Christopher Ecker: Fahlmann

Ein Werk ohne Widersprüche hat keinerlei Erkenntniswert. Nur im Paradoxon liegt Gewinnn.

ecker_fahlmannGeorg Fahlmann ist ein Mann um die dreißig, Student mit schriftstellerischen Ambitionen und Aushilfe im familieneigenen Bestattungsunternehmen. Er lebt im Saarland, was sich sehr zu meiner Freude durch gelegentliche dialektale Passagen bemerkbar macht, zusammen mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn Jens. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Dachboden, wo er nicht an seiner Hausarbeit über Personennamen bei Thomas Mann arbeitet und an seinem Roman Vom Herausgehen am Tage verzweifelt. Dieser handelt von Carl Bahlow, einem Entomologen, der als Außenagent einer ominösen Firma in die Tendaguru-Expedition eingeschleußt wird. Diese fand um 1910 in Deutsch-Ostafrika statt mit dem Ziel, die Fossilien von „Schreckensechsen“ zu finden und nach Deutschland zu verschiffen. Wer mal im Berliner Naturkundemuseum war, hat zumindest ein Fossil dieser Expedition, den Brachiosaurus in der Eingangshalle gesehen.

Bahlow ist nicht ganz sauber, in keinem Sinn des Wortes. Er ist auf der Flucht vor der deutschen Strafverfolgung, es gab offenbar einen sehr unschönen Zwischenfall mit einem sehr jungen Mädchen. Im fernen Afrika träumt er noch immer von ihr und scheint eine merkwürdig erotische Befriedigung im Essen von Käfern und Larven zu finden. Durch seine wiederkehrenden Malaria-Schübe ist oft nicht ganz sicher, was wirklich passiert und was Bahlows Fieberwahn zuzuschreiben ist. Die ganze Geschichte ist ein großartiges, wenn auch zunehmend rissiges Abbild kolonialer Abenteuerliteratur.

In Fahlmanns Welt gibt es derweil auch Ärger. Seine Ehe mit Susanne bröckelt vor sich hin, sie scheint eine Affäre mit einem Kollegen zu haben, sein Kumpel Achim ist langweilig geworden seit er eine Freundin hat seine akademische Karriere fährt er souverän an die Wand.

Das ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was passiert, es gibt weit mehr Charaktere als die hier genannten* und die Handlung bzw. der Aufbau ist weit komplexer. Ich habe nur eine nette Inhaltszusammenfassung geschrieben, damit das Buch harmlos klingt. Eigentlich geht es auch um das Schreiben an sich und um das Scheitern daran, es geht um Literatur und ihre Konstruktion. Es ist ein wahnsinniges Gebilde von Erzählperspektiven, von Figuren die sich übereinander schieben und einander überlagern bis man nicht mehr sicher sein kann, wem man welche Tat zuzuschreiben hat und ob nicht am Ende vielleicht wirklich alle eine Person sind. Räume und ihre Position in der Welt sind keine sichere und fixe Instanz, sie können prinzipiell jederzeit ihren Ort ändern. Nun weiß man nicht, ob sie das wirklich können in dieser Bahlow-Fahlmann-Welt oder ob der Erzähler einfach nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Es geht viel um Erotik und Begehren und das sehr häufig auf abschreckende Art, wobei es da durchaus graduelle Abstufungen gibt. Schließlich ist auch der Prozess des Benennens ein Thema, nicht nur in Fahlmanns Hausarbeit. Durch das Benennen erfolgt zugleich eine Aneignung, wie die der Boys, die den Expeditionsteilnehmern zur Seite stehen und von ihnen Namen verpasst bekommen, als hätten sie nie welche gehabt. Auch Linné als Großmeister des Benennens hat ein paar Auftritte.

