Gisela Notz: Kritik des Familismus

wpid-20151013_171646-1.jpg„Die familistische Ideologie unterstellt, dass alle Menschen Teil einer familialen Ordnung sein wollen.“

Wir leben in einer familistischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Familie, insbesondere die Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilie als zu lebendes Ideal gilt, als Keimzelle gesellschaftlicher Ordnung und Rettungsanker für alle.

Doch Ideal und Realität liegen häufig weit auseinander. Laut dem Mikrozensus 2011 sind 37,2% der deutschen Haushalte Singlehaushalte, was bedeutet, dass 17,1% der Menschen alleine leben (cf 194). Neben den Singles gibt es natürlich auch zusammenlebende (Ehe)Paare, die keine Kinder haben, Menschen, die ohne ihre erwachsenen Kinder leben, alleinerziehende Elternteile und verschiedenste andere Formen des Zusammenlebens wie Wohngemeinschaften.

Doch häufig haftet diesen alternativen Formen des Zusammenlebens etwas Defizitäres an. Das Singleleben wird häufig als Übergangsform angesehen in der man lebt, bevor man Teil einer Kleinfamilie wird oder nachdem man es gewesen ist. Und obwohl alleinerziehende Elternteile häufig sind, scheint ihnen doch immer etwas zum Glück zu fehlen. Auch die Populärkultur und insbesondere die Werbung suggeriert fortwährend, dass das wahre Glück im Schoß der Kleinfamilie liegt. Nicht zuletzt wird die Familie auch durch die Politik als besondere, schützenswerte Institution gefördert, an der es wenig zu rütteln gibt.

Gisela Notz legt in diesem Buch eine Geschichte der Familie bzw. des Familismus vor, angefangen beim Kaisserreich bis zur heutigen Situation. Sie stellt den Wandel in der Politik dar, das Ringen um Familiengesetzgebung in der jungen Bundesrepublik bis heute und zeigt Lebenskonzepte, die Menschen als Alternative zur Kleinfamilie entwickelt haben. Insbesondere geht sie dabei auf die Rolle der Frau ein, in deren Verantwortung im Familienverband häufig Haushaltsarbeit, Kindererziehung und eventuelle pflegerische Aufgaben fallen. Zugleich sind es oft die Frauen, die besonders darunter zu leiden haben, wenn das Projekt Kleinfamilie scheitert und sie als plötzlich unversorgter Teil der Versorgerehe zurückbleiben.  Auf fundierte Arbeit gestützt plädiert sie für ein Umdenken, für eine Anerkennung und Erleichterung von Lebensweisen, die eben nicht dem Ideal der Kleinfamilie entsprechen. Ein hoch interessantes Buch, auch für Familienmenschen.


Gisela Notz: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes. Schmetterling Verlag 2015. 225 Seiten, € 10,-.

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5 Gedanken zu “Gisela Notz: Kritik des Familismus

  1. Stephanie Jaeckel 7. Juni 2016 / 22:29

    Es ist ja tatsächlich so, dass ich auch als glückliche Single immer wieder mit dem Familienmodell zusammenstoße. Entweder, dass ich meine, mich rechtfertigen zu müssen, oder weil ich in mühsamen Momenten denke, doch etwas falsch gemacht zu haben oder vielleicht auch nur falsch verstanden zu haben. Familie ist eine Möglichkeit. Das immer wieder vor Augen zu haben, ist für die Zukunft unserer Gesellschaft sicher förderlich. Also: Danke für den Buch-Tipp!

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    • Marion 7. Juni 2016 / 22:44

      Das freut mich, wenn es was für dich ist. Aus dem Single-Themenkomplex kann ich übrigens „Liebe wird oft überwertet“ von Rösinger empfehlen, was eher persönlich und unterhaltsam ist, aber sehr interessant und „Das Ende der Liebe“ von Hillenkamp, was eine ernsthaftere, fundiertere Herangehensweise hat und manchmal ein bisschen ermüdend, zugleich aber sehr aufschlussreich ist. Es ist übrigens weniger pessimistisch als der Titel vermuten lässt.

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  2. Kaat A. Riina 10. Juni 2016 / 9:18

    Das klingt wirklich sehr interessant. Dieses Buch werde ich mir auf jeden Fall mal näher anschauen.

    Nachdem ich im letzten Jahr viele feministische Texte gelesen habe, bin ich persönlich nicht mehr davon überzeugt, dass die klassische Kleinfamilie für jede/n das Richtige ist.
    Besonders die Mutter im Bunde, gerät da doch oft an ihre Belastungsgrenzen.
    Alternative Lebensformen, wie zum Beispiel Eltern, die zwar zusammen sind aber getrennt leben, sind auf der anderen Seite aber immer noch viel Kritik ausgesetzt. Da muss man schon etwas Mut haben, um auf sein Recht auf individuelle Lebensgestaltung zu pochen. Sich anpassen und eine klassische Kleinfamilie zu gründen ist sicher um einiges leichter – dann aber vielleicht auch wieder nicht 😉

    LG, Katarina 🙂

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    • Marion 10. Juni 2016 / 15:22

      Es ist ja wirklich so, dass viele Menschen in einer Kleinfamilie leben wollen, was sicher auch mit der Sozialisierung zusammenhängt. Viele Menschen wachsen in einer Kleinfamilie oder zumindest mit der Vorstellung, dass die Kleinfamilie der wünschenswerte Fall ist.
      Für mich ist es keine Option und auch für viele andere nicht – ich kenne viele, die sich andere Konzepte ausgesucht haben, die natürlich auch nicht alle was für mich wären. Aber das muss nun jede und jeder für sich entscheiden, mich zwingt ja niemand auf den Wagenplatz.

      Höchst ärgerlich für alle, die nicht in einer Kleinfamilie leben ist natürlich, dass ihre Entscheidungen oft nicht akzeptiert werden und beispielsweise Frauen Egoismus vorgeworfen wird, wenn sie keine Mütter sein wollen. Und oft hört man skeptische bis abfällige Bemerkungen wie „das funktioniert doch nicht!“ wenn Menschen mit einem Lebensstil konfrontiert werden, der nicht dieser Norm entspricht. Das könnte sich total gerne mal ändern.

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