Fest im Glauben – „Fische im Trüben“ von Elli Unruh

Katharina die Große höchstselbst soll einst die Mennoniten ins russische Reich eingeladen haben. Bei späteren Staatsoberhäuptern aber waren sie nicht mehr so willkommen. Von einer der dennoch verbliebenen Gemeinschaften in Kasachstan erzählt Elli Unruh in ihrem Roman.

So süß und saftig wie der Aport ist kein anderer Apfel auf der Welt. In der weiten Steppe Süd-Kasachstans wachsen auf den Plantagen so viele von ihnen, dass man mit der Ernte gar nicht mehr nachkommt und im Sommer ein süßer Fäulnisgeruch über dem Land hängt. Aber auch anderes gedeiht hier prächtig – Melonen, Kartoffeln, Wein und fischreiche Gewässer vor einer imponierenden Landschaft versprechen Sorglosigkeit und endlose Sommer. In der Ferne ragen die beeindruckenden Gipfel des Tian Shan-Gebirges empor. Es könnte fast das Paradies sein, wäre man nicht Teil der deutschstämmigen Mennoniten-Gemeinde.

Hier wächst Krocha auf, Sohn der Familie Fest, und kennt kein anderes Leben. In den älteren Generationen sieht das anders aus. Viele erinnern sich an Deportation und Straflager, an Freunde und Verwandte, die spurlos verschwunden sind. Manche tauchen Jahre später wieder auf und sprechen nie über das, was sie erlebt haben. In der jetzigen Situation hat man sich irgendwie eingerichtet. Die Älteren versuchen, das Erbe aufrecht zu erhalten und die plautdietsche Sprache am Leben. Die Jüngeren wollen nur weg, raus, weiter in den Westen in ein freieres Leben. Sie wollen sich nicht länger belasten mit den dunklen Schatten, die das Leben in der Sowjetunion für sie immer haben wird.

„Und doch ist es ein gutes Land, ein reiches Land.“

– S. 11

Elli Unruh erzählt in ihrem Debütroman von einem Leben in der Schwebe, zwischen nicht willkommen sein und nicht gehen dürfen, zwischen Trauma und Alltag. Sie beleuchtet die Regeln und Rituale der Mennoniten, ihre Eigenheiten und auch ihre Sprache. Im Text finden auch etliche Plautdietsche Redensarten und Begriffe ihren Niederschlag.

Fische im Trüben ist nicht von seiner Handlung getrieben. Vielmehr erzählt der Roman in lose verbundenen Szenen vom Leben der mennonitischen Gemeinschaft, von Alltäglichem und Bedrohlichem und wie schnell eins zum anderen werden kann. Die Deutschstämmigen sind nicht wohlgelitten in der Sowjetunion. Die Miliz hat ein Auge auf sie und lauert auf den kleinsten Fehltritt, und seien es nur ein paar geklaute Äpfel im Kofferraum – oder auch eine ganze Menge. Die Familien im Dorf haben über die Jahre kreative Wege im Umgang mit der Mangelwirtschaft gefunden. Doch das Trauma der letzten Jahrzehnte, die Erinnerung an jene, die in den Lagern verschwanden, sitzt tief und verhindert auch die Verbindung zum Rest der Bevölkerung. Man bleibt unter sich, feiert und trauert miteinander, kennt, liebt und heiratet einander. Die Mennoniten sind Deutsche – egal, wie lange sie in Kasachstan leben.

Ein wenig schwingt Wehmut mit über den Verlust dieses Lebens, auch wenn es ein hartes war, aber immerhin geprägt von einer Gemeinschaft, die so nicht mehr existieren kann. Wer allerdings eine epische Familiengeschichte sucht, wird hier nicht glücklich werden. Fische im Trüben ist eine Zeitkapsel, die ein paar Jahrzehnte mennonitischen Lebens transportiert und dabei mehr auf Alltägliches als Spektakuläres setzt, in einzelnen Szenen schildert, was das Leben in dieser Gemeinschaft geprägt hat. Ein feinfühliges, leises Porträt einer besonderen Gesellschaft.


Elli Unruh: Fische im Trüben.
Transit 2025, 199 Seiten.

978-3-88747-420-1


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