Popcorn in der Finsternis – „Children of Paradise“ von Camilla Grudova

Ein in die Jahre gekommenes Kino bildet die Kulisse für Children of Paradise. Es ist die erste Anlaufstelle in einer fremden Stadt für die junge Holly, die bald entdeckt, dass nicht hinter allen Türen das ist, was man erwarten würde.

Cover von Children of Paradise

Das Paradise ist eines dieser kleinen Kinos, die man gelegentlich in Großstädten noch findet, die gerade noch zwischen charmant gealtert und hoffnungslos überholt schweben. Holly hätte es wahrscheinlich übersehen, hätte nicht ein Schild vor der Tür gestanden, dass Mitarbeitende gesucht werden. Sie ist gerade neu in dieser Stadt in einem nicht näher benannten Land, von dem man annehmen kann, dass es Schottland ist – zumindest gibt es den Hinweis, dass das Land mehr Friedhöhe als sonstwas hat und die Leute in einem merkwürdigen Akzent sprechen.

Was Holly in dieser Stadt eigentlich machen wollte, erfährt man nicht. Vermutlich ist sie nicht dorthin gekommen, weil sie unbedingt mal in einem nicht beheizbaren WG-Zimmer wohnen und vollgekotzte Kino-Klos putzen wollte. Nun aber tut sie es. Die Schar der übrigen Angestellten ist eine morbide Ansammlung von sehr speziellen Menschen, deren Leben einzig um das Kino und die anderen dort arbeitenden Menschen zu kreisen scheint. Sally geht es bald nicht anders. Sie verdient wenig und arbeitet viel und das nach einem Schichtplan, der höchstens eine Woche im Voraus bekanntgegeben wird. Soziale Kontakte außerhalb des Kinos hat sie nicht und ihrer Freizeit guckt sie ausschließlich Filme, unter mehreren Decken in ihrem kalten Zimmer liegend, damit die anderen sie bitte hoffentlich bald als Film-Freak erkennen und vor allem anerkennen. Die Paradise-Crew ist ihre einzige Chance gegen die Einsamkeit.

Das Paradise selbst ist so speziell wie seine Mitarbeiterschaft. Es wimmelt von Ratten, es gibt Luken im Boden, unter denen direkt die Kanalisation der Stadt fließt, einen Altar für einen nicht näher bezeichneten Gott und Gerüchte um einen zweiten Kinosaal, den der erste Eigentümer für seine „Privatvorführungen“ eingerichtet haben soll und den noch niemand gefunden hat. Die Gäste verlieren laufend verschreibungspflichtige Medikamente, Drogen, Geld und Schmuck und alle verlieren unterschiedlichste Körperflüssigkeiten in unangenehmen Mengen. Das Paradise ist ein eigener Kosmos mit eigenen Regeln und wer einmal zu tief reingestiegen ist, kommt so leicht nicht mehr raus – zumindest nicht lebend.

Aufgeschlagenes Buch mit der Seite des Zitats

„I was puffy-looking, fat, pasty. A life of booze, popcorn, hotdogs, and sitting still in the dark.“

– S. 103

Die Rezensionen für dieses Buch fallen auf vielen Plattformen nicht besonders positiv aus, vor allem weil Menschen es eklig finden*. Diese Einschätzung ist nicht von der Hand zu weisen und man kann sicher charmantere Geschichten von Kinos erzählen, man muss es aber eben nicht. Ich schätze Grudova sehr für ihren morbiden Einfallsreichtum und für ihre sehr elegante Balance auf der dünnen Grenze zwischen Realität und Phantastik. Im Paradise gibt es geheime Gänge, dunkle Geheimnisse, mysteriöse Gestalten und allerlei Unerklärliches – oder auch nicht, wenn man bedenkt, dass alle Mitarbeitenden alle Drogen konsumieren, die sie nach der Vorstellung im leeren Saal finden. Camilla Grudova schreibt elaborierte Fieberträume – wie auch schon in Das Alphabet der Puppen, das mich vor ein Bücherregal-Dilemma stellt. Ich neige nicht zu Aberglauben, habe mich aber unwohl gefühlt, als Grimm und Grudova nebeneinander in meinem Wohnzimmer standen. Ich glaube nicht, dass die beiden Kontakt haben sollten. Deshalb liegen die Grimms jetzt schon eine ganze Zeit quer weiter oben im Regal, was ja aber auch kein Zustand ist. Wenn also jemand sehr unverfängliche Lektüre kennt, deren Verfasser*in sich gut zwischen Grimm* und Gru* machen würde, freue ich mich über Hinweise.

