der Lagune und kurz danach steigt eine Frau aus dem Wasser. Keine gewöhnliche Frau natürlich, sondern ein Gestaltwandler-Alien, das gerade eben die Gestalt einer Frau angenommen hat. Zum Glück kommen die Aliens aber in friedlicher Mission. Als menschliche Helfer auserkoren haben sie Adoara, eine Meeresbiologin, Agu, einen desertierten Soldaten und den ghanaischen Hip Hopper Anthony, deren Zusammentreffen am Strand alles andere als zufällig ist.

Okorafor_Lagoon

Kaum ist die Landung der Aliens publik, werden sie zum Internet-Hit und mehrere Gruppierungen sind sehr daran interessiert, die fremde Besucherin in ihre Gewalt zu bringen. Wer das Alien hat, hat Macht. Eine christliche Splittergruppe will sie zum wahren Glauben bekehren, ein paar jugendliche Ganoven planen das große Geschäft, und eine LGBT-Studierendengruppe erhofft sich, dass ein Gestaltwandler-Alien der Öffentlichkeit zeigen kann, dass man alles sein kann, was man will. Okorafor will ein möglichst breites Panorama der Gesellschaft von Lagos zeigen, übertreibt es damit aber. Dadurch, dass alle vorkommen sollen, kommen am Ende auch alle zu kurz. Vor allem die LGBT-Studierenden dürfen im wesentlichen einmal durchs Bild laufen, bevor sie ein unschönes Ende finden. Auffallend ist, dass ungefähr jeder sein Geld mit 419-Scams verdient. Das sind diese Mails, in denen man erfährt, dass ein entfernter Verwandter verstorben ist und man eine astronomische Menge Geld erbt, wenn…. Wer nicht betrügerischen Internet-Geschäften nachgeht, ist Prostituierte, Meeresbiologin oder Soldat. Die Autorin lässt ihre Charaktere sehr emotional und positiv von Lagos sprechen, charakterisiert die Stadt aber gleichzeitig als finstersten Moloch, aus dem man lebend wahrscheinlich nicht mehr herauskommt.

„Lagos is in the blood. We run back to Lagos the moment we step out, even though we may have vowed never to come back. Lagos is Lagos. There’s no city like it. Lagos is sweet.“

Neben den Aliens gibt es eine ganze Reihe weiterer fantastischer Charaktere, die größtenteils der nigerianischen Märchen- und Sagenwelt entstammen. Darunter ist eine Spinne, die Geschichten spinnt und ein Knochensammler, der seine Opfer auf der Schnellstraße findet. Dieser Einblick in die nigerianische Erzähltradition war interessant, aber auch wieder nur bedingt bereichernd, weil es einfach noch ein Plot und noch ein Nebenplot und noch eine Abschweifung war. Okorafor will über die nigerianische Gesellschaft, ihre Chancen, ihren Reichtum und ihre Schwächen schreiben, und sie macht das, indem sie über Aliens schreibt. Mit fremden und potentiell feindlichen Übernahmen hat das Land ja auch schon seine Erfahrungen gemacht. Wie so viele Erstkontakt-Geschichten kann auch diese hier als Kolonial-Parabel gelesen werden. Zwischen Boko Haram und Tiefseemonstern, Biafra und Alien-Ältestenrat allerdings wird der Fokus der Erzählung manchmal reichlich unscharf. Das hat es mir zumindest in Teilen schwer gemacht, dran zu bleiben. Der Stil ist, nicht zuletzt dank vieler Dialoge, recht lebendig, besonders in Kampfszenen zuweilen aber auch sonderbar steif. Ich bin sowieso grauenhaft schlecht mit Kampfszenen und lese die oft nur quer (jemand schießt, noch jemand schießt, irgendwer blutet, nicht so interessant), in diesem Roman aber haben sie mich regelrecht verwirrt zurückgelassen, weil auch noch mitten im Kampf Leute mysteriöse Superkräfte entdecken und ich dann völlig raus war. Ich hätte diesen Roman sehr gerne toll gefunden, weil er so viele großartige Ideen und Elemente und ein paar sehr interessante Ansätze hat. Wie diese aber zusammengefügt wurden, hat mich leider nur punktuell überzeugen können. Das mag aber, das möchte ich noch ergänzen, an meiner Phantastik-Einschränkung liegen. Für alles außerhalb von fontaneskem Realismus  bin ich weitestgehend blind und schreie schon „unrealistisch!“ wenn jemand besonders hoch springen kann. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Genre-Fans diesem Roman weit mehr abgewinnen können.


