John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Wenn ihr erwartet, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Kinder, dann müsst ihr ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht.“

Homer Wells bekommt seinen Namen von Schwester Angela, als er im Waisenhaus St. Cloud’s geboren wird. Seine Mutter ist eine von vielen Frauen, die das Haus aufsuchen, um Kinder zu bekommen, die sie nie wollten. Andere kommen früher und bitten um eine Abtreibung, die ihnen gewährt wird, auch wenn es, der Roman spielt in den 1930ern – 50ern, illegal ist. Das Waisenhaus liegt irgendwo in Maine, in einer Kleinstadt in der es außer dem Bahnhof und einem verlassenen Sägewerk fast nichts gibt.

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Eigentlich soll St. Cloud’s nur eine vorübergehende Lösung sein, aber Homer ist eines der wenigen Waisenkinder, die niemals adoptiert werden. Einige Male kommt er kurzzeitig bei Familien unter, aber am Ende landet er immer wieder im Heim, das über die Jahre zu seinem eigentlichen Zuhause wird. Dr. Larch, Leiter der Einrichtung, akzeptiert dies irgendwann und will Homer gerne dabehalten, so lange er „sich nützlich macht“. Und so wird Homer über die Jahre zum erfahrenen Geburtshelfer im Kreißsaal und geliebten Vorleser im Schlafsaal. Abtreibungen aber will er, anders als Larch, niemals durchführen. Er glaubt, dass sie legal sein sollten und er glaubt auch, dass jede Frau das Recht haben sollte, ihr Kind nicht zu bekommen, aber selbst durchführen will er sie auf keinen Fall. Wilbur Larch ist anderer Ansicht. Er hat einmal miterlebt, wie ein Mädchen starb, nachdem sie sich einer nicht fachgerechten Abtreibung unterziehen musste. Seitdem ist er der Überzeugung, dass es seine Pflicht ist, diesen Frauen zu helfen, allein weil er es kann. Zeit seines Lebens kämpft er darum, den Schwangerschaftsabbruch zu legalisieren und schreibt unermüdlich an jeden Präsidenten und deren Gattinnen. Irgendjemand wird ihn schon eines Tages erhören. Entspannung und Abstand findet er im Äther, den er regelmäßig und routiniert konsumiert.

Als Homer schon erwachsen ist, kommt ein junges Paar in seinem Alter nach St. Cloud’s, Candy und Wally. Sie kommen wegen einer Abtreibung. Sofort verliebt Homer sich in die bildhübsche und sympathische Frau und als die beiden wieder aufbrechen, fährt er mit ihnen, die Küste hinunter in den idyllischen Ort, in dem Candys Vater Hummer fischt und Wallys Eltern eine Apfelplantage haben. Eigentlich sollte es nur für ein paar Tage sein, aber bald muss die Belegschaft von St. Cloud’s erschrocken feststellen, dass Homer so schnell nicht wiederkommen wird. Zu sehr genießt er das Leben außerhalb der tristen Kleinstadt, sieht zum ersten Mal das Meer, lernt schwimmen und begreift, wofür Autokinos wirklich gut sind.

Wilbur Larch aber arbeitet die ganze Zeit auf seine Rückkehr hin. Er erfindet eine Herzerkrankung, die Homer angeblich seit Geburt haben soll und die verhindert, dass er in den Krieg ziehen muss. Er erfindet eine Biographie für Fuzzy Stone, ein Waise, der früh an einer Atemwegserkrankung gestorben ist. Wenn es so weit ist, so Larchs weitreichender Plan, soll Homer als Dr. Stone nach St. Cloud’s zurückkehren und seine Stelle übernehmen. An niemanden als Homer will er sein Lebenswerk weitergeben.

Die Geschichte spielt im wesentlichen in zwei sehr kleinen, sehr engen Gemeinschaften. Die erste ist St. Cloud’s, die zweite die Apfelplantage Ocean View mit dem nahen Städtchen Heart’s Rock. So unterschiedlich die beiden sein mögen, ähneln sie sich doch in ihren grundlegenden Strukturen. Die Gemeinschaften genügen sich im Großen und Ganzen selbst. Andere Menschen werden nicht ausgeschlossen und in aller Regel sogar mit offenen Armen willkommen geheißen, aber man braucht sie nicht. Der englische Titel The Cider House Rules verweist auf einen Regelkatalog, den Wallys Mutter jeden Sommer zur Erntezeit in die Unterkunft der Wanderarbeiter hängt und die niemand befolgt. Die Arbeiter haben ihre eigenen Regeln, sie brauchen keine zusätzlichen von ihren Arbeitgebern und lesen können sie die Regeln sowieso nicht. Auch im Waisenhaus hat man sich eigene Regeln gemacht. In seiner Geschichte von St. Cloud’s beginnt Wilbur Larch die Sätze oft mit „im Rest der Welt“. Was im „Rest der Welt“ passiert, ist den Leuten „hier in St. Cloud’s“ oft ziemlich egal. Die Uhren ticken anders, die Leute auch, Gesetze müssen nicht richtig sein, nur weil es sie gibt.

