Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Seit Jahren versucwpid-20150930_110210-1.jpghe ich in regelmäßigen Abständen Haruki Murakami zu lesen und scheitere meistens. Mit Von Männern die keine Frauen haben bin ich noch einigermaßen warm geworden, was sicher auch daran liegt, dass es einzelne Erzählungen sind, alle Romane habe ich früher oder später abgebrochen. Die Pilgerjahre habe ich wenigstens zu Ende gelesen.

Der Roman handelt von Tsukuru Tazaki, Eisenbahningenieur in Tokio. Zu Schulzeiten war er Teil eines engen Freundeskreises, bestehend aus zwei weiteren Jungen und zwei Mädchen, deren Namen alle Farben enthielten. Aka, Ao, Shiro und Kuro, rot, blau, weiß, schwarz. Nur Tsukuru fällt aus der Reihe, er ist „farblos“, und so nimmt er sich auch im Erwachsenenalter noch wahr. Ohne besondere Merkmale, fast gänzlich ohne Eigenschaften, ein leeres Gefäß, das nur dazu da ist, von anderen befüllt zu werden. Seine neue Liebe Sara sieht das anders, sie hält ihn für etwas besonderes. Sie glaubt aber auch, dass er erst seine Vergangenheit bewältigen muss, um eine neue Beziehung eingehen zu können. Denn das enge Band aus Schulzeiten wurde plötzlich zerstört – die Freunde ließen sich verleugnen, wenn Tsukuru anrief und teilten ihm schließlich mit, er möge sich bitte nicht mehr melden, man habe, nach dem was vorgefallen sei, kein Interesse mehr an weiterem Kontakt. Zwar weiß Tsukuru nicht, was vorgefallen sein soll, akzeptiert den Entschluss aber und zieht sich verzweifelt zurück.

Viele Jahre später versucht er nun, gedrängt von Sara, den Kontakt wieder aufzunehmen und herauszufinden, was der Grund für das jähe Ende der Freundschaft war.

Die Geschichte fängt vielversprechend an. Da man auch als Leser nicht weiß, was der Grund für den Kontaktabbruch war, wächst die Spannung zusehends. Die Auflösung fand ich dann allerdings, nachdem der Spannungsbogen so gespannt wurde, eher unspektakulär. Tsukuru hat das ganze Buch über sehr reale Träume, die eine Auswirkung auf die Realität zu haben scheinen. Zeitweise ist er selbst sich nicht sicher, ob er in seinem Unterbewusstsein Dinge tut, an die er sich in wachem Zustand nicht erinnern kann. Doch aus diesem magischen Realismus, den es bei Murakami ja irgendwie immer geben muss, wird erstaunlich wenig gemacht. Dafür geht es viel ums Essen. Leichtes Frühstück, zu süßes Croissant, Zitronensoufflé zum Dessert, wie kann Sara so dünn bleiben, wenn sie immer den Nachtisch komplett isst? Möglicherweise gibt es eine Symbolik dahinter, die ich nicht verstanden habe, ich empfand es als eine Auflistung irrelevanter Details, die nichts beitragen (und dabei ist Essen ein ganz zentrales Interesse von mir!).

Seinen Titel hat das Buch mit einem Klavierstück gemeinsam, das im Roman eine zentrale Rolle spielt, „Années de pèlerinage“ (Pilgerjahre) von Franz Liszt. Dieses Stück bringt natürlich auch nochmal eine ganze Menge Symbolik mit, es hilft, es sich wenigstens einmal anzuhören. Dass ich die Symbolik trotzdem nicht völlig verstanden habe, liegt an meinem miserablen Musik-Verständnis und ist keinesfalls Herr Murakami anzulasten.

Trotz aller Kritikpunkte ist das Buch sehr gut lesbar und unterhaltsam, wenn auch am Ende durch die losen Enden der Erzählstränge unbefriedigend. Aber auch damit muss man als Leser mal leben, wenn der Autor einem nicht alles ordentlich auflöst. Wie gesagt eines der wenigen Bücher von Murakami, die ich zu Ende gelesen habe, aber definitiv kein must-read, außer natürlich für Murakami-Fans.


Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. btb 2015. Übersetzt von Ursula Gräfe. 317 Seiten, € 10,99. Deutsche Erstausgabe: Dumont 2014. Originalausgabe: Shikisaki wo motanai Tazaki Tsukuru to kare no junrei no toshi. Bungeishunju 2013.

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5 Gedanken zu “Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

  1. dj7o9 16. Februar 2016 / 12:29

    Mein fies-hinterhältiger Monster-Kater in Kombi mit viel zu wenig Schlaf führen dazu, dass ich viel zu schwach bin meinen Herrn Murakami ordentlich zu verteidigen, der einzigartige wunderbare und ich liebe ALLE seine Bücher. So jetzt leg ich mich wieder hin. Nich mal koppschütteln funktioniert richtig .. 😉

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    • March Hare 16. Februar 2016 / 12:41

      🙂 Zu viel Bombay Sapphire? Da hab ich ja Glück gehabt!

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  2. frlzimt 16. Februar 2016 / 14:32

    Tsukuru war vor ein paar Monaten mein erster Murakami, und ich hab mich unwillkürlich gefragt, ob die losen Erzählstränge entweder eine Eigenart von Murakami sind oder ob dieses Bedürfnis danach, immer alles aufgelöst zu bekommen, sogar etwas kulturelles ist, das in der japanischen Kultur in dem Maß wie bei uns einfach nicht vorhanden ist. Leider hab ich bisher zu wenig japanische Literatur gelesen, um da viel zu sagen zu können, aber zumindest bei Yasunari Kawabata ist mir auch schon aufgefallen, dass ich immer wieder dachte „und was ist jetzt mit dem angefangenen Strang da?“

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    • March Hare 16. Februar 2016 / 19:47

      An Murakami scheitere ich seit mehr als zehn Jahren so konsequent (Mr Aufziehvogel, gefährliche Geliebte, Kafka am Strand), dass ich mich langsam auch frage, ob das ein Autor-Problem ist oder ein kulturelles. Ich erinnere mich nicht, jemals einen anderen japanischen Roman gelesen zu haben, deswegen kann ich das nicht vergleichen. Möglicherweise hängt es wirklich an unterschiedlichen Erzähltraditionen? Ich möchte nicht ausschließen, dass ich da eine furchtbare Kulturbanausin bin.

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  3. Stephanie Jaeckel 17. Februar 2016 / 11:07

    Weil Du vom Zitronensoufflée schreibst und dem jäh abfallenden Spannungsbogen: Das ist mir auch so gegangen: den Anfang fand ich so vielversprechend und in vieler Hinsicht geheimnisvoll. Aber die Auflösung war dagegen geradezu enttäuschend. Es ging mir auch so in Murakamis ganz großem Werk, dieser Trilogie (habe gerade den Titel vergessen) so. Da waren so viele tolle Ideen. Und am Ende sank alles im Happy End zusammen wie ein zu früh zu kalt gewordenes Soufflée.

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