Nnedi Okorafor: Lagoon. Hodder & Stoughton 2016. 301 Seiten, ca. € 10,-. Die deutsche Übersetzung  ist 2016 unter dem Titel Lagune bei Cross Cult erschienen.

Das Zitat stammt von S. 64

Auf dem Blog Bingereader läuft übrigens derzeit das Projekt „Women in SciFi“, bei dem SciFi-Titel verschiedener Autorinnen gesammelt werden. Guckt da mal vorbei.

11 Gedanken zu “Nnedi Okorafor: Lagoon

  1. lapismont 6. Februar 2018 / 8:59

    Im Prinzip kritisierst Du an »Lagoon« das gleiche, was mir auch bei »Wer fürchtet den Tod« auffiel, und ich bin Phantastik-Fan. Nnedi Okorafur scheint es so bisschen an der Ballance von phantastischen Elementen und stringenter Erzählung zu mangeln.
    (Übrigens unrealistisch: Das verbinde ich mit Fontane eigentlich auch :D)

    Gefällt 2 Personen

    • Marion 6. Februar 2018 / 10:02

      Deine Kritik bringt es gut auf den Punkt.
      Fontane wurde mir in der Schule versaut, als ich in wenigen Monaten Effi Briest UND Frau Jenny Treibel lesen musste. Mittlerweile find ich den ganz witzig. Manchmal.

      Gefällt 3 Personen

  2. thursdaynext 6. Februar 2018 / 10:31

    Wenn sie witzig schreibt dann könnte mir das nach dem Plot durchaus zusagen. Leider kam in deiner Besprechung weder das Wort wizig, noch ironisch, schwarzhumorig oder satirisch vor, also wohl eher nicht mein Beuteschema?

    Effi Briest, kann ich mit etlich über 15 immer noch nicht würdigen. Fontanesk schon, obwohl ich erst an die Fontanelle dachte und krampfhaft ….*G*

    Gefällt 1 Person

    • Marion 7. Februar 2018 / 8:53

      Sie schreibt ganz locker, aber nicht wirklich witzig. Also natürlich gibt es ganz witzige Szenen und Dialoge, aber im Großen und Ganzen nicht. Ich glaube, da wirst du mit anderen Büchern glücklicher.

      Gefällt 1 Person

  3. Soleil 8. Februar 2018 / 21:49

    Ich habe das Buch ebenfalls vor einiger Zeit gelesen und fand es eher mittelmäßig. Nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut. Schade, dass ihre Bücher so teuer sind, sonst würde ich glatt noch etwas von ihr versuchen. Bei meiner Rezi habe ich mich übrigens gefragt, was sich ändern würde, wenn man die Handlung geografisch verlagern würde, dazu passen auch Deine Überlegungen.

    Gefällt mir

    • Marion 9. Februar 2018 / 10:56

      Ich glaube, dann müsste man das Buch fast neu schreiben, oder? Es ist so sehr an Lagos und die nigerianische Geschichte und Gesellschaft geknüpft, dass man es verlustfrei gar nicht umsiedeln könnte.

      Gefällt mir

  4. dj7o9 11. Februar 2018 / 17:14

    Ganz lieben Dank fürs Verlinken zu „Women in SciFi“,
    Dem Buch würde ich glaube ich doch eine Chance geben, könnte mir gefallen und es paßt ja auch so wunderbar zu dem Kissen, dass ich jetzt auch bald haben werde (hoffe ich) 😉

    Gefällt 1 Person

Was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s