Klingt anstrengend, ist die Hölle, aber selten hatte ich so viel Spaß an einem Buch. Es ist das zweite Mal, dass ich es gelesen habe und dieses mal habe ich mir mehr Mühe gegeben und alles nachgeschlagen, inklusive aller intertextuellen Referenzen und jedem Fremdwort. Ich hatte Skrupel, in Hardcover, Spotlackierung, zwei Lesebändchen mit dem Kugelschreiber rumzumalen, aber manchmal geht es halt nicht anders. Meine liebste Randmarkierung ist „Drehorgel-Panik“ und die hatte ich auch, nachdem ich im letzten Drittel des Romans merkte, dass ich zu spät auf den Leierkastenmann geachtet habe. Ob das was zerstört hat? Keine Ahnung. Der Roman lässt so massiv viele Deutungen offen und zu, dass der eine Aspekt es nun eigentlich nicht zerstört haben kann.

Man kann diesen Roman als unterhaltsames, dickes Buch lesen, aber dann verliert man mit Sicherheit irgendwann die Geduld. Man muss eigentlich die Zähne reinschlagen und es auseinandernehmen, möglichst viele Fäden finden und verfolgen und hoffen, dass sie zu irgendwas führen, was aber wahrscheinlich ist. Denn in einem Roman, so bemerkt Bahlow hilfreich „ist der Zufall ausgeschlossen: Hier hat alles Bedeutung.“ (164) Man muss, so hätte man es mir an der Uni gesagt, „mit dem Text in Kontakt treten“. Anders geht es hier aber wirklich nicht. Ich bin während der Lektüre auch mit dem Erzähler in Kontakt getreten und habe die verzweifelte Frage „wer bist du, Erzähler, wer bist du?“ an den Rand gekritzelt ohne jemals eine Antwort zu bekommen. Mindestens einmal bin ich auch mit dem Autor in Kontakt getreten, als ich mühsam einen völlig bescheuerten Morse-Code entziffert hatte und „du blöder Vollarsch!“ rufend meinen Kugelschreiber von mir warf. Auch er hat mir nicht geantwortet und es ist mir ganz recht, dass er nicht von meiner rüden Beschimpfung weiß.

Dieser Vollkontakt zahlt sich allerdings aus. Dieses Buch stößt einen immer wieder vor den Kopf, wechselt ohne jede Ankündigung die Perspektive, bricht ab, geht woanders wieder weiter und nötigt einen, detektivisch hinter Spuren herzukriechen, Star Wars-Spaceports zu erkennen, im ägyptischen Totenbuch zu lesen und nachzusehen, was holometabol heißt (letzteres hätte man nicht gebraucht, es bezeichnet Insekten, die alle Stadien der Entwicklung inkl. Verpuppung durchlaufen). Und damit ist es, trotz aller Verzweiflung und trotz des ganzen Ekels, eines der unterhaltsamsten Bücher, die ich überhaupt jemals gelesen habe. Während ich auf den letzten 250 Seiten war, habe ich mehrmals geträumt, dass ich ein riesiger Käfer in einem Pariser Hotel sei, das keinen Ausgang hat. Ein Autor, dessen Bücher einen so massiv verfolgen, kann was. Ich unterbreche sogar kurz meine Witzel-Lobpreisung um zu sagen: Lest mal Ecker.


*Es gibt einen Begleitband zum Buch, was an sich schon eine Menge aussagt. Das Personenverzeichnis umfasst zehn Seiten.


Christopher Ecker: Fahlmann. Mitteldeutscher Verlag 2012. 1025 Seiten, € 39,95.

Kai U. Jürgens: Liebeserklärung an eine Zielscheibe. Mitteldeutscher Verlag 2012. 112 Seiten, € 9,95.

Das Zitat stammt von S. 650

Advertisements

6 Gedanken zu “Christopher Ecker: Fahlmann

    • Marion 21. Dezember 2016 / 11:29

      Vielleicht muss ich es sogar ein drittes mal lesen und mehr auf den Drehorgelmann achten 😀

      Gefällt mir

Sag was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s