Lily King: Euphoria

wpid-20150802_163001.jpg„Wenn ein einzelner Mensch der alleinige Experte für eine bestimmte Kultur ist, verrät seine Analyse dann mehr über die Kultur oder mehr über ihn?“

In den frühen 30er Jahren treffen die Ethnologen Andrew Bankson, Nell Stone und Schuyler Fenwick, genannt Fen, bei einer Weihnachtsfeier in Angoram in Neuguinea aufeinander. Zu diesem Zeitpunkt haben sie alle schon einige Zeit bei „ihren“ Völkern verbracht. Das Ehepaar Stone/Fenwick hat gerade die Arbeit bei den Mumbanyo aufgegeben und will frustriert nach Australien abreisen, Bankson leidet wie ein Hund unter der Einsamkeit bei den Kiona, die ihn nicht teilhaben lassen an ihrem Leben. Trotz mehrfacher Bitten ist auch aus der britischen Heimat keine kollegiale Hilfe zu erwarten und so sind Nell und Fen seine einzige Hoffnung auf Gesellschaft. Er will sie unter allen Umständen in der Gegend halten und bringt sie schließlich bei den Tam unter, nur wenige Stunden mit dem Boot den Sepik hinunter entfernt.

Doch bis er sie wieder sieht, vergehen Wochen. Denn Andrew, Erzähler der Geschichte, hat sich nahezu auf den ersten Blick in die für ihn unerreichbare Nell verliebt und scheut nun ihre Gesellschaft. Dass seine Gefühle erwidert werden, ahnt er da noch nicht, erst nach und nach erkennt er, wie zerrüttet ihre Ehe ist. Nell hat ein Buch über Kindererziehung bei anderen Völkern geschrieben, das ein Skandal und sofortiger Bestseller wurde. Fen erträgt nicht, dass seine Frau gigantischen Erfolg hat, zu Vorträgen und Konferenzen eingeladen wird, während er nur ein unbedeutender Ethnologe bleibt. Mit allen Mitteln will er seinen Willen und seinen Erfolg bei den gemeinsamen Forschungen durchsetzen, was nicht nur ihn in Gefahr bringt.

Allerdings ist diese Dreiecksbeziehung mehr ein Hintergrundrauschen, eine weitere Ebene in diesem Roman, dessen eigentlicher Inhalt die Ethnologie im frühen 20. Jahrhundert ist. Dabei geht es mehr um das Grundsätzliche als um reale Fakten. Die Völker, die in dieser Geschichte erforscht werden, hat es nie gegeben, auch bei Details in Flora und Fauna Neuguineas gibt es Abweichungen von der Realität. Viel mehr geht es um die Frage, was Ethnologie leisten kann und will und mit welchen Mitteln dies gelingen kann. Kann man eine Kultur verstehen, wenn man niemals wirklich Teil davon sein kann? Kann man seinen eigenen Blick auf die Dinge, die Brille, die man sein Leben lang trägt, ablegen und einen unvoreingenommenen Blick auf andere Menschen werfen? Und, für die 30er-Jahre des 20. Jahrhundert keine unwichtigen Fragen: sind manche Völker primitiver als andere? Brutaler? Aggressiver? Klüger?

Spannung bringt die Liebesbeziehung natürlich trotzdem in die Geschichte. Weil sie die handelnden Personen menschlicher macht, aber auch, weil sie eine weitere Ebene der Beobachtung und Erforschung einbringt – diese drei Personen machen den ganzen Tag nichts anderes, als Menschen zu beobachten und ihre Beziehungen untereinander zu analysieren und zu bewerten. Aber wenn sie ihre eigenen Beziehungen einsortieren und einschätzen sollen, geraten sie sehr schnell an ihre Grenzen.

Lili King hat sich zu diesem Roman inspirieren lassen von der Biographie Margaret Meads, einer angesehenen und erfolgreichen Ethnologin, die verheiratet war mit ihrem Kollegen Reo Fortune, aber auch eine kurze Affäre mit Gregory Bateson unterhielt. Das war es aber auch mit realen Vorbildern, der Rest der Erzählung ist fast ausschließlich Fiktion.

Daraus entstanden ist ein Roman über eine spannende Zeit, eine abenteuerliche Expedition in unerforschtes Gebiet, die aber nicht romantisiert wird und bei der immer klar ist, dass nur sehr wenige der Mitreisenden am Ende davon profitieren werden. Der Blick auf die Ethnologie bzw. Anthropologie ist dabei durchaus kritisch. Mehrfach wird direkt oder indirekt die Frage aufgeworfen, was die Völker entlang des Sepiks eigentlich von der ganzen Sache haben, außer ein paar geschenkten Streichhölzern. Gut geschrieben und solide konstruiert ist das Buch zwar keine ganz große Literatur, aber ein sehr lesenswerter, kluger und unterhaltsamer Roman.


Lily King: Euphoria. C.H. Beck 2015. € 19,95, 259 Seiten. Übersetzt von Sabine Roth. Originalausgabe: Euphoria. Atlantic Monthly Press 2014.

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