Sarah Stricker: Fünf Kopeken

fuenfkopekenIn Fünf Kopeken wird die Geschichte einer Frau erzählt, die schon früh als Wunderkind galt, Gesangsunterricht nahm, Turnstunden bekam, Klavier spielen lernte und selbstverständlich Medizin studierte. Nun ist diese Frau an Leberkrebs erkrankt und liegt im Sterben. In ihren letzten Wochen erzählt sie ihrer Tochter die Geschichte ihres Lebens. Und die Tochter erzählt sie zum Glück uns. Denn es ist eine ganz großartige Geschichte, wenn auch keine schöne.

Die Mutter, die den ganzen langen Roman über ohne Namen bleibt, ist die Tochter eines ehrgeizigen Modeunternehmers, der sich selbst, seiner Frau und natürlich erst recht seiner Tochter Höchstleistungen abverlangt. Jede Schwäche, jedes „ich kann nicht“ lässt er nicht zu und quittiert es mit der Bemerkung, er habe schließlich auch die russische Kriegsgefangenschaft überstanden, man solle sich nicht so anstellen. Es wundert einen nicht, dass die Mutter mit der Liebe so ihre Schwierigkeiten hat.

In den 90er-Jahren wittert der Großvater die Chance, „den Ossis mal zu zeigen, wie Mode geht“ und schleppt das Unternehmen samt Familie nach Berlin. Seine Tochter will lieber in der pfälzischen Heimat bleiben, muss trotzdem mit und ist froh, als sie Arno kennenlernt, der Berlin ebenso hasst wie sie. Der Großvater ist begeistert vom potenziellen Schwiegersohn, der bereitwillig in den Familienbetrieb einsteigt. Die namenlose Mutter studiert weiter Medizin und plötzlich verliebt sie sich. Natürlich nicht in Arno, sie erträgt schon nicht mehr, wie er kaut oder redet oder lacht. Sie verliebt sich, kurz vor ihrer Hochzeit, in einen anderen Mann und das so heftig, dass sie sich nie wieder richtig davon erholt.

Dass es kein gutes Ende nehmen wird, ist schnell klar, denn die große Liebe der Mutter ist offenbar nicht der Vater ihrer Tochter. Wie ungut das Ende ist, ahnt man immer wieder, aber wie traurig und oft selbstzerfleischend diese Liebesgeschichte verläuft, haut einen manchmal um, so sehr, dass es mitunter fast unerträglich wird. Auch die zuhörende und wiedergebende Tochter leidet unter den detaillierten Erzählungen ihrer Mutter, will manches gar nicht wirklich wissen, hört aber ebenso geduldig wie gespannt zu, denn schließlich ist das alles auch ihre Geschichte, die Geschichte, warum sie ohne Vater und mit einer in sich zurückgezogenen Mutter aufgewachsen ist. „Mein Zuhören sollte ihre Erinnerung beglaubigen. Und ich tat ihr den Gefallen“. Trotz oder wegen der quälenden Einzelheiten ein absolut beeindruckendes Buch, das man dringend lesen sollte.

Den Roman habe ich nicht gelesen sondern als Hörbuch gehört, gelesen von Annina Braunmiller, die das sehr passend hinkriegt. Nur ihr Pfälzisch klingt eher bairisch, aber wer will jemandem vorwerfen, dass er kein Pfälzisch kann.


Sarah Stricker: Fünf Kopeken. btb 2015. € 10,99, 512 Seiten. Originalausgabe: Eichborn 2013. Hörbuch: Lübbe Audio 2014. ca. €17,-, 16,5 Stunden. Sprecherin: Annina Braunmiller.

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