Meg Wolitzer: Die Stellung

wolitzerstellungDie Mellows sind eine Bilderbuchfamilie, inklusive Eigentumshaus, Volvo-Kombi und eigenem Familienlied, „oh, wir sind die Mellows, ein paar Girls und ein paar Fellows“. Die Eltern Roz und Paul lieben sich noch immer, finden sich noch immer attraktiv. So attraktiv, dass sie in den prüden 70er-Jahren einen Sex-Ratgeber veröffentlichen, Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung, für den sie sogar eine eigene Stellung erfunden haben, die „elektrisierende Versöhnung“. Und als wäre das alles nicht schon peinlich genug, ist das Buch voll mit Illustrationen des Paares in allen erdenklichen Stellungen.

Für Sohn Michael, der das Buch eines Tages vom Regal holt, wo es unauffällig neben einem Hunde-Bildband steht, ist das der Gipfel der Peinlichkeit. Eine Peinlichkeit, die er mit seinen Geschwistern Holly, Dashiell und Claudia teilen muss. Zu allem Überfluss schlägt das Buch ein wie ein Blitz, das Ehepaar Mellow tingelt von Talkshow zu Vortrag zu Signierstunde und scheinbar hat jeder, wirklich jeder in der ganzen Nation Paul und Roz beim Sex gesehen.

Weder das Ehepaar Mellow noch die Kinder können Pleasuring jemals ganz hinter sich lassen, noch Jahre später werden die Kinder gefragt, ob sie aus der Mellow-Familie kommen. Die Geschichte folgt den Eltern, deren Ehe am Ende auch durch die elektrisierende Versöhnung nicht mehr gerettet werden kann und den Geschwistern, die sich alle ganz unterschiedlich entwickeln und ihre eigenen Wege gehen. Ein bisschen liest es sich wie eine sexlastigere Version von Franzens Korrekturen.

Ein durchaus gutes Buch mit schlüssigen Charakteren und fesselnder Story, die zwischen den Charakteren wechselt und so die verschiedenen Perspektiven auf die Familiengeschichte offenlegt. Der erfolgreiche aber depressive Michael, der homosexuelle Republikaner Dashiell, die zurückgezogene und schüchterne Claudia und Holly, die nach jahrelanger Drogensucht gerade noch den Sprung zurück in ein geregeltes Leben geschafft hat. Der Dreh- und Angelpunkt all dieser Biographien scheint die Entdeckung von Pleasuring zu sein, der Tag, der die Familie veränderte.

Ein großes Problem hat die deutsche Version und das ist die zuweilen sehr, sehr holprige Übersetzung. Manche Passagen lesen sich, als hätte man dem englischen Satz eine Möbeldecke übergeworfen und ihn so als deutschen verkleidet.

„Ist dir kalt?“ fragte David […] „Ich bin okay“, sagte sie. „Nicht zu sehr.“

„[…] genau wie die Namen der Leute, die sie während ihrer Drogenjahre gekannt hatte und die ihr nicht länger einfielen.“

Man kann das so übersetzen, man versteht den Text auch so, aber besonders schön ist es eben nicht*, man sieht einfach den englischen Satz darunter. Das ruiniert aber auch nicht den Text. Man stolpert vielleicht kurz beim Lesen, aber dann kann man auch problemlos weitermachen. Auf gar keinen Fall sollte man deswegen auf die Lektüre dieses wirklich sehr guten Buchs verzichten.

*Es sei darauf hingewiesen, dass ich das Buch im Juni schon als Leseexemplar bekommen und gelesen habe. Es gab keinen Hinweis darauf, dass es eine unkorrigierte Fassung ist, allerdings ist es denkbar, dass die Übersetzung in der Zwischenzeit noch überarbeitet worden ist.


Meg Wolitzer: Die Stellung. DuMont 2015. 368 Seiten, € 19,99. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Originalausgabe: The Position. Scribner 2005.

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