Zurück aber zu Children of Paradise – Grudova hat mit dem angestaubten Kino einen großartig funktionierenden Mikrokosmos geschaffen. Es ist eine Welt, die die allermeisten Menschen kennen und die zugleich nur funktioniert, weil man sie eben nicht kennt und immer nur einen Bruchteil zu sehen bekommt. Einen Kinosaal bei Putzlicht sieht man äußerst selten und wahrscheinlich ist es auch besser, wenn man die Getränkehalter nur im Dämmerlicht sieht. Kinos sind dazu da, eine Grenze zur Außenwelt zu setzen, einen in Unwissen darüber zu lassen, was gerade draußen passiert, ob es regnet oder dunkel wird, während drinnen die Schuhsohlen bei jedem Schritt an zehn Jahre altem Popcorn-Karamell kleben bleiben. Sie sind Orte, an denen man bewusst und absichtlich die Realität verlässt. Diese Geschichte funktioniert aber eben auch nur in genau dieser Sorte Kinos, in denen es nur obskure Süßigkeiten und maximal zwei Säle gibt und die inzwischen eine Rarität sind. Auch über dem Paradise schwebt stetig die drohende Schließung. Das Schlimmste, da sind die Mitarbeitenden sich einig, wäre, wenn es einfach ein weiterer Pub in einem alten Kino würde. Schlimmer auf jeden Fall als die anstrengenden Gäste, die wieder und wieder die Toiletten mit ihren Ausscheidungen verstopfen.

Vieles im Roman wird über Filme oder zumindest ihre Titel transportiert. Sie setzen die Eckpunkte der Handlung, sie dienen als Kapitelüberschriften und sie sind auch die einzige zeitliche Hilfestellung – der Roman spielt auf jeden Fall deutlich nach Inglourious Basterds und wahrscheinlich kurz vor und nach Mary Queen of Scots. Ansonsten schwimmt man zeitlich und räumlich in einem Niemandsland. Grudova setzt mehr auf die Atmosphäre des Romans als auf die Entwicklung der Charaktere. Die ist durch den engen Rahmen und die relative Kürze der Handlung begrenzt und auch dadurch, dass die Protagonistin sie von Anfang an nicht versteht.

Grudova überzeugt mit sicherem Stil und düsterem Einfallsreichtum. Children of Paradise ist ein skurriler, surrealer Roman, dessen Grenzen nicht immer da verlaufen, wo man sie erwartet hätte. Wer so etwas schätzt, findet in dieser Autorin eine zuverlässige Quelle für immer neue Albträume am Rande der Realität.


Camilla Grudova: Children of Paradise.
Atlantic Books 2023, 199 Seiten.

9781838956349

Buchrücken von Children of Paradise

* In einem lesenswerten Text für Granta sagt Grudova, dass sie selbst seit Jahren in Service-Jobs arbeitet und Menschen, die sagen, ihre Schilderungen seien unnötig ekelhaft, diese Arbeitserfahrung wahrscheinlich einfach fehlt. Als ehemalige Angestellte in Service-Jobs kann ich nicht widersprechen. Menschen machen merkwürdige Dinge.


5 Antworten zu „Popcorn in der Finsternis – „Children of Paradise“ von Camilla Grudova”.

  1. Avatar von Christoph
    Christoph

    Den Roman kann ich mir auch gut als Verfilmung vorstellen. Zum Beispiel – um jetzt mal eine elegante Überleitung hinzubekommen – von Darren Aronofsky, dessen „The Whale“ zur Zeit in der ARD-Mediathek zu sehen ist.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Eine wirklich sehr elegante Überleitung! Guck ich mir an 🙂

      Übrigens kannte ich mal jemanden, der jedwedes Thema gekapert hat mit „Well, that’s interesting. Do you know what’s also interesting?“ um dann von etwas völlig anderem zu sprechen. Nur für den Fall, dass du auch mal eine weniger elegante Überleitung brauchst.

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      1. Avatar von Christoph
        Christoph

        Das werde ich mir auf jeden Fall merken. 🙂

        Aber ich kann mir tatsächlich gut vorstellen, dass der Roman auch als Film gut funktioniert – erst recht natürlich, wenn die Verfilmung dann auch noch in einem entsprechenden Kino gezeigt wird.

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        1. Avatar von schiefgelesen

          Ja, das kann ich mir in der Tat auch gut vorstellen. Ich weiß aber nicht, ob ich ihn in meinem Kino zeigen würde oder ob die Sorge zu groß wäre, dass im Anschluss kritische Blicke auf die Sitzbezüge geworfen werden.

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  2. […] hat mehr zu Grudova und verweist auf einen anderen Text von ihr in Granta: My art has often been criticised for being […]

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