Donna Tartt: Die geheime Geschichte

wpid-20150905_092043.jpgDie geheime Geschichte wird oft als Krimi bezeichnet, aber wer das Buch mit dieser Erwartungshaltung liest, wird unweigerlich enttäuscht sein, obwohl es Tote gibt. Gleich im Prolog wird der ganze Spaß nämlich schon verraten. Das Opfer ist Bunny, ein Student des Hampden College, getötet wird er von seinen Kommilitonen in einem Waldstück. Und der Rest des Romans befasst sich größtenteils nicht einmal mit den Ermittlungen.

Was den Roman ausmacht, ist vor allem die Atmosphäre. Die Geschichte spielt an einem kleinen College in New England, an dem es einen Griechischkurs gibt, dessen Teilnehmer vom Lehrer handverlesen werden. Richard Papen, der Neuankömmling und Erzähler der geheimen Geschichte, hat großes Glück, überhaupt angenommen zu werden. Außer ihm sind nur noch fünf andere Studierende im Kurs (und damit ist er eigentlich schon voll): die Zwillinge Charles und Camilla, der reiche Überflieger Henry, der ewig melancholisch wirkende Francis und der vorlaute Edmund, genannt Bunny, der nicht mehr lange leben wird. Die Freunde verbringen nicht nur die Unterrichtszeit miteinander sondern oft auch ihre Freizeit, in den Restaurants der Stadt oder in Francis nahegelegenem Landhaus. So entstehen schnell enge Freundschaften aber auch Abhängigkeiten, Eifersucht und Missgunst. Wer alles miteinander teilt, muss sich jederzeit auf jeden verlassen können, andernfalls müssen eben Konsequenzen gezogen werden.

Das ganze ist eher ein Kammerspiel als ein Krimi, eher ein Psychogramm als ein Thriller. Das macht es nicht weniger spannend. Die beklemmende Atmosphäre verdichtet sich mit jeder Seite und manchmal sind die grausamen Schachzüge, die kleinen Sticheleien, das kalkulierte Vernichten kaum zu ertragen. Jeder hat jeden in der Hand, ein falsches Wort kann das Ende bedeuten. Als Leser ist man froh, wenn am Ende des ersten Teils der erzählerisch vorweggenommene Mord tatsächlich geschieht, mit Bunny alle Probleme aus der Welt zu sein scheinen, die Spannungen sich auflösen und alle noch einmal von vorne beginnen können. Können sie natürlich nicht, das sei vorweg genommen.

Das Buch braucht ein paar Seiten, bis es wirklich in Gang kommt. Der Aufbau der Atmosphäre geschieht mit sehr vielen Vorausdeutungen, Andeutungen und Halbwissen des Erzählers, der als „Neuer“ die Strukturen der Gruppe noch nicht durchschaut und oft nicht weiß, wovon überhaupt die Rede ist. Das macht es natürlich auch spannend, man folgt dem Erzähler Schritt für Schritt bei der Entdeckung der geheimen Geschichte, aber meine Frustrationsgrenze war hin und wieder doch fast erreicht.

Die Übersetzung des Buchs ist von 1993, darüber stolpert man gelegentlich. Donuts muss man heute nicht mehr als Kringel übersetzen, auch die deutsche Leserschaft weiß mittlerweile, was damit gemeint ist und auch sonst holpert es gelegentlich ein wenig, zumindest in der Ausgabe von 2003 noch.

Die Geschichte ist klug konstruiert, spannend aufgebaut und zieht einem mit jeder Seite mehr in den Bann. Allerdings muss man damit leben können, dass die Geschichte sich nur langsam, zu Beginn sehr langsam entwickelt, aber gerade das macht den Charme des Romans eben aus. Es ist das perfekte Buch für dunkle Tage und hochspannend – aber eben kein Krimi.


Donna Tartt: Die geheime Geschichte. Gelesen in der Ausgabe Goldmann 2003. Aktuelle Ausgabe Goldmann 2013. Übersetzt von Rainer Schmidt. 608 Seiten, €8,99. Originalausgabe: The Secret History. Alfred A. Knopf 1992.

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