In und zwischen diesen beiden Welten lebt Homer Wells, der nur langsam tastend und vorsichtig seinen Weg findet. Sein Ziel ist es immer, wie Larch es ihm eingetrichtert hat, sich „nützlich zu machen“. Solange er helfen kann, eine Aufgabe hat, sei es auf der Apfelplantage oder auch im Waisenhaus, fühlt er sich willkommen und am richtigen Ort. Seine Welt ist klein und er verlässt sie nie, aber es ist alles, was er braucht. Die Welt des Romans hingegen ist groß und verzweigt. Irving erzählt von Melony, einer weiteren Waise, die mit Homer aufgewachsen ist, und einen weit steinigeren Weg gehen muss und von Wallys Zeit als Soldat in Asien. Durch diese Vielfältigkeit wird der Roman niemals langweilig, auch wenn in den Hauptsträngen gerade nicht besonders viel passiert.

Auch wenn der Roman hauptsächlich Homer Wells folgt, war mein Held Wilbur Larch. Man vergisst das, weil er am Ende sehr alt und ziemlich verschroben wird. Aber bis dahin ist er geradezu umwerfend progressiv. Das liegt natürlich auch daran, dass sein Erfinder Mr. Irving für die 1930er sehr progressive Ansichten vertritt. Aber an ihm und seiner Einstellung wird auch deutlich, was sich in puncto Abtreibung in den letzten siebzig Jahren verändert hat. Nicht genug nämlich.

Ich habe Gottes Werk und Teufels Beitrag als Hörbuch gehört, was lange dauert, aber zumindest in dieser Lesung empfehlenswert ist. Ein bisschen fertig hat es mich allerdings gemacht, dass der Sprecher mehrfach in-trau-terial sagt. Uterus. Es geht um den Uterus. Intra-uterial. Merkt das denn keiner?! Spätestens wenn man im nächsten Satz „Uterus“ liest, muss man doch merken, dass man da gerade eine Morphemgrenze überfahren hat. Außerdem sagt er Jane Eier wenn er Jane Eyre meint. Das machen viele und man ist deshalb kein schlechter Mensch, ich muss es aber zwischen zusammengebissenen Zähnen korrigieren weil ich ein mieser Klugscheißer sein kann und deswegen konnte ich das Buch nicht mehr im Zug hören. dʒeɪn ɛə. Die Frau heißt dʒeɪn ɛə. Sie ist eine Waise und hat nicht viel im Leben, lasst ihr ihren Namen.


John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Übersetzt von Thomas Linquist. Gelesen von Johannes Steck. Random House Audio 2015. ca. 28,5 Stunden, ca. € 25,-. Deutsche Erstausgabe: diogenes 1988. Originalausgabe: The Cider House Rules. William Morrow 1985.

Das Zitat stammt aus Teil 3, Kapitel 5 der audible-Fassung.

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16 Gedanken zu “John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

  1. thursdaynext 29. November 2016 / 16:55

    Der langjährige Lieblingsautor ist hier schön gwürdigt und danke für den Blick in das Innenleben eines anderen Klugscheißers, immer wieder witzig u. interessant worüber sich die anderen echauffieren können. Der (hilfreiche) youtube link made my day

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  2. thursdaynext 29. November 2016 / 16:58

    Auf spon gab es Auszüge aus dem PISA Test für 9. Klässler und in einer Aufgabe waren, mehrmals! Meteoriden zu finden. DAS Grauen!

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    • Marion 29. November 2016 / 20:17

      Schön, dass hier noch mehr bekennende Klugscheißer zu finden sind! Man hat ja leider so Sachen, über die man ganz schlecht hinwegsehen kann… Im normalen Leben mache ich das übrigens nicht. Da darf man Jane Eier sagen. Aber nicht, wenn man ein Hörbuch macht.

      Meteroiden, Meteoriten und Meteore werde ich an keinem Tag meines Lebens auseinander halten können, das habe ich vor Jahren schon aufgegeben.

      Gefällt 3 Personen

      • thursdaynext 30. November 2016 / 18:02

        Du musst sie nur korrekt schreiben könne. Dann ist alles gut 😉 Irgendwelche Marotten dieser Art vermute ich jetzt einfach mal bei jedem Menschen. Löblich finde ich es, wenn man sich ihrer bewusst ist und noch schöner, wenn man sich dann noch über sich selbst lustig machen kann. Du siehst: Alles ist gut :))

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      • literaturreich 30. November 2016 / 23:14

        Schließe mich den Klugscheißern an. Es gab schon Hörbücher, die ich wegen permanenter falscher Aussprache und Betonung oder nerviger Sprachmodulation abgebrochen habe 🙂 Ich denke auch, dass Einlesungen professionell sein sollte, besonders wenn man viele Stunden damit verbringen soll.

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        • Marion 30. November 2016 / 23:21

          Von Hörbüchern höre ich mir wenn irgendwie möglich immer eine Hörprobe an. Mit manchen Stimmen kann ich einfach nicht, auch wenn da objektiv alles richtig gemacht wird.

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  3. Bri 2. Dezember 2016 / 11:00

    Von wegen Klugscheißer! Manche Menschen haben eine Meinung, andere Ahnung – du gehörst eindeutig zu zweiteren … LG

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  4. Ziggy IZX 9. Januar 2017 / 0:30

    Höre dir mal was von Thomas Mann an. Er war der perfekte Sprecher. Leider gibt es nicht so viele Aufnahmen.
    Am besten du liest die Cedernhausregeln jemanden in ganzer Länge vor, was ich mit großem Erfolg gemacht habe.

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