Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

Die beiden ältesten Jungen, Jonas und Schemarjah, sollen zur Armee gehen, was besonders Deborah große Sorgen bereitet. Jonas hingegen stört das gar nicht. Ihm ist es ganz recht, dem engen Schtetl zu entkommen und er meldet sich bereitwillig zu den Kosaken. Schemarjah hingegen gelingt mithilfe eines Schleusers die kostspielige Flucht in die USA. Jahre später steht ein Amerikaner vor der Tür, Mac, ein Freund Schemarjahs, der jetzt Sam genannt wird und es in New York zu einigem Wohlstand gebracht hat. Auch ist er verheiratet und hat ein Kind. Seiner Familie schickt er Geld und das Angebot, ihnen bei einer Auswanderung zu helfen. Doch was ist mit Menuchim? Es geht ihm noch immer nicht besser und die anstrengende Reise kommt für ihn nicht in Frage. Als aber Mendel entdeckt, dass seine schöne Tochter Mirjam sich mit Kosaken eingelassen hat, ist die Überfahrt beschlossene Sache.

Und so bricht die Familie Singer auf in Richtung New York. Menuchim bleibt zurück bei einem jungen Ehepaar, das dafür das Haus der Singers bekommt und es bleibt die schwache Hoffnung, dass er eines Tages wird nachkommen können. Doch die Situation in Europa ändert sich schlagartig, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Niemand weiß, wie es um Menuchim bestellt ist, der zur Behandlung nach St. Petersburg geschickt werden sollte und auch von Jonas hört man nichts. Schließlich zieht auch Sam mit Kriegseintritt der USA in den Kampf. Das Leben Mendel Singers scheint verflucht zu sein, er hadert mit Gott, weiß nicht, was er getan hat, um den Zorn des Allmächtigen auf sich zu ziehen. Wie Hiob fühlt er sich, dessen Glaube und Gottestreue grausam geprüft werden. Doch was ist mit den Wundern, die Hiob dafür erfährt? Wo bleiben die Wunder im Leben Mendel Singers?

Joseph Roth hat eine beeindruckende Lebensgeschichte eines Mannes geschrieben, der ohne viel eigenes Zutun von einer Station zur nächsten geworfen wird, ein Unglück nach dem anderen erfährt und schließlich in eine tiefe Glaubenskrise verfällt. Er versteht nicht, warum ihm so viel Schlechtes widerfährt, nachdem er sich nie versündigt hat, immer gebetet hat, immer nach der Heiligen Schrift gelebt hat. Einzig die Liebe zu seiner Frau war nicht so tief, wie es in der Ehe sein sollte. Doch reicht das aus für so viel Unglück? Der erste Teil der Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem russischen Schtetl, der zweite Teil dann bis in die 20er-Jahre in New York. Die beiden Welten stehen in einem so großen Kontrast, dass Mendel Singer es bei seiner Ankunft kaum verkraften kann. Einmal in seinem Viertel angekommen, wird er dort schnell heimisch, weigert sich aber, es jemals zu verlassen. Selbst als Sam eine bessere Unterkunft bezahlen kann, bleibt er in der winzigen, von Ungeziefer befallenen Wohnung.

Roth versteht es sehr gut, die Konflikte Singers darzustellen und sein Leiden deutlich werden zu lassen. Mendels Krise ist eine religiöse, problemlos aber auch auf völlig weltliche Verzweiflung übertragbar. Die Ausweglosigkeit der familiären Situation spitzt sich immer mehr zu und wird, zusammen mit dem Hintergrund des Kriegs und der ständigen Ungewissheit um das Leben der Söhne, zu einer dichten schwarzen Wolke, die drohend über allem schwebt. Ich habe das Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit gehört und bin an einer Stelle mit einer besonders grausamen und unerwarteten Wendung* so unwillkürlich stehengeblieben, dass ich danach so tun musste, als interessiere ich mich brennend für das Berliner-Angebot beim Bäcker (und dabei können die hier nicht mal Berliner. Sie nennen sie nicht Kräppel, was der erste Fehler ist, und dann machen sie auch zu wenig Zucker in den Teig).

Das Hörbuch habe ich eher zufällig heruntergeladen, weil ich ein halbes audible-Guthaben übrig hatte, das irgendwohin musste. Erst ganz am Ende habe ich erfahren, dass die Lesung eine NDR-Produktion von 1979 ist. Ich wäre gnädiger gewesen mit Papierrascheln, Atemgeräuschen und der Trockenheit der Lesung. Manchmal aber hat mich das wahnsinnig gemacht. Wenn man dieses leichte Schmatzen hört, wenn der Sprecher den Mund öffnet, ruiniert mir das ganz schnell jedes Hörbuch. Zudem werden Hörbücher mittlerweile generell völlig anders umgesetzt als in dieser Produktion, es ist eben wirklich eine ganz klassische Lesung ohne allzu große Modulation oder sonstige aufregende Extras.

* Spoiler! Es war die Stelle an der Mac die Nachricht von Sams Tod überbringt und Deborah sich erst alle Haare ausreißt, was ich schon sehr unschön fand, und dann tot zusammenbricht.


Joseph Roth: Hiob. Mittlerweile gemeinfrei, lieferbar u.a. bei dtv. 192 Seiten, € 7,90. Erstausgabe Kiepenheuer 1930. Gehört in der ungekürzten NDR-Fassung 1979. Sprecher: Hans Paetsch. Regie: Klaus Stieringer. Der Audio Verlag 2015. ca. 6,5 Stunden, ca. € 10,-.

Das Zitat stammt aus Kapitel 95 des Hörbuchs. Entspricht Kapitel 8 des 2. Teils.

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