Richard Yates: Revolutionary Road

revolutionaryroad„What the hell kind of a life was this? What in God’s name was the point or the meaning or the purpose of a life like this?“

Die Revolutionary Road ist eine Straße, die nicht hält, was der Name im ersten Moment zu versprechen scheint. Das Leben in dem New Yorker Vorort durch den diese Straße läuft, ist so gar nicht revolutionär. Das mag an der Zeit, den 50ern, liegen oder an den Menschen die dort wohnen, vor allem solide situierte Kleinfamilien, die mit Revolutionen wenig am Hut haben.

In diesem Vorort wohnen seit einigen Jahren auch April und Frank Wheeler mit ihren beiden Kindern. Davor führten sie ein freigeistiges und ungebundendes Leben, oder zumindest glaubten sie das, in New York. Doch als April schwanger wurde, gaben die beiden diesen Lebensstil auf und zogen in einen Vorort. Frank beendete sein Leben als Bonvivant und nahm einen Job an in der Firma, in der auch sein Vater schon sein Geld verdient hatte. Langweilig und eintönig aber sicher, von irgendwas müssen die Rechnungen ja bezahlt werden. April, die einmal davon geträumt hatte, Schauspielerin zu werden, ist nun Hausfrau und Mutter.

Ein Theaterprojekt für Laien verspricht, ein bisschen kulturelles Leben in das eintönige Dasein zu bringen. Doch die Premiere gerät zur Katastrophe und der sich daran entzündende Streit zwischen April und Frank stellt auf einmal die ganze Ehe in Frage. Beide realisieren, dass sie absolut nicht das Leben führen, das sie sich einmal erträumt hatten. Selbst ihre engsten Freunde, die Campbells, erscheinen ihnen auf einmal stumpf und nervtötend. Immer wieder kauen sie die gleichen Themen durch, die beiden Ehepaare, die glauben, dass sie eigentlich zu intellektuell und zu besonders sind für die Revolutionary Road. Die ganze amerikanische Gesellschaft ist ihnen zuwider, vor allem aber das Spießbürgertum der Vororte. Doch so langsam müssen die Wheelers sich eingestehen, dass sie selbst ein Teil davon geworden sind, dass ihre Gründe dafür nicht besser oder geistreicher sind als die ihrer Nachbarn. Nicht so weit auf dem Land, man hat ja einen Job in der Stadt, nicht in der Stadt, dort ist es nicht sicher genug für die Kinder. Der Vorort ist ein ewiger Kompromiss.

Frank versucht, aus diesem Kompromiss auszubrechen, indem er eine Affäre mit einer Sekretärin beginnt. Für ihn ist es völlig unverbindlich und eine willkommene Gelegenheit, seine Männlichkeit mal wieder unter Beweis zu stellen. Die ist ihm nämlich seit der Hochzeit irgendwie abhanden gekommen. April hat derweil ganz andere Pläne – sie will endlich oft besprochene Ideen in die Tat umsetzen und die ganze Familie nach Europa übersiedeln, wo sie arbeiten will und Frank endlich wieder Zeit für sich haben soll, weit weg vom öden Bürojob. Er soll lesen und schreiben und vielleicht etwas künstlerisches machen. Für seine neu entdeckte Männlichkeit ist eine erwerbstätige Frau natürlich nichts und überhaupt erscheint ihm der Traum von Europa weit weniger verlockend seit er plötzlich so greifbar ist.

Yates nimmt in seinem ersten Roman, der schon 1961 erschienen ist, den Traum vom Vorstadt-Leben auseinander. Die meisten Menschen, die in der Revolutionary Road und ihrer Nachbarschaft leben, haben sich nicht für dieses Leben entschieden, weil es ihr Traum war. Es ist eben das, was man macht, nachdem man die Jugend- und Studentenjahre in einer aufregenden Stadt verbracht hat. Hochzeit, Kinder, solide Stellung. Der Hohn über die eigene Lebenssituation hält einen vielleicht zumindest mental noch ein paar Jahre auf kritischer Distanz, aber dann ist man irgendwann einfach ein Teil davon. Ein Teil der hübschen Wohngegend mit sauberen Vorgärten und freundlichen Nachbarn, die gelegentlich auf ein paar Drinks vorbeikommen. Nett eben. Einige in diesem Roman schaffen es, diese Situation anzunehmen und sich soweit damit zu arrangieren, dass keine andere Option mehr wirklich attraktiver erscheint. Andere schaffen es nicht und verzweifeln an der Diskrepanz zwischen dem Leben, das sie mal haben wollten und der Langeweile, in der sie jetzt gefangen sind.

