Immer nur ganz knapp an der Realität vorbei erzählt Flora von dem Verhältnis der Menschen zur Natur, von dem, was passiert, wenn man sie mit Technik kreuzt und von der allgemeinen Überforderung, die das Leben, Beziehungen und überhaupt die Welt mit sich bringt.

Es ist ein kleines Bündel, das Sára und Adam eines Nachts in der Steppe finden, einem Ödland am Rande der Stadt, größtenteils abgesperrt und zugewuchert. Es sieht grauenhaft aus, zusammengesetzt aus Blättern und Natur, Kabeln und Fleisch. Aber es ist auch unverkennbar eine kleine Gestalt mit Armen, Beinen, einem verzerrten Gesicht. Ein irgendwie menschliches Wesen? Ein Kind sogar? Sára besteht darauf, es mitzunehmen, es aus dem Gebüsch zu schneiden, in ihren Mantel zu hüllen und ihm ein Heim zu bieten.

In der seit Jahren aufgegebenen Datsche von Adams Oma findet die unverhoffte und höchst ungewöhnliche Kleinfamilie erstmal Unterschlupf. Sie liegt am anderen Rand der Steppe, fernab der Stadt, wo „der Klumpen“, wie Adam das Wesen zunächst nennt, sicher für Aufsehen sorgen würde. Die Gärten rund um die Datsche sind längst aufgegeben und verwildert, außer einer aufdringlichen Nachbarin wohnt dort niemand mehr.

Sára und Adam richten sich dort erst einmal ein, auch wenn es Winter ist und klirrend kalt in der Datsche. Erzählt ist der Roman aus Adams Perspektive, der deutlich skeptischer der neuen Situation gegenüber ist als Sára, die sich sofort mit voller Begeisterung um das Wesen kümmert. Kurz vor dem Fund des „Klumpens“ befanden die beiden sich in einer recht ernsthaften Beziehungskrise, befeuert durch einen unerfüllten Kinderwunsch und eine Fehlgeburt. Wenn der Fund des Wunderwesens die Situation zunächst auch zu verschärfen scheint, liegt in der gemeinsamen Sorge um das merkwürdige Leben auch die Chance auf eine Wiederannäherung des Paares. Also fügt Adam sich, hüllt das Lebewesen in Babykleidung, hilft bei der regelmäßigen Entpilzung und fährt es im Kinderwagen durch die Steppe.

„Wir wissen nicht, was Wunde, was Narbe ist, oder was schlicht so sein soll. Was zum Körper gehört.“

– S. 57

Die Natur in diesem Roman verleibt sich die Technik ein, gebiert aus dem Müll der Zivilisation Wunderliches und verliert jede Romantik. Die Steppe erscheint nicht als Naherholungsgebiet inmitten der Stadt, sondern als Hort des Chaos, als grausame Zwischenwelt aus Müllkippe und rückerobertem Naturraum. Außer unvernünftigen Kindern hält sich hier kaum jemand auf. Dem wild Wuchernden pfuscht man besser nicht ins Zeug, diese Erkenntnis reift in Adam schneller als in Sára. Aber wie soll er ihr das erklären?

Zwischen Dystopie und leichtem Horror erzählt Zbořil von der Krise einer Welt und einer Beziehung, von Elternschaft, Überforderung und Angst. Er erzählt vom Verhältnis zwischen Natur und Technik und dem leisen Grauen, das einen manchmal befällt angesichts der Kuriositäten, die da draußen existieren und die man niemals ganz zähmen oder verstehen kann. Dass der Autor eigentlich in der Poesie zu Hause ist, merkt man dem Text und seiner Sprache an. Erschienen ist der Roman in einer sehr schön ausgestatteten Ausgabe, durch die selbst zuweilen die Natur in ihren unheimlichen Formen bricht. Ein ganz großartig gelungenes Debüt, das einen in eine Welt mitnimmt, die immer nur sehr knapp neben der Realität existiert.


Jonáš Zbořil: Flora.
Edition Kommode im mairisch Verlag 2026, 182 Seiten.

Aus dem Tschechischen (OT Flora, 2024) von Sophia Marzolff.

978-3-912563-00-9


Dieser Roman wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar überlassen, ohne dass daran Bedingungen geknüpft waren. Ich danke herzlich, meine Meinung hat es nicht beeinflusst.


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