What a difference a day makes – 24 little hours lang folgt man in diesem Roman der Protagonistin durch ihre Wohnung, vom Kühlschrank zum Balkon und sehr tief in ihre Vergangenheit, Ideen und Krisen.

Als im Februar 2023 ein Erdbeben die Türkei und Syrien erschüttert, sitzt die Erzählerin in ihrer Wohnung in Deutschland. Das Beben erreicht sie in Form von Entsetzens- und Beileidsbekundungen auf allen Kanälen und überwältigt sie.
Sie zieht sich zurück, sagt die morgendliche Videokonferenz ab, schickt das Handy in den Ruhemodus. Ihre Wohnung wird sie an diesem Tag nicht mehr verlassen. Sie wird zum Schauplatz ihrer Suche nach Erinnerungen, nach Worten, nach Erklärungen. Wie James Joyce einst Leopold Bloom durch Dublin wandern ließ, schickt Erdoğan ihre Protagonistin auf eine Tour durch die eigene Wohnung, deren Geographie aus Möbelstücken besteht, auf Wegen zwischen Kühlschrank und Balkon. Genau 24 Stunden lang, von 06:00 Uhr bis 06:00 Uhr, folgt man ihr auf diesen Wegen.
Die äußere Handlung beschränkt sich dabei auf ein Minimum – vom Schreibtisch zum Kühlschrank, zum Fenster, wieder zurück. Dabei aber teilt die Protagonistin viel von ihrer Innenwelt, ihrer Expertise, ihrer Vergangenheit. Sie ist Joyce-Expertin, mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf internationalen Treffen zu diesem Thema und soll zufällig gerade morgen wieder nach Triest, in diese Joyce-Stadt, die immer auf Grenzen liegt, und dort ausgerechnet über Erdbeben reden, beim Symposium „Art & Crisis“.
Crisis hat sie gerade wirklich genug, schließlich wurde sie kürzlich von „Niemand“ verlassen, ihrer großen, stürmischen, überwältigenden Liebe, der von jetzt auf gleich zur Tür raus ist, der eine jüngere gefunden hat. Dazu jetzt noch ein ganz reales Beben, in ihrer Heimat, wo ihre Familie lebt. Ihre Mutter aber kann sie gerade nicht anrufen, denn sie würde fragen, wie es Niemand geht, wie es läuft bei den beiden. Stattdessen wühlt sie in Erinnerungen, innerlich wie äußerlich, auf der Suche nach einem Brief, den Niemand geschrieben hat, bevor auch er auf Odyssee gegangen ist.
Wer sich vom Zusatz „Roman“ auf dem Titel zum Kauf verleiten lässt, wird in diesem Buch vielleicht nicht ganz das finden, was er sich erhofft hat. Denn eigentliche Handlung gibt es, wie schon gesagt, nicht viel. Die Handlung ist fragmentarisch, erinnert, vergangen. In Teilen mutet der Band eher wie eine Essay-Sammlung an, allerdings wie eine sehr kluge. Die Autorin setzt sich auseinander mit Kunst, Kultur, Politik, Migrationsgeschichte, häuslicher Gewalt und Traumata und mit noch viel mehr. Sie erlaubt einem, sehr nah bei ihrer Protagonistin zu sein, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen auf ihrer Odyssee durch ihre Gedankenwelt. Der Text ist beeindruckend vielfältig, sowohl thematisch wie auch literarisch. Erinnerungen, Referenzen, Sprichworte, Gesänge, Elegien und Sprachnachricht-Monologe – das alles findet sich dicht gepackt in diesem Text, gespickt mit Referenzen, Verweisen, Intertextualität. Die Auseinandersetzung der Erzählerin mit der Welt um sie herum ist scharf, oft kritisch, manchmal bissig, vor allem klug und gut getroffen.
Wer keinen handlungsstarken Roman erwartet und bereit ist, sich auf eine Reise durch Kopf und Wohnung einzulassen, der wird hier einen sehr lesenswerten Text finden. Und der Zeitgeist? Schleicht sich vielleicht doch manchmal ein.


