Pioniergeist im Untergrund – Sebastian Guhrs „Die langen Arme“

Yvette ist eine äußerst begabte Synästhetin und kann Gerüche hören. Zusammen mit ihrer Schwester Antje hat sie eine Fleischblume gebaut. Dieses ganz besondere Instrument besteht unter anderem aus den Köpfen von dreißig toten Katzen und einem Akkordeon, mit dessen Hilfe den Katzenköpfen das entlockt wird, was die Schwestern als Melodie wahrnehmen. Bei den 1.-Mai-Feiern in der Kleinstadt Gangolfsömmern gibt es für die Neuinterpretation von Arbeiterliedern dann leider Ärger statt Beifall.

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Während Yvette verbissen weiter an ihrer synästhetischen Fähigkeiten arbeitet, entdeckt Antje beim Schlafwandeln einen unterirdischen Raum. Dieser Raum, so stellt sich bald heraus, führt zu einem weitverzweigten Tunnelsystem, das unter ganz Gangolfsömmern verläuft. Jedes Haus ist über Türen an dieses System angebunden und so ist es für Antje ein Leichtes, unbemerkt in fremde Häuser zu kommen und Gesprächen zu lauschen, die sie nichts angehen. Und natürlich sind die weitläufigen Räume unter der Erde auch ein hervorragender Proberaum für die Fleischblume und andere Apparate von gleicher Schönheit sowie für die ersten amourösen Versuche in Antjes Leben. Das Leben im Unterirdischen interessiert Antje weit mehr als das mit den Oberflächlichen. Dort hat sie es schwer, Anschluss zu finden und spricht fast nur mit Goran und seinem psychodynamischen Lesekreis.

Die Langen Arme ist ein ebenso kurzer wie absurder und unterhaltsamer Roman. So sehr viel will ich dazu gar nicht sagen, denn dann ist der knapp 170 Seiten lange Roman auch beinahe schon erzählt. Man muss sich einlassen können und wollen auf dieses Konstrukt, auf die Umöglichkeiten, die bestehen bleiben und mit keinem Wort als solche thematisiert oder entschärft werden. Wenn man das will und macht, findet man hier einen witzigen, klugen und überraschenden Roman.


Sebastian Guhr: Die langen Arme. Kein & Aber 2019. 172 Seiten.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar (und die Tafel Schokolade).

Mentona Moser, Menschenfreundin – „Tochter des Geldes“ von Eveline Hasler

Mentona Moser wird 1874 als Tochter des steinreichen Uhrenfabrikanten Heinrich Moser in Badenweiler geboren. Ihr Vater, deutlich älter als die Mutter, stirbt nur wenige Tage nach ihrer Geburt. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen, das den drei Frauen ein komfortables Leben in einem Schloss am Zürichsee ermöglicht. Doch das Verhältnis der beiden Schwestern Fanny und Mentona zu ihrer Mutter ist hoch problematisch und von Konflikten geprägt. Mentona hält es nicht lange zu Hause aus, besucht erst verschiedene Internate und landet schließlich in England, wo sie das Leben in den Londoner Slums kennenlernt. Entsetzt von der Armut der Kinder beginnt sie, sich in der Sozialen Arbeit zu engagieren.

„Du willst die Welt retten, aber du hast keine Ahnung, was sie kostet.“

Der Traum von einer gerechteren Welt und besseren Zukunft für Kinder wird für Mentona zur Lebensaufgabe. Als sie zurück in die Heimat kehrt, ist es ihr größter Wunsch, auch in der Schweiz Hilfseinrichtungen nach englischem Vorbild aufzubauen. Sie tritt der sozialdemokratischen Partei bei und später, als ihr die Forderungen nicht mehr ausreichen, der kommunistischen Partei. Nach der Oktoberrevolution in Russland verliebt sie sich in die Idee eines neuen Landes und in Fritz Platten, der im „neuen Russland“ den Bauern helfen will, ihre eigenen Lebensumstände durch effektiveres Wirtschaften zu verbessern. Sie lernt Russisch und folgt ihm in eine kleine Siedlung in der Nähe von Moskau, wo sie endlich die Chance hat, ihren Traum vom Kinderheim zu verwirklichen.

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Christa Wolf: Kassandra

Kassandra, die schöne Frau, die alles vorhersah und auf die niemand hörte, deren Vorhersagen den Untergang Trojas hätten verhindern können, sitzt auf einem Schiff des Agamemnon und fährt ihrem Untergang entgegen. Auch das weiß sie, ihre eigene Zukunft sieht sie nicht rosiger als die ihres Volkes. Aufgewachsen als Tochter des trojanischen Königspaares lässt Kassandra sich zur Priesterin weihen, lebt ein privilegiertes Leben am Hof und in den Tempelanlagen und macht sich mit ihrer besonderen Gabe doch viele Feinde. In der griechischen Mythologie verlieh Apoll Kassandra zwar die Gabe der Seherin, legte dann aber den Fluch auf sie, dass niemand ihren Prophezeiungen glauben würde, als sie seine Liebe nicht erwiderte. Die daraus resultierenden „Kassandrarufe“ sind sprichwörtlich geblieben.

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“

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Jan Kuhlbrodt: Das Modell

Kuhlbrodt_DasModell„Beide waren wir Schwemmgut in dieser Stadt und als Diener der Oberfläche geendet.“

Die Herbstvorschauen dieses Jahr haben mich nicht sehr fröhlich gestimmt und die Ausbeute war zumindest mager. Dann aber las ich bei Edition Nautilus, dass es einen Mann gibt, der Jan Kuhlbrodt heißt und dessen neues Buch Das Modell sich liest wie eine Mischung aus Genazino, Witzel und Kurzeck. Außerdem stand dort, man dürfe sich gerne eine Leseexemplar anfordern, was mich in hektischen Aktionismus versetzt hat.

Das Modell ist ein recht kurzer Roman, der größtenteils in Frankfurt spielt. Er handelt von Schroth, einem Akademiker, der seine Promotion mangels eines Stipendiums aufgeben musste. Nun arbeitet er als Fensterputzer. Aufgewachsen ist er in Karl-Marx-Stadt und vor Jahren mit seinem Freund Thilo nach Frankfurt gekommen. Thilo ist Künstler, er formt Skulpturen aus Metall und glänzendem Chrom und zu Beginn des Romans fällt eines seiner Kunstwerke auf ihn. Ob es ihn erschlägt, erfährt der Leser nicht, denn Schroth weiß es selber nicht oder redet sich zumindest erfolgreich ein, es nicht zu wissen. Er hat die Ausstellung besucht, hat den Unfall aus nächster Nähe erlebt und ihn vielleicht sogar selbst herbeigeführt, aber er konnte bei Thilos Abtransport nicht erkennen, ob er noch lebt. Er hat nur gesehen, wie Thilo unter seiner Skulptur lag, in einer unnatürlichen Haltung.

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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

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