Mit der Ringlinie durchs Patriarchat – „Öffentlicher Nahverkehr“ von Thea Mengeler

Völlig anonym fährt die Erzählerin in Öffentlicher Nahverkehr durch eine ihr fast fremde Stadt. Immer auf der gleichen Linie verbringt sie ihre Tage damit, aus dem Fenster zu gucken und die übrigen Fahrgäste zu beobachten. Vor kurzem war es noch sie, auf die alle Augen gerichtet waren. Doch damit ist es nun vorbei. Ist das ihre Schuld?

Judith, Erzählerin dieses Romans, sitzt im Bus. Sie fährt herum, ohne Ziel, immer im Kreis auf der Ringlinie. Sie betrachtet die Menschen um sich herum, sieht manche jeden Tag, gibt ihnen Namen. Außer den zufällig Mitreisenden kennt sie zunächst niemanden in dieser Stadt und nicht anders will sie es. Endlich ist sie in der Rolle der nahezu unsichtbaren Beobachterin und ist selbst für niemanden interessant.

Bis vor kurzem war sie erfolgreiche Influencerin, hat den sicher geglaubten Beruf als Lehrerin aufgegeben und fortan von schönen Bildern und positiven Messages gelebt. Kooperations-Reisen hier, #couplegoals da. Als ihr Ex-Freund ein höchst privates Video veröffentlicht, ist es mit der Karriere schlagartig vorbei. Judith ist in ihren Grundfesten erschüttert, erfährt Spott und das Gefühl, eine riesige Dummheit begangen zu haben. Sie bricht alle Zelte ab, legt den Account still, zieht in eine andere Stadt, in der sie niemanden kennt und in der die karg eingerichtete Übergangswohnung keine Persönlichkeit verrät. Das Handy bleibt aus. Überfordert mit sich und ihren Gedanken flüchtet sie in den öffentlichen Nahverkehr, der Sicherheit in der Anonymität, im Desinteresse der anderen verspricht. Die Sorge, doch erkannt zu werden, erneut blamiert zu sein, sitzt ihr dennoch immer im Nacken.

Das alles ändert sich erst, als Rosa sie anspricht, die bei ihr bisher den Namen @weirdoldlady hatte. Rosa hat mit jeder Konvention abgeschlossen, lebt alleine und glücklich und verbringt ihre Tage im Kreise gleichgesinnter Freundinnen. Sie scheint Judith der Gegenentwurf zu sein zu dem, was sie immer sein wollte oder zumindest darstellen wollte. Sie wird ihr Freundin, Beichtmutter und sicherer Hafen.

Mengeler erzählt von all dem in sehr kurzen Kapiteln, viele kaum mehr als eine Seite lang, die alle die Namen der angesteuerten Haltestellen tragen. Darin beschäftigt sie sich jeweils mehr oder weniger abgeschlossen mit Themen, die fast allesamt um das Leben als Frau kreisen, insbesondere um das Leben, das man als Frau führt, wenn man in die Öffentlichkeit tritt, woran man „selbst schuld“ ist und wie miserabel man vor Übergriffen im digitalen Raum geschützt ist, angefangen von Beleidigungen und Drohungen in den Kommentarspalten bis hin zu sexualisierter Gewalt, wie Judith sie erfahren hat. Unterstützt werden diese Gedankengänge durch Auszüge aus einem Buch, das sie zu Beginn ihrer Busreisen scheinbar vergessen auf einem Sitz findet und das sich damit befasst, wie mit Frauen umgegangen wird, welche Erwartungen an sie gestellt werden und woran sie permanent gemessen werden.

@everywoman, wie alt wart ihr, als ihr zum ersten Mal sexuell belästigt wurdet?

– S. 188

Der Autorin gelingt es, verschiedene Perspektiven auf das Thema aufzugreifen und überzeugend zu verbinden. Da ist Judith als Opfer einer Straftat und ihr gegenüber eine breite Öffentlichkeit, ausgerechnet vertreten durch ihre Mutter, die findet, an sowas sei man eben auch selber Schuld und man müsse schon schön blöd sein, damit einem sowas passiert. Wer private Videos macht, muss doch damit rechnen, dass die im Internet landen. Rosa existiert immer als Gegenpol, als stabilste Person, die vom Internet gar keine Ahnung hat und im Kreise ihrer ebenso eingestellten Freundinnen einen Gegenentwurf bildet zu einem Leben, in dem man immer online ist, immer präsent, immer makellos.

So wichtig die verhandelten Themen und Standpunkte sind, so floskelhaft geraten manchmal die Betrachtungen dazu. Das mag daran liegen, dass so vieles dazu seit Jahren immer wieder gewälzt und formuliert wird. Das ist natürlich überhaupt kein Grund, nicht mehr darüber zu sprechen, denn geändert hat sich an den verheerenden Umständen so gut wie nichts. Und wer bisher wenig Berührungspunkte mit diesen Fragestellungen hatte, findet hier auf jeden Fall gute Denkanstöße. In Teilen hat der Roman eher den Charakter einer lockeren Essay-Sammlung – Judiths Gedankengänge und Überlegungen, ihre Erinnerungen machen den Text aus, nicht die eigentlich Handlung. Denn die beschränkt sich vor allem auf das Sitzen in der Ringlinie.

Aus alter Influencer-Gewohnheit aber versucht Judith, einen zum Mitmachen zu animieren. Einige der Kapitel enden mit Fragen, die an Engagement-Aufrufe erinnern, wie „Was würdest du auf eine Toilettenwand schreiben?“ oder „Was sind eure Toxic Traits?“. Wer das möchte, kann hier vielleicht wirklich kurz anhalten und reflektieren. Durch seine ruhige und fragmentarische Erzählart lässt der Text dafür auf jeden Fall Raum.

Öffentlicher Nahverkehr verhandelt brandaktuelle und wichtige Themen. Gewalt in der digitalen Welt ist seit langem ein Thema, bei dem die Opfer häufig durch die Gesetzeslage nicht ausreichend geschützt sind. Erschwerend hinzu kommt, dass gerade bei sexualisierter Gewalt die Scham oft immer noch auf der falschen Seite angesiedelt wird. Der Text bietet eine sehr persönliche Perspektive, die verdeutlicht, wie alleine die Opfer in ihrer Verunsicherung häufig sind und wie wenig Unterstützung sie oft erfahren. Dieses komplexe Thema ist in kurze und gut verdauliche Häppchen verpackt, und das meine ich durchaus nicht negativ. Bei der Näherung an ein so sensibles Thema kann das ja durchaus von Vorteil sein. Ein bisschen mehr Biss hätte es an einigen Stellen aber sein dürfen.


Thea Mengeler: Öffentlicher Nahverkehr.
Wallstein 2026, 228 Seiten.

978-3-8353-6153-9


Dieses Buch wurde mir vom Wallstein Verlag unentgeltlich als Rezensionsexemplar überlassen. Ich danke dafür herzlich, meine Meinung hat es nicht beeinflusst.


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