Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten

wpid-20150920_105243-1.jpg„Am Ende ist jede Zelle unterwandert“

Rose Zimmer, geborene Angrush, ist stolze Herrscherin über die Sunnyside Gardens, ein kleines Viertel in New York, ein linkes Vorzeigeprojekt mit gemeinsam genutzten Gärten hinter den Häusern und gut organisierter Kinderbetreuung. Zumindest ist es das, als Rose und ihr Mann Albert ihre Wohnung 1939 beziehen. Nur wenige Jahre später wird der deutschstämmige Albert als Spion in die DDR beordert und Rose bleibt mit Tochter Miriam zurück. Mit zahlreichen Liebschaften tröstet sie sich über den Verlust hinweg und erzieht Miriam im Geiste ihrer kommunistischen Überzeugung. Politisch aktiv wird auch Miriam als Erwachsene, wendet sich allerdings eher der Hippie-  und New-Age-Bewegung zu.

Und so folgt man der Geschichte der Familie Angrush/Zimmer/Gogan über drei Generationen, von der engagierten, rekrutierenden, diskutierenden, starrköpfigen Rose über die protestierende, in Kommunen lebende, provozierende Miriam bis zu deren Sohn Sergius, der ein wenig verloren ist in dieser Welt, an der er gerne einiges ändern würde, wenn er denn wüsste, wie. Am Ende umfasst diese Familiensaga achtzig Jahre in denen viel passiert, in der Familie und außerhalb.

Man folgt dabei nicht nur den Biographien und Kämpfen der Familienmitglieder sondern auch der Entwicklung der linken Bewegungen Amerikas. Rose kämpft nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für die Rechte von Schwarzen und Homosexuellen, eine Offenheit, die ihr eine Affäre und den Rausschmiss aus der kommunistischen Partei einbringt – „fick keine schwarzen Cops mehr“ ist der drastische Einstieg in den Roman. Tochter Miriam, ausgestattet mit allem Wissen über Geschichte und politische Theorie, das Rose ihr mitgeben konnte, findet ihre Bestimmung in den Studentenprotesten und der Frauenrechtsbewegung der 1970er. Sergius, Sohn aus der Ehe mit Protestsänger Tommy Gogan, strandet hingegen ein wenig zwischen Occupy, Tea Party und 99%.

Es erleichtert das Lesen ungemein, wenn man von all diesen Thematiken zumindest eine grobe Idee hat. Es hilft auch, wenn man sich ein Personendiagramm malt, diesen hilfreichen Hinweis hat mir eine Kollegin gegeben, die das Buch vor mir gelesen hat. Es kommen viele Personen vor, manche nur für kurze Zeit, manche 50 Seiten lang nicht. Das liegt auch an der Konstruktion des Romans – die Handlung springt zwischen allen Zeitebenen und allen Orten, von den 40ern in die 70er in die 00er-Jahre und wieder zurück, von der DDR nach New England, nach Manhattan. Es gibt Rückblenden und Vorausdeutungen, Briefe, Erzählungen und Protokolle und in alldem kann man leicht verloren gehen.

Aber es lohnt sich, einen Weg durch das Dickicht zu finden. Der Roman ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, wird trotz aller politischen Theorie nicht trocken und hat vor allem fantastische Charaktere, die keine Schablonen sind und glaubhafte Konflikte mit sich selbst, der übrigen Menschheit und nicht zuletzt ihren Idealen austragen. Trotz aller Komplexität der Thematik und Handlung ist der Roman extrem gut lesbar und zieht einen mühelos von Seite zu Seite und das auch noch mit ziemlich viel Humor.


Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Fischer 2015. 476 Seiten, € 11,99. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Deutsche Erstausgabe Tropen 2014. Originalausgabe: Dissident Garden. Doubleday 2013.

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