Erst nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich von der Verfilmung erfahren. Frank und April Wheeler sahen in meinem Kopf so anders aus, dass DiCaprio und Winslet mir als groteske Fehlbesetzung erscheinen (außerdem sind sie für mich für immer Jack und Rose), aber der Trailer fasst sehr gut den Grundton dieser Geschichte zusammen

Der Roman ist nicht immer leicht zu ertragen, weil er so sehr an die Substanz der Menschen geht, von denen er handelt. Aber es ist ein brillant geschriebenes Buch, ein unbarmheziges Porträt der Suburbia-Realität in den 50ern und wirft heute, mehr als 50 Jahre nach Erscheinen die Frage auf, was sich an dieser Situation eigentlich groß geändert haben soll und wie viele Wheelers und Campbells es noch immer gibt.


Richard Yates: Revolutionary Road. Vintage 2007. 338 Seiten, ca € 11,-. Erstausgabe Little, Brown 1961. Deutsche Neuübersetzung Zeiten des Aufruhrs. u.a. btb 2011. 368 Seiten, € 10,99.

Das Zitat stammt von S. 57 der Vintage-Ausgabe.

Die Tatsache, dass ich überhaupt Yates gelesen habe, habe ich übrigens Mareike von Herzpotenzial zu verdanken, die ein völlig anderes Buch von ihm besprochen hat, nämlich Cold Spring Harbor, damit aber ein generelles Interesse an dem Autor geweckt hat. Vielen Dank, hat sich gelohnt!

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13 Gedanken zu “Richard Yates: Revolutionary Road

  1. dj7o9 13. September 2016 / 14:16

    Mir hat der Roman sehr gefallen und ich fand auch die Verfilmung ganz gelungen. Muss unbedingt mal wieder Yates lesen – schöne Rezension 🙂

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  2. nettebuecherkiste 13. September 2016 / 14:40

    Ich fand das Buch großartig und muss mir unbedingt mal den Film ansehen. Als Nicht-Titanic-aber-Kate-Winslet-Fan habe ich auch keine Probleme mit der Besetzung 😉

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    • Marion 13. September 2016 / 14:59

      Ich fand den Film total furchtbar. Aber ich war 12 und meine beste Freundin völlig fanatisch. Ich glaube, sie war 10+ mal im Kino. Chancenlos. Mittlerweile mag ich DiCaprio auch ziemlich gerne. Natürlich nicht alles, aber ich finde, der hat sich seit Jack sehr gemacht. Kate Winslet sowieso.

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  3. letteratura 13. September 2016 / 17:45

    Ich kenne nur den Film, den Roman nicht, ich erwarte bei Yates immer, dass es alles ganz deprimierend ist 😉 ich mochte den Film gern, ich bin auch ein großer Kate-Winslet-Fan. Und DiCaprio kann schon auch was ;)))

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    • Marion 13. September 2016 / 18:02

      Furchtbar, furchtbar deprimierend. Ich hab es am Strand gelesen, es war irgendwie unpassend. Wobei der Norddeicher Strand im ganzen nicht so erhebend ist, aber man nimmt halt, was da ist.

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  4. letteratura 13. September 2016 / 20:58

    Ich finde, gegen die Nordsee kann man nicht viel sagen. 🙂 Aber bisher habe ich tatsächlich aus genau diesem Grund noch nichts von ihm gelesen. Ich fürchte, er zieht mich zu sehr runter.

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  5. Leseseiten 14. September 2016 / 9:09

    Das wirkt deprimierend, weil es in seinen Büchern keine „Gewinner“ gibt. Yates richtet den Blick immer auf die kleinen und großen Probleme der Menschen und legt ihre persönlichen Schwächen offen dar. Trotzdem entdeckt man in seinen Schilderungen Mitgefühl und Verständnis für ihre Lage. Das macht für mich – neben der sprachlichen Eleganz – seine Romane so lesenswert. Sehr schöne Besprechung!

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    • Marion 14. September 2016 / 10:34

      Es ist ja auch so sehr nachvollziehbar, was die Charaktere erleben. Weil es eben so „normale“ Konflikte und Probleme sind, die aber sehr packend geschildert werden.

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  6. Timo Luks 25. September 2016 / 10:32

    „Revolutionary Road“ ist ein tolles Buch. Ich hab das vor noch nicht allzu langer Zeit kurz vor oder kurz nach „Die Licher von Bullet Park“ von John Cheever gelesen – beide Bücher zusammen halte ich für das perfekte literarische Paket zur US-amerikanischen Vorstadtwelt der 1960er. Wem Revolutionary Road thematisch und literarisch gefällt, sollte vielleicht auch mal in das Buch John Cheever reinschauen – und umgekehrt … An die RevolutionaryRoad-Verfilmung hab ich mich bisher noch nicht herangetraut 😉

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    • Marion 25. September 2016 / 10:38

      Bullet Park kannte ich noch nicht, klingt aber toll! Ich danke für den Hinweis, kommt auf die Leseliste.

      Gefällt 1 Person

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