Christa Wolf: Kassandra

Kassandra, die schöne Frau, die alles vorhersah und auf die niemand hörte, deren Vorhersagen den Untergang Trojas hätten verhindern können, sitzt auf einem Schiff des Agamemnon und fährt ihrem Untergang entgegen. Auch das weiß sie, ihre eigene Zukunft sieht sie nicht rosiger als die ihres Volkes. Aufgewachsen als Tochter des trojanischen Königspaares lässt Kassandra sich zur Priesterin weihen, lebt ein privilegiertes Leben am Hof und in den Tempelanlagen und macht sich mit ihrer besonderen Gabe doch viele Feinde. In der griechischen Mythologie verlieh Apoll Kassandra zwar die Gabe der Seherin, legte dann aber den Fluch auf sie, dass niemand ihren Prophezeiungen glauben würde, als sie seine Liebe nicht erwiderte. Die daraus resultierenden „Kassandrarufe“ sind sprichwörtlich geblieben.

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“

Christa Wolf orientiert sich mit ihrer Interpretation des Kassandra-Stoffes nah am Vorbild aus der griechischen Sagenwelt. Unübersehbar aber bringt sie auch ihre eigene Perspektive und die aktuelle politische Lage in den Roman ein. Entstanden ist der Text ab dem Jahr 1980, 1982 hatte Wolf die Frankfurter Poetikdozentur inne und berichtete in diesem Rahmen auch über die Arbeit am Text. Für die Recherche hatte sie eine Griechenland-Reise unternehmen können, befasste sich aber auch sehr intensiv mit den griechischen Sagenstoffen und der verfügbaren Sekundärliteratur. Im Roman lassen sich deutliche Parallelen zur damals angespannten politischen Situation lesen. Im Roman stehen sich zwei Parteien gegenüber, die sich nicht offen angreifen, sich aber auch soweit in Schach halten, das eigentlich niemand mehr gefahrlos handlungsfähig ist. Die scheinbare Normalität des Lebens in Troja, die Märkte, die weiter abgehalten werden, die Feste, die weiter gefeiert werden, ist trügerisch. Jede Sekunde kann der Krieg losbrechen, auch wenn die königliche Familie nicht müde wird, das Gegenteil zu beteuern. Vorerst aber gibt es nur Bauernopfer.

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Kassandras Loyalität und ihr Zugehörigkeitsgefühl geraten zusehendes in Wanken. Familiär und emotional dem Königspaar Hekabe und Priamos verbunden, kann sie deren politische Entscheidungen später nicht mehr unterstützen. Auch der Emporkömmling Eumelos, Chef eines nie legitimierten aber immer stärker werdenden Sicherheitsapparates, belastet die Beziehung zu ihrem Vater zusehends. Schließlich weiß Kassandra nicht mehr, wen sie noch bezeichnen kann, wenn sie „wir“ sagt. Zuflucht findet sie in den Berge, wo eine Gruppe von Frauen, Anhängerin der Göttin Kybele, unter einfachsten Bedingungen lebt. In der Charakterisierung der Frauenfiguren, die oft ein sehr autarkes Leben führen, lässt Kassandra sich sehr leicht auch feministisch deuten.

Der Einstieg in den Roman hat mir sehr deutliche Schwierigkeiten bereitet. Es wimmelt von Namen und Figuren, deren Funktion nur manchmal erklärt und oft als bekannt vorausgesetzt wird. Auf den ersten Seiten habe ich mehr wikipedia-Artikel als eigentlichen Text gelesen, was schon recht frustrierend sein kann. Es gibt, darauf sei hingewiesen, kommentierte Ausgaben für die Schule, die den Einstieg erleichtern können, wenn man zufällig nicht alles über den Trojanischen Krieg weiß. Es lohnt sich aber, sich durch die ersten Seiten zu quälen und es dauert auch nicht lange, bis man zumindest einen groben Überblick über das trojanische Who-Is-Who hat. Der Rest des Romans ist eine scharfe, sehr kluge und sprachlich dichte Analyse der politischen Situation eines Staates, der hier Troja heißt. Kassandra ist als sehr interessante Figur konstruiert und der solide mythologische Unterbau ist beeindruckend. Zurecht bis heute Schullektüre ist Kassandra mühsam aber lesenswert.


Christa Wolf: Kassandra. Suhrkamp 2008. 178 Seiten. Erstausgabe Luchterhand 1983.

Das Zitat stammt von S. 21

Jan Kuhlbrodt: Das Modell

Kuhlbrodt_DasModell„Beide waren wir Schwemmgut in dieser Stadt und als Diener der Oberfläche geendet.“

Die Herbstvorschauen dieses Jahr haben mich nicht sehr fröhlich gestimmt und die Ausbeute war zumindest mager. Dann aber las ich bei Edition Nautilus, dass es einen Mann gibt, der Jan Kuhlbrodt heißt und dessen neues Buch Das Modell sich liest wie eine Mischung aus Genazino, Witzel und Kurzeck. Außerdem stand dort, man dürfe sich gerne eine Leseexemplar anfordern, was mich in hektischen Aktionismus versetzt hat.

Das Modell ist ein recht kurzer Roman, der größtenteils in Frankfurt spielt. Er handelt von Schroth, einem Akademiker, der seine Promotion mangels eines Stipendiums aufgeben musste. Nun arbeitet er als Fensterputzer. Aufgewachsen ist er in Karl-Marx-Stadt und vor Jahren mit seinem Freund Thilo nach Frankfurt gekommen. Thilo ist Künstler, er formt Skulpturen aus Metall und glänzendem Chrom und zu Beginn des Romans fällt eines seiner Kunstwerke auf ihn. Ob es ihn erschlägt, erfährt der Leser nicht, denn Schroth weiß es selber nicht oder redet sich zumindest erfolgreich ein, es nicht zu wissen. Er hat die Ausstellung besucht, hat den Unfall aus nächster Nähe erlebt und ihn vielleicht sogar selbst herbeigeführt, aber er konnte bei Thilos Abtransport nicht erkennen, ob er noch lebt. Er hat nur gesehen, wie Thilo unter seiner Skulptur lag, in einer unnatürlichen Haltung.

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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

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