Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

„In dieser Autobiographie ist es meine Absicht, abzuschweifen, wann immer mir danach zumute ist, und wieder zurückzukehren, wenn ich so weit bin.“

Abschweifen kann Mark Twain tatsächlich wie fast kein Zweiter. Mehr als einmal musste ich beim Lesen seiner Biographie an Abe Simpson denken.

Das Erscheinen seiner Autobiographie hatte Mark Twain, geboren als Samuel Langhorne Clemens in Florida, Missouri streng geregelt. Erst hundert Jahre nach seinem Tod durften die Aufzeichnungen veröffentlicht werden, denn er wollte beim Schreiben kein Blatt vor den Mund nehmen, wollte aber auch sicherstellen, dass bei Erscheinen keiner genannten Person mehr irgendein Schaden zuteil werden könne. „Mir schien, ich könnte so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief sein, wenn ich wüsste, dass das, was ich schreibe, niemand zu Gesicht bekommt, bis ich tot und nichtsahnend und gleichgültig bin“, ist das Zitat, das der Verlag gleich auf den Schuber druckt.

twainSeine Autobiographie ist das erste längere Werk, dass ich von Twain gelesen habe, bisher waren es immer nur einzelne Erzählungen. Und auch seine Biographie besteht im wesentlichen aus einzelnen Versatzstücken, Skizzen, Erzählungen, Reiseberichten und Tagebucheinträgen, die über Jahrzehnte angesammelt wurden. Einiges davon, besonders die ausgedehnten Reisen nach Florenz, Wien und Deutschland, lesen sich sehr kurzweilig und unterhaltsam. Anderes, wie eine langwierige Auseinandersetzung mit seinem Schuldner Mr Hamersley, dem er Geld für das Entwickeln einer Setzmaschine geliehen hatte, ziehen sich mitunter enorm. Auch seinem umständlichen Unterfangen, die Biographie von General Grant zu veröffentlichen, widmet er gute sechzig Seiten seines eigenen Lebensberichts. Zwischen den Diktaten (viele seiner Texte schrieb Twain nicht selbst auf sondern diktierte sie) streut er andere Dokumente ein, vor allem aktuelle Zeitungsberichte, die ihn zum Zeitpunkt des Diktats beschäftigten und die er größtenteils auch kommentiert. Er geht davon aus, dass diese Ereignisse, die schon zu seinen Lebzeiten so interessant waren, für spätere Leser fast noch interessanter sein müssen. Nun – nicht immer. Dadurch, dass die Texte über einen so langen Zeitraum entstanden sind, wiederholen sich einige Ereignisse und Beschreibungen, eine Passage aus seiner frühen Kindheit sogar nahezu wortwörtlich.

Der zu dieser Ausgabe gehörende zweite Band beinhaltet nähere Erläuterungen zu Personen und historischen Ereignissen sowie einige faksimilierte Briefe. Diesen Teil habe ich eigentlich nur einmal flüchtig durchgeblättert und darüber hinaus fast nicht genutzt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese zusätzlichen Materialen für LeserInnen von Interesse sein könnten, die kein ernsthaftes Forschungsinteresse verfolgen oder wirkliche Hardcore-Twain-Fans sind.

Was man Twain bei all der Redundanz, die diese Autobiographie aufweist, aber lassen muss, ist eine überraschend und erfreulich moderne und offene Einstellung zu vielen Fragen seiner Zeit, besonders in Bezug auf die Sklaverei. Twain wuchs in einer Sklavenhalterfamilie auf, was seine Meinung zu dem Thema merklich prägte, aber er erkannte und verurteilte schon früh die Unmenschlichkeit dieses Systems. Twain echauffiert sich, wenn er Ungerechtigkeiten sieht, er engagiert sich aber auch und nutzt seine guten Kontakte, wenn er es für nötig hält. Natürlich konnte er auch schreiben, das wissen alle, die schon einmal einen Text von ihm gelesen haben. Er schildert alle Ereignisse mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern, gelegentlich auch grotesker Übertreibung und Ironie und auf jeder zweiten Seite findet sich ein Satz, den man so in eine Aphorismen-Sammlung kopieren könnte. Diese Biographie kann man nur so lesen, wie sie geschrieben ist – ein paar Seiten vor, ein paar Seiten zurück, mal ein Kapitel auslassen und für später aufheben, zehn Tage Pause machen. Es in einem Rutsch und linear zu lesen, stelle ich mir recht mühsam und frustrierend vor.

Wer wirklich an den reinen, biographischen Fakten Twains interessiert ist, ist mit einer anderen, „normalen“ Biographie wahrscheinlich besser beraten. Von den meisten Erlebnissen Twains, seiner Tätigkeit als Lotse auf dem Mississippi etwa oder seinen Beobachtungen auf Reisen kann man ebenso unterhaltsam in seinen Erzählbänden lesen. Diese Autobiographie dürfte vor allem für echte Fans interessant sein, die sonst schon alles gelesen haben und jetzt noch die allerletzten Geheimnisse des großen Autors erfahren wollen.


Mark Twain: Meine geheime Autobiographie. Übersetzt von Hans-Christian Oeser. Aufbau 2012. Zwei Bände im Schuber, Band 1 736 Seiten, Band 2 (Zusätze und Hintergründe) 397 Seiten, € 59,90. Originalausgabe: Autobiography of Mark Twain. The Complete and Authorative Edition, Vol. 1. UC Press 2010.

Zitat S. 303 der o.g. Ausgabe.

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4 Gedanken zu “Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

  1. Christoph 6. September 2016 / 14:47

    Beim Stichwort Abe Simpson muss ich immer an die Schlagzeile „Old man yells at cloud“ denken. 😉

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    • Marion 6. September 2016 / 14:51

      Old man yells at cloud, 730 Seiten lang. Wir wollen nicht ungerecht sein. Ein gutes Drittel war unterhaltsam.

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  2. thursdaynext 11. September 2016 / 8:30

    Ahhhh, halb gelesen steht sie anklagegend, aber immerhin zierend in der heimischen Bibliothek und deine Rezi trifft zu entfacht dabei leider keine Weiterlesegier, dabei war es damals ein mustmusthave😉

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