Die Entdeckung neuer Welten – „Die Paradiese von gestern“ von Mario Schneider

Ella und René sind jung, verliebt und auf einem einzigartigen Abenteuer. Direkt nach dem Fall der Mauer nutzen sie die neu gewonnene Reisefreiheit und fahren nach Frankreich, in das Land, dessen Kultur sie verbindet. Sie waren noch niemals da, sind aber die einzigen in ihrem Freundeskreis, die Französisch sprechen und die alten Meister der französischen Literatur mit Begeisterung lesen. Dass das Frankreich aus den Romanen Prousts nicht mehr existiert, merken sie natürlich gleich, aber im alten Anwesen der Familie de Violet finden sie etwas, das fast ebenso aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Einst waren die de Violets eine sehr wohlhabende und angesehen Familie, nun aber hat die betagte Charlotte den Kampf gegen den Verfall aufgegeben. Schon vor Jahrzehnten musste sie das herrschaftliche Anwesen zum Hotel umbauen – ein Fauxpas, den man ihr innerhalb der erlauchten Kreise nie verzeihen konnte. Doch auch das hat nicht gereicht, um die horrenden Kosten für die Bewirtschaftung einzubringen. Charlotte erträgt die Situation nicht mehr und hat mit ihrem Familienbesitz und ihrem Leben im Grunde schon abgeschlossen, als plötzlich doch noch unerwartet zwei Gäste vor der Tür stehen: René und Ella.

Die beiden sind völlig verunsichert von der prunkvollen Umgebung und von Butler Vincent, der ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen bereit ist. Und als sei das nicht unangenehm genug, kommt auch noch Charlottes Sohn Alain dazu, ein gelackter Lebemann, der es in Paris mit Immobilien zu einem Vermögen gebracht hat. Die Situation eskaliert beim gemeinsamen Abendessen und gipfelt in einem Streit zwischen Ella und René. René fährt mit Alain zurück nach Paris und schlägt sich die Nächte mit der High Society um die Ohren, Ella bleibt im Schloss der Familie de Violet und freundet sich mit Vincent an, während Charlotte de Violet hinter verschlossenen Läden an ihrer Situation herumgrübelt.

„Es kam ihm vor, als müsse er diese neue Welt von jetzt an allein ertragen und – was noch schlimmer war – sich in ihr bewähren.“

Die Zeit der Trennung nutzen die beiden nicht nur, um die neuen Welten zu entdecken, in denen sie sich plötzlich finden, sondern vor allem, um über sich selbst und ihre Beziehung nachzudenken. Bei René ist es ein neues Outfit, das Alain ihm kauft, und das so neu und anders ist, dass er sich gleich komplett neu erfindet. Und Ella entdeckt in langen Gesprächen mit Vincent, dass sie vielleicht doch eine andere ist, als sie immer geglaubt hat. Oder doch zumindest sein könnte. Vincent fällt dabei bemerkenswert aus der Rolle – er ist der stets zurückhaltende und um Diskretion bemühte Hausangestellte, hat allerdings keinerlei Probleme der jungen Ella, die er kaum kennt, ausgesprochen persönliche Ratschläge zu geben. Auch, wenn Ella ihn um absolute Offenheit gebeten hat, passen diese beiden Seiten des altgedienten Angestellten nicht schlüssig zusammen. Auch Ella und René agieren nicht immer ganz nachvollziehbar und der entscheidende Streit, der die beiden zumindest vorerst auseinander treibt, wirkt ziemlich überzogen.

Das titelgebende Thema der Paradiese von gestern zieht sich durch den Roman. Auf die eine oder andere Art hängen alle Charaktere des Romans einer Welt nach, die es nicht mehr gibt, sei es die ehemalige DDR oder die alte Welt es französischen Adels. Nicht für alle war es das Paradies, aber sie alle wurden aus ihren Welten vertrieben und müssen Fuß fassen in einer neuen Lebensrealität. Das ist gut gelöst, der Übergang vollzieht sich aber nicht bei allen Charakteren gleich glaubwürdig. Besonders Ella bleibt unnahbar und beinahe blass, ihre Konflikte wirken erzwungen und überspitzt. Die Gräfin hingegen bleibt stur in ihrer Rolle und ist sich sicher, dass sie eher aus dem Leben scheiden will, als noch einmal von vorne beginnen. Vor lauter pittoreskem Verfall gelingt es dem Roman manchmal nur ganz knapp, nicht in seichte Gewässer abzudriften und so manches Klischee rückt schon bedrohlich nahe. Und so wird der Roman, trotz gut gelöster Thematik, einfach nicht ganz rund.


tl;dr: Die Paradiese von gestern verbindet unterschiedlichste Lebenswelten, die in der Welt von heute keinen Platz mehr zu haben scheinen. Dabei krankt der Roman leider an zuweilen recht schwachen Charakteren und hat einige Längen.


Mario Schneider: Die Paradiese von gestern. Mitteldeutscher Verlag 2022. 556 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 467

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

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