Abbas Khider: Ohrfeige

ohrfeige„Wir standen mittendrin und doch waren wir meilenweit von all dem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir wärmten uns an ihren Leben.“

Der aus dem Irak stammende Flüchtling Karim sucht ein letztes Mal die Ausländerbehörde im bayerischen Niederhofen auf um ein letztes Gespräch mit der für ihn zuständigen Sachbearbeiterin Frau Schulz zu führen. Oder besser gesagt, um ihr endlich mal zu sagen, wie es wirklich um ihn steht. Es ist seine letzte Chance, ihr das mitzuteilen, denn noch am gleichen Tag will er nach Finnland verschwinden, nachdem er in Deutschland keine Chance mehr auf ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht hat. Damit sie ihm sicher zuhört, fesselt und knebelt er sie und beginnt dann mit seiner Sicht der ganzen Geschichte.

Direkt nach seinem Schulabschluss ist er aus dem Irak geflohen. Da seine Familie Kontakte nach Frankreich hat, bezahlt er einem Schlepper viel Geld, damit er ihn nach Paris bringt. Doch kurz vorm eigentlichen Ziel ist für ihn Schluss – mitten in Bayern setzt der Schlepper ihn aus und dort muss er bleiben. Es beginnt eine Odyssee von einem Wohnheim ins nächste, von Amt zu Amt. Über Monate weiß er nicht, was mit ihm passieren wird, wie lange er an einem Ort leben kann und was aus seinem Bleiberecht wird, ist die reinste Spekulation. Wie ein Gott kommt Frau Schulz ihm vor, die ohne für ihn verständliche Grundlage darüber entscheidet, wie sein Leben weitergehen soll.

Karim erzählt seine Geschichte in einem Rutsch, in einer einzigen Beichte, wie er es nennt. Dadurch bekommt man als Leser eine ziemliche Distanz zu seinen Erlebnissen, weil man eben nicht unmittelbar dabei ist und ja auch der Protagonist selbst schon nicht mehr direkt in den Geschehnissen steckt sondern schon wieder auf dem Sprung ist, um all das hinter sich zu lassen. Dadurch verliert die Erzählung erstmal an Identifikationspotenzial und wirkt manchmal sogar etwas träge. Was aber dadurch viel mehr zum Tragen kommt, ist die Tatsache, dass diese Geschichte eben kein Einzelschicksal ist, das nur Karim in Niederhofen widerfährt, sondern vielen tausend Menschen, überall in Deutschland. Die Ohnmacht der Menschen, über die da entschieden wird, ist bedrückend.

Selbst 1996 aus dem Irak geflohen vermittelt Khider einen Blick auf die Flüchtlingsthematik fernab von Betroffenheitsprosa und ohne sensationslüsternes Drama. Was Karim erlebt hat, kann Khider erlebt haben und erleben derzeit und immer viele andere. Ein überraschend nüchterner und trotzdem nahegehender Roman in der tristen Realität der Flüchtlingsunterkünfte.


Abbas Khider: Ohrfeige. Hanser 2016. 219 Seiten, € 19,90.

Das Zitat stammt von S. 66 der o.g. Ausgabe.

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3 Gedanken zu “Abbas Khider: Ohrfeige

  1. Christina 10. Februar 2016 / 0:47

    Schöne Rezension. Ich freue mich total auf dieses Buch und habe hoffentlich bald Zeit dafür 🙂

    Viele Grüße, Christina

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  2. Susanne Haun 12. Februar 2016 / 7:58

    Ich las schon im Berliner Tagesspiegel von der Ohrfeige. Am Mittwoch, den 24.2. stellt er in Berlin sein Buch in der Akademie der Künste vor. Ich werde schauen, ob ich es schaffe, die Buchvorstellung zu besuchen.

    Gefällt mir

    • March Hare 12. Februar 2016 / 10:45

      Oh, das klingt gut. Zu mir in Gegend kommt er leider erstmal nicht. Aber wenn du hingehst, würde mich interessieren, wie es dir gefallen hat!

      Gefällt 1 Person

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