Voller Wut – „Ich erkenne eure Autorität nicht länger an“ von Glenn Bech

Glenn Bech hat die Schnauze voll. In Ich erkenne eure Autorität nicht länger an prangert er mit Wucht und Sprachgefühl eine Gesellschaft an, die sich durch Ausgrenzung und Hybris auszeichnet.

Glenn Bech hat Dänemark von allen Seiten gesehen, das Hässliche und das noch Hässlichere. Aufgewachsen in der Hafenstadt Horsens in Jütland lernt er von klein auf, wie das Leben am Rande der Gesellschaft ist. Er ist nicht nur arm, er ist auch schüchtern und zurückhaltend und an der Schule als Mobbingopfer auserkoren. Als er in seiner Jugendzeit seine Homosexualität entdeckt, wird es alles noch schlimmer.

Dass er als Erwachsener zumindest äußerlich mitten in der Gesellschaft steht, ist keine Selbstverständlichkeit. Als erster in seiner Familie hat er studiert, ist Psychologe, hat sogar Literaturkurse besucht. Er lebt in der Hauptstadt, kann lange Haare haben und einen Freund, das ist alles ganz selbstverständlich in der modernen dänischen Gesellschaft. Oder auch nicht? Bech berichtet von Szenen offener Anfeindungen inmitten einer Gesellschaft, die glaubt, gegen Homophobie zu sein und im Ernstfall doch nichts gegen sie tut, in der man sich als Zeichen der Solidarität die Nägel lackiert und die offene Konfrontation doch scheut.

„es ist privilegiert sein Inneres in Worte fassen und übersetzen zu können“

– S. 106

Mit Bitternis berichtet er von der Stadt, in der er aufgewachsen ist, in der das Leben so provinziell und so langweilig ist, dass sein neues Umfeld darüber nur die Nase rümpfen kann. Eine Stadt, die ihm auch keine Heimat mehr sein kann. Doch ebenso wenig kann Kopenhagen es sein, denn auch, wenn er sich einen Platz in der akademischen Gesellschaft erkämpft hat – ein echter Teil davon kann er mit seiner Herkunft nicht sein.

In seinem Manifest macht er seiner Wut Luft – aber auch seiner Hoffnung, dass eine andere Gesellschaft existieren kann. Sein Buch widmet er „Dem Klassenkampf“ und formuliert seine Forderungen in kurzen, lyrisch anmutenden und locker gesetzten Passagen, die thematisch sortiert sind, aber nicht aufeinander aufbauen. Er unterteilt den Text in Themen wie „Ich & Meine Mutti“ oder „Provinzschwule sind Gott“. Er macht keinen Hehl daraus, dass viele derer, die seine Texte lesen, auch zu denen gehören, die er kritisiert. Das aber formuliert er nicht als Vorwurf, sondern als sehr deutlichen Hinweis auf die Privilegien, die viele überhaupt nicht mehr als solche begreifen.

Bech ist klar und radikal in seiner Anklage und in seinen Forderungen. Er gibt sich keinerlei Mühe, seine Wut zu verbergen und auch nicht seine Frustration, die immer deutlicher wird. Es ist kein einfacher Text oder vielmehr sind es keine einfachen Texte, die Bech hier schreibt. Ich erkenne eure Autorität nicht länger an ist kein Text, den man am Stück runterliest, sondern einer, dessen Passagen für sich stehen können und dürfen. Das Ergebnis ist ein lautstarkes Manifest, das eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft fordert. Statt Statistiken gründet Bech seine Forderungen auf Erfahrungen und auf rohe Emotion. Das fordert, aber hallt auch nach. Ein vielschichtiger Text, dessen Wahrheiten sich auch auf viele Gesellschaften abseits der dänischen übertragen und einfordern lassen.


Glenn Bech: Ich erkenne eure Autorität nicht länger an. Manifest.
Kröner 2023, 339 Seiten.

Aus dem Dänischen (OT Jeg anerkender ikke længere jeres autoritet, 2022) von Andrea Paluch.

978-3-520-62701-8


Dieses Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar überlassen. Meine Meinung wurde hierdurch nicht beeinflusst.


Wer mehr oder anderes zu dem Thema lesen will, kann auch mal bei Christian Baron vorbeischauen.


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