Allgemeine Sprachlosigkeit – „Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen

Osman Engels studiert Cello. Doch es will nicht so recht laufen im Moment, nicht nur mit der Musik. Wo sein Lehrer einen Nieselregen hören will, liefert Osman ein Gewitter, wo seine Mitbewohnerin Nähe sucht, verharrt er in unbeholfener Schreckstarre. Auch mit seiner Familie sieht es nicht rosig aus. Seine Mutter ist vor langer Zeit schon abgehauen und hat die Kinder bei Vater Suat und Tante Elide zurückgelassen. Ausgerechnet jetzt stellt Elide wieder Ansprüche an ihren Neffen: Suat, ebenfalls Musiker, hat sich das Handgelenk gebrochen, leidet an einem Tinnitus, ihm droht die Arbeitslosigkeit. Elide soll es richten und Osman ihr helfen. Von alldem völlig überfordert, zieht Osman sich von allen und allem zurück.

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Dafür fühlt er sich immer stärker einer Frau verbunden, die er überhaupt nicht kennt und die von seiner Existenz nichts weiß. Am Bahnhof findet er ein Diktiergerät, darauf Aufzeichnungen von einer Reise, die eine gewisse Ella mit ihrer gehörlosen Schwester unternommen hat. Auch hier spielt das Hören eine sehr große Rolle, vor allem in der Frage, ob die Schwester sich ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen möchte, weil die Hörenden es ihr so schwer machen, keine von ihnen zu sein.

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Kamila Shamsie: A God in Every Stone

Es ist eine ungewöhnliche Chance, die Vivian Rose Spencer 1914 bekommt: die junge Archäologin darf mit der Erlaubnis ihres Vaters an einer Ausgrabung im türkischen Labraunda teilnehmen. Leiter der Ausgrabung ist der Armenier Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, mit dem sie bald tiefe Gefühle verbinden. Sie plant schon zukünftige Sommer in der Türkei als Mrs. Bey, doch als die Archäologen nach Wochen abgeschiedener Ausgrabungen wieder in die Zivilisation zurückkehren erfahren sie mit Schrecken vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Alle sind sich einig, dass der Spuk in wenigen Monaten der Vergangenheit angehören wird. Vivian kehrt schnellstmöglich in die Heimat zurück und arbeitet in Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht als Krankenschwester. Ihre Briefe in die Türkei bleiben unbeantwortet, eine verspätete Weihnachtskarte an die Familie ist das einzige Lebenszeichen von Tahsin.

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Elif Shafak: Ehre

In Ehre befasst sich Elif Shafak mit einem Mord, der in einer kurdisch-türkischen Familie verübt wird, nachdem der älteste Sohn die Ehre seiner Familie in Gefahr sieht. Die Geschichte beginnt friedlich in einem entlegenen Dorf in der Türkei, in dem die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila aufwachsen, beide eine weitere Enttäuschung in einer Reihe von Kindern, die alle einfach kein Junge werden wollten. Viele Jahre später lebt Pembe mit ihrem Mann, der eigentlich Jamila heiraten wollte, in London und hat drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Jamila ist in der Heimat geblieben und lebt zurückgezogen als „jungfräuliche Hebamme“ und Heilerin in einer bescheidenen Hütte in den Bergen.

„Wir Topraks waren doch in dieser Stadt nur Statisten – eine halb türkische, halb kurdische Familie am falschen Ende von London.“

Das Leben in London ist für Pembe grau und freudlos, an den ewig grauen Himmel kann sie sich nie gewöhnen. Auch ihr Mann Adem kämpft mit seiner trostlosen und monotonen Arbeit in einer Fabrik, während er zusehends der Spielsucht verfällt. Der älteste Sohn Iskender, von seiner Mutter als Stammhalter und „Sultan“ verwöhnt und verzogen, verfällt immer mehr in patriarchale Rollenbilder und Vorstellungen. Jamila bleibt währenddessen in einer archaischen Umgebung, in der sich seit Jahrhunderten nichts verändert hat. Sie sammelt Kräuter, hilft bei riskanten Geburten und heilt Kranke, für die es in den kargen Bergen keine andere Hilfe mehr gibt.

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