Leben in Licht und Luft – „Monte Verità“ von Stefan Bollmann

Ein Zufall führt die Brüder Gräser, Henri Oedenkoven und Ida Hoffmann 1900 in Veldes, dem heutigen Bled in Slowenien zusammen. In langen und tiefen Gesprächen spüren sie eine tiefe Verbundenheit und eine gemeinsame Abneigung gegen den Zustand der modernen Gesellschaft. Sie wollen weg von Kapitalismus und Industrialisierung, sich frei machen von den Zwängen der Zeit. Zurück zur Natur, das aber keineswegs reaktionär gedacht, sondern ganz fortschrittlich. Und das nicht nur theoretisch, sondern praktisch umgesetzt in einer Lebensgemeinschaft, die ihren Vorstellungen entspricht.

„Sie werden nie mehr eingezwängt zwischen Plüsch und Plunder sein, stattdessen nackt in der verschwenderisch scheinenden Sonne liegen.“

Nur wenige Monate später, aber nach einer beschwerlichen Suche, finden sie den perfekten Ort dafür. Im Tessin, auf einem Hügel über Ascona und mit Traumblick über den Lago Maggiore, finden sie ihren „Wahrheitsberg“, einen wirtschaftlich kaum mehr genutzten und nicht bewohnten Hügel, der alles zu haben scheint, was sie für ihr Unterfangen benötigen. Mit Enthusiasmus starten sie in ihr neues Leben, das zum Modell werden soll für die gesamte Gesellschaft. Licht und Luft braucht der Mensch, so lehrt es damals populäre Arnold Rikli, dem man auf Monte Verità folgt und dessen Lehren als Basis für das neue Sanatorium dienen sollen. Auf dem Hügel ist man meist nackt, badet täglich in Licht und Luft, und nur beim Weg ins Dorf trägt man, um keinen Missfallen zu erregen, luftige, weit geschnittene Gewänder. In Ascona denkt man sich natürlich seinen Teil über die Aussteiger aus dem Berg, die in spärlichen Hütten in wilder Ehe leben, sich als Selbstversorger versuchen und sich vegetarisch oder vegan ernähren.

Schon nach kurzer Zeit begreifen auch die neuen Bewohner*innen, dass nicht alles so reibungslos läuft, wie erhofft. Auch gibt es die ersten Differenzen in der Gruppe der Gründer*innen und bald steigen die ersten aus. Doch trotz der anfänglichen Schwierigkeiten wird der alternative Hügel bald berühmt und populär, vor allem unter den Künstler*innen Europas. Das strahlt auch auf Ascona aus. Nicht alle Besucher*innen haben Lust, sich dem Regiment von Abstinenz und Veganismus zu unterwerfen und nächtigen und speisen lieber im nahen Ort. Erich Mühsam, Hermann Hesse und Käthe Kruse sind nur einige der großen Namen, die sich im Gästeregister finden lassen. Der Monte Verità wird zum Inbegriff einer alternativen Gesellschaft, in der mehr möglich ist als in den strengen Strukturen der wilhelminischen Gesellschaft. Und doch gelingt es nie, das Projekt wirtschaftlich zu betreiben.

Von Gründung und Stolpersteinen dieses Unterfangens erzählt Stefan Bollmann unterhaltsam aber fundiert. Er sortiert die Ideale der Gründer*innen ein in einen gesellschaftlichen und ideologischen Kontext, den historischen ebenso wie den aktuellen. Denn viele der Ideale, die auf Monte Verità Heimat und Ausdruck finden sollten, begleiten uns bis heute. Einige der illustren Gäste betrachtet er detaillierter, darunter vor allem Mühsam und Hesse. Dabei entfernt er sich mitunter ein wenig vom eigentlichen Kernthema des Buchs, aber auch diese biographischen Einschübe verdeutlichen, was viele in der neuen Gemeinschaft suchten: Eine Antwort, eine Eingebung wie man leben sollte in einer Gesellschaft, die von vielen als fremd und entfremdend empfunden wurde. Einige fanden sie, während andere an den mitunter sehr unkonventionellen Heilmethoden des Sanatoriums mehr schaden als Nutzen nahmen. Das Bild, das Bollmann von dem Berg und seiner Gemeinschaft zeichnet, ist ein ausgewogenes. Weder betrachtet er die Mitglieder als abgedrehte Spinner, noch idealisiert er das Unterfangen. Der Monte Verità wird porträtiert als damals beispielloses, fehlerhaftes Gemeinschaftsprojekt mit hehren Zielen, das auch hundert Jahre nach seinem Ende für viele noch Symbol, Sehnsuchtsort und Inspiration ist.


tl;dr: Sehr leicht und unterhaltsam lesbarer Bericht über ein spannendes und großes Projekt, das seiner Zeit weit voraus und zum Scheitern verurteilt war.


Stefan Bollmann: Monte Verità: 1900 – der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt 2017, 320 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 47.

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