In einer bibliophilen Ausgabe hat der Kieler Kleinverlag Stirnholz gesammelte Kurztexte von Christopher Ecker herausgebracht. Ein Projekt, das aus dem Rahmen fällt und inzwischen wahrscheinlich nur eine Heimat finden kann in einem Verlag der „frei von kommerziellen Zwängen“ arbeitet.

Christopher Eckers Texte begleiten mich seit 2013, als ich einem Mitarbeiter des Mitteldeutschen Verlages gegenüber fälschlicherweise behauptete, gerne Thomas Pynchon zu lesen. Ich hatte in diesem Moment Pynchon mit irgendwem verwechselt, und ich weiß wirklich nicht mehr mit wem, fürchte aber, es war etwas so abwegiges wie Thomas Hardy. Auf jeden Fall meldete ich mich bei einem Verlagsabend als einzige auf die Frage, wer gerne Pynchon liest und bekam Fahlmann geschenkt. Es ist ein alter Reflex aus geisteswissenschaftlichen Studiengängen, einfach beflissen zu nicken, wenn man gefragt wird, ob man irgendwen mit einem auch nur vage bekannten Namen gelesen habe. Das bringt einen dann manchmal in blöde Situationen, in dem Fall aber brachte es mich in die sehr glückliche Position, auf einen Autor zu stoßen, der sonst ziemlich unter dem Radar fliegt.
Dabei ist er ein kluger, unterhaltsamer und bemerkenswert vielfältiger Autor – der tausendseitige Fahlmann, Kindergeschichten und Gedichte und wohl auch eine Sammlung schlechter Witze, die aber (zum Glück oder leider) vergriffen ist. Nun ist er also bei der ganz kurzen Form gelandet, die als Notizen aus einem Lager an der egozentrischen Grenze beim Kieler Stirnholz Verlag erschienen sind, in einer wirklich sehr schönen und auf hundert Exemplare limitierten Ausgabe mit Leineneinband. Ich habe immer Schwierigkeiten mit sehr schönen Büchern, weil ich für gewöhnlich Kaffeetassen und Weingläser darauf abstelle, was man aber bei Leinen nun wirklich nicht machen kann. Aber ist ein angemessener Rahmen für den durchaus ungewöhnlichen Inhalt. Mich zumindest hat es allein von der Haptik her an ein altes Poesiealbum erinnert oder an ein Buch, das man irgendwo, wo man zu Gast ist, aus einem Regal zieht und das auf jeder Seite neue Wunderlichkeiten verspricht.
„Er sah aus wie jemand, der einem nachts mit einer rostigen Küchengabel die Augäpfel entfernt, um dahinter nach Schätzen zu suchen.“
– S. 31
Die Notizen versammeln viel von dem, was ich auch an Eckers langen Texten sehr schätze – aberwitzige Geschichten, absurde Entwicklungen und Horrorszenarien in knappster Form. So viele Wendungen und so viel Unerwartetes in zwei, drei Sätzen kriegen wirklich nicht viele hin. Dazwischen kommen immer wieder Texte, die völlig alltägliche Szenen beschreiben, deren Essenz Ecker aber so hervorragend einfängt, dass man sich immer wieder an diese Beschreibungen und Bemerkungen erinnern wird. Leider habe ich mich jetzt auch schon mehrfach an die Spinnenläufer erinnert, die in einem Text auf der Jagd nach Silberfischen aus Bodenritzen gekrabbelt kommen, bevorzugt direkt vor dem Einschlafen. Natürlich kommt auch ein bisschen reiner Quatsch vor und Betrachtungen über das Schreiben, das Ausgedachte und die Realität.
Wer vorher noch gar keinen Kontakt mit Eckers Texten hatte, wird vielleicht erstmal etwas ratlos sein angesichts der Sprünge und Absurdität dessen, was man in diesem Buch findet. Aber das ist in seinen Romanen auch nicht anders, also ist es eigentlich egal, womit man anfängt. Die Notizen sind natürlich nicht gedankenverloren hingekritzelte Texte eines Autors, auch wenn im Buch selbst kolportiert wird, dass es entstanden sei, weil der Autor angesichts der Notwendigkeit, ein neues Buch zu schreiben zu müssen bemerkt habe, dass er ja im Grunde nur seine Notizen abtippen müsse. Die Texte sind sorgsam konstruiert und zusammengestellt, sodass sich eine Lektüre der Reihe nach empfiehlt. Auch dann aber muss man sich einlassen auf abrupte Wechsel und Brüche, findet aber jede Menge Lesens- und Bedenkenswertes in diesem Buch.


