Es ist der größte Albtraum einer Familie: Nur wenige Wochen nach ihrem Highschool-Abschluss verschwindet Kim Larsen. Eine frenetische Suche nach der Vermissten beginnt, von der Stewart O’Nan so emotionslos wie nur möglich erzählt.

Die Highschool ist vorbei, am Ende des Sommers geht es für Kim Larsen ins College. Ihre Familie, ihren ersten Freund J. P. und ihren Freundeskreis wird sie in ihrer öden Heimatstadt Kingsville zurücklassen. Die Zukunft ist vielleicht nicht golden, aber aufregend.
An einem warmen, sonnigen Nachmittag badet sie noch mit Freunden im Fluss, kurz danach erscheint sie nicht bei der Arbeit. Als am nächsten Morgen ihr Bett unberührt ist und ihr Auto nicht in der Auffahrt, werden ihre Eltern nervös. Sie verständigen die Polizei, beharren darauf, dass Kim kein rebellischer Teenie ist, der einfach über Nacht wegbleibt oder gar wegläuft. Sie bringen die ganze Kleinstadt auf die Beine, organisieren Suchtrupps, T-Shirts, Poster, Flyer, Spendenläufe. Sie achten auf gute Fotos für die Suche, richten eine Website ein, geben Interviews. Kim bleibt verschwunden.
Stewart O’Nan erzählt von einer völlig durchschnittlichen US-amerikanischen Familie, deren Leben auf den Kopf gestellt wird von einem der furchtbarsten Dinge, die einer Familie passieren können. Und er schafft es, davon so distanziert und emotionslos zu erzählen, dass der Text sich stellenweise liest wie ein Ratgeber darüber, was zu tun ist, wenn ein Teenie verschwindet. Minutiös listet er Tipps und Ratschläge auf: Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven, seriöse Bluse im Interview, Vorher-Fotos vom Suchtrupp machen, damit am Ende auch wieder alle im Bus sitzen. Namensschilder für alle. Beim Copy-Shop fragen, ob man den Auftrag günstiger oder gar gratis bekommen kann. Steuerliche Aspekte nicht vergessen! Keine Plakate an Bäume, das ist verboten. Die Suche nach Kim wird zum Vollzeit-Job.
Verstärkt wird die Distanz zum Geschehen dadurch, dass man als Leserin nur einen extrem kurzen Blick auf Kim bekommt, nicht viel mehr, als man vielleicht aus einer Suchmeldung erfahren würde: Größe, Aussehen, letzter bekannter Aufenthaltsort, wahrscheinliche Bekleidung, Automarke. Dann ist sie auch schon weg und auch über Familie und Freundinnen erfährt man wenig über sie. Ein emotionales Interesse an der weiteren Suche lässt sich hier nur schwer aufbauen und auch ihre Familie lässt keine Nähe zu. Manchmal weint jemand und es scheint immer aus dem Nichts zu kommen. Immer wieder werden detailliert Szenen aus dem Alltag der Familie Larsen erzählt, zum Teil in wirklich irritierender Ausführlichkeit – ein Softballspiel von Lindsay, ein Tag im Berufsleben des Vaters, der Immobilienmakler ist und sich sehr, sehr genau ein Haus anguckt, das er verkaufen soll. Solide Elektrik, hässliche Dachrinnen. Am meisten mitgefiebert habe ich noch bei Lindsays Fahrprüfung und deshalb sage ich jetzt auch nicht, ob sie besteht.
O’Nan schildert das mit der Zeit schwindende Interesse, erst der Medien, dann des persönlichen Umfelds, und die langsam sterbende Hoffnung der Eltern, ihre Tochter noch einmal wiederzusehen. Das alles aber bleibt seltsam hohl und hölzern, die Emotionen stehen nicht nachvollziehbar im Raum, ebenso die Beziehungen zwischen den Figuren. Angelegt ist der Roman als eine Mischung aus Krimi und persönlichem Drama, es fehlen ihm aber sowohl Spannung als auch Persönlichkeit. Songs for the Missing liest sich wie eine Reportage über einen Vermisstenfall, die verzweifelt versucht, alles Reißerische zu vermeiden und die Privatsphäre der Familie zu achten. Das wäre ein ehrbares Ansinnen, in Romanlänge aber gerät das ausgesprochen zäh.


