Sensationelle Familienverhältnisse – „Ordinary Human Failings“ von Megan Nolan

Furchtbare Dinge passieren nur in furchtbaren Familien – so zumindest die Hoffnung von Tom, der als Journalist die Chance seines Lebens wittert, als ein zehnjähriges Mädchen ein anderes Kind tötet. Hier gibt es richtig was auszuschlachten. Oder doch nicht?

Rein zufällig ist Tom zur richtigen Zeit am richtigen Ort – ein grauer Wohnblock in London, an dem ein zehnjähriges Mädchen an diesem Tag ein anderes Kind getötet haben soll. Tom ist ein junger Journalist und sieht hier Chance statt Tragödie. Diese Geschichte gehört ihm. Wenig subtil stürzt er sich auf Nachbarinnen und Bekannte, versucht, brutale Details über die Familie in Erfahrung zu bringen, die ein solches Monster großgezogen hat. Es gelingt ihm sogar, die Familie in einem Hotel einzuquartieren und damit zu isolieren, während ihre Tochter Lucy in Gewahrsam ist.

Und was findet er heraus? Nichts. Zumindest nichts von Brisanz. Die Familie Green lebt ein erschütternd normales Leben, das nicht gerade von glücklichen Zufällen geprägt wird, aber diesen Menschen widerfährt absolut nichts, was nicht auch jeder anderen Familie hätte widerfahren können. Migration, Carmels ungewollte Schwangerschaft, enttäuschte Hoffnungen, Substanzmissbrauch. Es gibt nicht mehr zu holen als ganz normale menschliche Schwächen, nichts, woraus man einen Skandal machen könnte, nichts, was die Tragödie erklären würde.

Megan Nolan erzählt in Ordinary Human Failings eine eigentlich völlig durchschnittliche Geschichte einer irischen Familie, die ihr Glück in England sucht und nur noch mehr Unglück und Ablehnung findet. Damit knüpft sie an die Erfahrungen ihrer eigenen Familie an, die wie so viele versuchten, in England neu anzufangen und scheiterten. Sie erzählt aber auch von der Sensationslust der Presse, dem ausgeprägten Klassismus, der hinter stinknormaler Armut eine Sensation wittert. Ihre Geschichte siedelt sie in den 1990er Jahren an, als der Boulevardjournalismus endgültig jede Hemmung verlor und es keine Geschichte mehr gab, die nicht noch mehr durch den Dreck gezogen werden konnte.

„Reasonable excuses do NOT INCLUDE ordinary human failings such as hangovers, broken hearts, etc etc etc.“

– S. 23

Nolans Stärke liegt im Beschreiben zwischenmenschlicher Beziehungen und vor allem dem Körperlichen, sowohl auf der Beziehungsebene als auch darüber hinaus. Carmels Versuch, ihre Schwangerschaft erst zu negieren, dann zu kaschieren und schließlich vorzeitig zu beenden, ist bemerkenswert eindringlich und nah geschildert. Verzweiflung, Angst und Schmerz werden nahezu ungefiltert transportiert. Carmels spätere Unfähigkeit, eine Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen ist so bedrückend wie selbstverständlich. Eine andere Kindheit hat auch Carmel nicht erlebt, es ist, wie Kinder eben aufwachsen.

All das wird erzählt, während die Familie Green in einem kleinen Hotel sitzt, auf Neuigkeiten von der Polizei wartet und von Tom systematisch ausgequetscht wird. Die Entwicklung ist dadurch recht langsam und sehr linear, das Setting fast schon zu statisch. Und manchmal fragt man sich, woher die Familie die Fähigkeit nimmt, plötzlich alles in Worte zu fassen, worüber jahrzehntelang geschwiegen wurde. Oder ist es die Erleichterung, dass endlich mal jemand aufrechtes Interesse zu haben scheint?

Ordinary Human Failings handelt überhaupt nicht davon, ob Lucy ein anderes Kind getötet hat, oder nicht. Vielmehr handelt der Roman von der Brutalität, mit der Armut gebrandmarkt wird und davon, dass Tragödien oft gar keinen Auslöser brauchen, sondern nur eine unglückliche Verkettung ganz normaler, menschlicher Schwächen.


Megan Nolan: Ordinary Human Failings.
Vintage 2024, 226 Seiten.

978-1-529-92263-9

Eine deutsche Übersetzung von Stefanie Ochel ist unter dem Titel Kleine Schwächen bei Kjona erschienen.


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