Die Pomologie scheint in der deutschen Gegenwartsliteratur noch nicht auserzählt zu sein. Gold-Renette und Weißer Calville sind als wohlklingende Träger einer Geschichte noch immer hoch im Kurs. Auch Nelka nimmt sie als Aufhänger, erzählt dann aber von Schuld, Scham und der Frage nach einer möglichen Wiedergutmachung.

Marten könnte zufrieden sein. Als Hausherr auf den Resten eines alten Guts hat er es mit einer Obstplantage zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Die Geschäfte waren schonmal besser, klar, aber mit beinahe achtzig Jahren muss er sich darum eigentlich keine großen Gedanken mehr machen. Doch dann reißt ein Brief ihn aus dem Alltagstrott: Nelka kündigt ihren Besuch an. In drei Tagen schon.

Nelka. Allein der Name tritt eine Erinnerungslawine in ihm los und bringt Gefühle ans Tageslicht, die er lieber gar nicht betrachten will. Nelka aber will. Sie will noch einmal den Gutshof sehen, in dessen hochherrschaftlichem Schatten sie mit gerade 16 Jahren in einer Baracke leben musste, verschleppt aus ihrer Heimatstadt Lwiw. Die Zeit dort hat sie niemals losgelassen, und sie will Marten, der damals so viel Macht über sie ausgeübt hat, noch einmal als Gleichwertige gegenüberstehen, nicht als Dienerin, nicht als Ausgelieferte, nicht als Untermensch.

„Die Dinge sind kompliziert. Irgendwer muss auch die Drecksarbeit machen. Und in Krieg ist es mit der Schuld etwas anderes, denkt er, auch wenn er weiß, dass das nicht stimmt.“

– S. 87

Svenja Leiber erzählt in diesem Roman von einer Gruppe Zwangsarbeiter:innen, die wie so viele nach Deutschland verschleppt wird, zunächst noch froh, Schlimmerem entkommen zu sein, dann aber ihren Herren schutzlos ausgeliefert. Sie beschreibt die grausamen Umstände, unter denen sie arbeiten mussten, die Unterversorgung, die Ängste, aber auch die Solidarität und Freundschaften untereinander, die sich an den unwahrscheinlichsten Stellen entwickeln. Nelka wird zum Zentrum der Geschichte, als Marten sie quasi befördert, befiehlt, dass sie fortan im Haus leben soll und dort aushilft. Das macht ihre Arbeit leichter, ihr Leben aber nicht weniger gefährlich. Allein in ihrer Dachkammer ist sie dem Hausherren noch mehr ausgeliefert als in der Baracke.

Mit ihrem Wissen legt sie den Grundstein für Martens späteren Reichtum. Als Tochter eines früh im Krieg ermordeten Pomologen weiß sie alles über Äpfel. Sie kann Sorten und ihre Eigenschaften herunterbeten, Bäume veredeln und weiß alles über Baumschnitt. Sie ist es, die Marten das erste Mal eine neue Methode für effizienten Anbau erläutert. Er hängt an ihren Lippen, setzt alles um, macht ein Vermögen. Nelka überlebt und kehrt in ihre Heimat zurück, und das ist schon einiges. Von einem Reichtum, wie Marten ihn erreicht, kann sie in ihrer zugewiesen Wohnung in Lwiw aber nicht einmal träumen.

Leiber macht deutlich, wie massiv das Deutsche Reich abhängig war von Zwangsarbeiter:innen und wie selbstverständlich das in den Jahren danach totgeschwiegen wurde. Der Roman erzählt, wie glänzend manche sich in den Nachkriegsjahren erholten, während die anderen schwer traumatisiert und für ihr Leben gezeichnet zurückblieben. Die Sprache, die Leiber dafür wählt, ist sehr poetisch und dicht, manchmal sogar zu sehr und von zu vielen Bildern geprägt. Dann wirken sie wie ein Vorhang, der vor dem allzu grausamen Ausblick auf die Realität schützen soll. Manchmal geraten auch die Reflektionen zu Schuld und Vergangenem ein bisschen zu simpel und plakativ. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Blickwinkeln von Nelka und Marten, die, ausgehend von ihrem erneuten Treffen auf dem ehemaligen Gutshof, ihre Vergangenheit erzählen. Nur nicht einander.

Nelka stellt die Frage, wie man den Verbrechen der Vergangenheit begegnen kann, ob es eine Wiedergutmachung geben kann. Beantworten kann eine einzige Geschichte das sicher nicht, aber der Roman bietet eine bedrückende und nahbare Perspektive auf dieses Kapitel deutscher Kriegsgeschichte.


Svenja Leiber: Nelka.
Suhrkamp 2026, 204 Seiten.

978-3-518-43276-1


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